Film-Dokumentation

Volker Schlöndorff hatte nie Angst vor Hetzkampagnen

„Sympathisanten - Unser deutscher Herbst“: Volker Schlöndorff wurde für die Dokumentation von seinem Stiefsohn Felix Moeller befragt.

„Sympathisanten - Unser deutscher Herbst“: Volker Schlöndorff wurde für die Dokumentation von seinem Stiefsohn Felix Moeller befragt.

Foto: Börres Weiffenbach / NFP

Essen.  Felix Moeller hat für seine Doku „Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“ seine Eltern Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff befragt.

Nach dem „Deutschen Herbst“ von 1977 mit dem Ende der Entführung einer Lufthansa-Maschine nach Mogadischu und den Selbstmorden der Terroristen in Stammheim kam das Wort „Sympathisant“ aus der Mode. Seit Beginn der 70er-Jahre war es zu einer Hetzvokabel geworden, gemünzt auf linke Intellektuelle, die eine kritische Einschätzung der Gesellschaft mit den RAF-Terroristen teilten und eine Ausein­andersetzung mit ihnen auch jenseits von Polizei-Maßnahmen forderten. Heinrich Bölls Sohn René glaubt bis heute, dass der frühe Tod seines Vaters auch darauf zurückgeht, dass er von der Springer-Presse so denunziert wurde, wie er es dann in dem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schilderte.

René Böll kommt damit (neben Daniel Cohn-Bendit, Peter Schneider, René Böll, Christof Wackernagel und Marius Müller-Westernhagen) in Felix Moellers Dokumentation „Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“ zu Wort. Moeller interviewte dazu vor allem seine prominenten Eltern, die Regisseurin Margarethe von Trotta (die ihn auch ihre Tagebücher lesen ließ) und seinen Stiefvater, den Regisseur Volker Schlöndorff, dem gerade erst vom Bundespräsidenten der Verdienstorden der Bundesrepublik verliehen wurde. Mit ihm sprach Jens Dirksen über Moellers Dokumentation. Sie ist am 16. Juli 2019 auf Arte (22.05 Uhr) zu sehen, am 17. Juli im Ersten (22:45 Uhr).

Haben Sie das Wort „Sympathisant“ damals als Schimpfwort oder als Auszeichnung empfunden?

Volker Schlöndorff Nein, es war schon ein sehr lautes Schimpfwort. Alexander Kluge hat mir damals gesagt: Volker, du wirst sehen, vor der Geschichte wird das mal eine Auszeichnung sein! Aber das habe ich nie geglaubt. Es war falsch, dass das Wort immer auf die Taten der RAF bezogen wurde. Man soll Sympathie für Menschen haben, aber doch nicht dafür, dass Menschen gezielt umgebracht werden. Das ist vollkommen unmöglich!

Haben Sie Ihre Urteile und Einschätzungen zum „Deutschen Herbst“ nach der Befragung durch Ihren Stiefsohn verändert?

Nein, ich kann nicht sagen, dass mir die Augen aufgegangen sind. Ich habe nur eines zum ersten Mal so gesehen: Ich wusste bis dahin nicht, wie sehr das die Familie belastet hat. Ich bedaure heute sehr, nicht darauf geachtet zu haben, wie viel Angst da in der Familie entstanden ist.

Sie selbst hatten keine Angst? Obwohl es in der Springer-Presse auch Hetze gegen Sie und Margarethe von Trotta gab?

Nein, ich würde nicht sagen, dass ich Ängste gehabt habe. Ich habe das alles immer mit Abstand erlebt.

Musste Ihr Stiefsohn Felix Moeller Sie lange dazu überreden, bei „Sympathisanten“ mitzumachen?

Ach nein, da war ich sofort bereit. Das war ja auch eine Art Familienalbum. Ich fand und finde es mutig von Felix, diese Auseinandersetzung zu suchen mit dem, was er als Kind erlebt hat. Ich war mir nicht so sicher, ob das eine gute Idee war, weil er eigentlich zu sehr betroffen war. Aber es ist offenbar doch irgendwie sein Thema. Und wir haben unseren Eltern ja immer vorgeworfen, dass sie nicht über den Nationalsozialismus geredet haben – da haben wir eine Verpflichtung, darüber zu reden, das ist das Mindeste. Er agiert in dem Film ja auch als Historiker, der er ist. Er lässt widersprüchliche Aussagen gegeneinander stehen, ohne Kommentar, ohne den Versuch, etwas zu begradigen oder hinzubiegen.

Da sind andere Kinder von ‘68ern weitaus polemischer.

Das habe ich nie verstanden, warum die Kinder der ‘68er so heftig gegen die ‘68er sind – außer dass sie wie alle Kinder Opposition gegen ihre Eltern machen. Wir haben immer gesagt, das Private und das Politische sind eins. Das wird aber von den Kindern der ‘68er so nicht akzeptiert.

Marius Müller-Westernhagen sagt in dem Film: „Es war damals schon schick, zu sympathisieren.“ Aber Sie haben Gefangene besucht und sich um diese gekümmert.

Ja, wir haben mit den Menschen sympathisiert, als sie eingesperrt waren. Wir sind ja alle gemeinsam ’68 mal aufgebrochen und ich habe gesagt: Lasst uns doch den Dialog weiterführen. Die haben dann versucht, das auszunutzen, das habe ich noch in Kauf genommen. Aber am Ende hatten sie sich in einen kollektiven Wahn gesteigert. Da waren sie nicht nur im Knast, sondern auch in der Gesellschaft total isoliert, es hat sich ja niemand mehr ernsthaft inhaltlich mit ihnen auseinandergesetzt. Ich würde mir wünschen, dass hinter dem Selbstmord die Einsicht stand, dass sie sich verrannt hatten und sich verloren. Das war einfach Irrsinn.

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