Tiermedizin

Pferdephysiotherapeutin hilft Tieren wieder auf die Sprünge

Die Griffe müssen sitzen: Wie menschlichen Physiotherapeuten stehen auch Pferde-Physios unzählige Therapiemethoden zur Verfügung.

Die Griffe müssen sitzen: Wie menschlichen Physiotherapeuten stehen auch Pferde-Physios unzählige Therapiemethoden zur Verfügung.

Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   Brinja Riedel betreibt in Speldorf eine Pferdephysiotherapie-Praxis. Dort hilft sie nicht nur den Tieren, sondern berät auch deren Reiter.

Ernie scheint die Vibrationen zu genießen. Der Wallach bleibt in aller Seelenruhe stehen, als Brinja Riedel den BMS-Hippo, ein flexibel einsetzbares elektronisches Tier-Therapiegerät ansetzt. So einfach wie Ernie macht es ihr aber bei weitem nicht jedes Pferd. Die Pferdephysiotherapeutin empfängt in ihrer Praxis am Broicher Waldweg Huftiere mit verschiedensten gesundheitlichen Problemen und Bedürfnissen. Eine stetig neue Herausforderung:

„Jedes Tier ist ein Individuum. Ich versuche immer, mit so wenig Vorbehalten wie möglich an das Pferd heranzutreten. Es ist eine große Schwierigkeit, dass man dazu neigt, in Schubladen zu denken, nach dem Motto ‘Ein Pferd mit diesen Problemen hatte ich letzte Woche schon, das mache ich dann jetzt mal genau so’ “, betont sie.

Kostenintensives Studium

Wer diesen Job lernen und ausüben will, sollte zunächst viel Zeit und nicht zuletzt auch ein wenig Kleingeld auf der hohen Kante haben. „Es ist ein privates, zweijähriges Studium, in dem sehr viel Selbstlernen erforderlich ist, es gibt da keine Hausaufgaben oder Zwischenprüfungen. Zudem muss man es voll selbst zahlen. Da reden wir von 4000 bis 5000 Euro“, sagt die 27-Jährige, die vorab eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin abschloss.

Ebenfalls von Vorteil ist eine genaue Beobachtungsgabe im Umgang mit dem Pferd: „Wir sprechen kein Pferdisch. Mimik ist wichtig. Wir gucken den Pferden beim Testen immer ins Gesicht und müssen auf Details achten.“ Auf ein Anspannen der Augen, der Maulfalte, ein Verdrehen des Ohres oder das Vergrößern der Augen, um während der Behandlung schnell reagieren zu können.

Genaue Kenntnisse der Anatomie nötig

Aber: „Das Wichtigste sind das Feingefühl in den Händen und genaue Kenntnisse der Anatomie. Man muss wissen, was man in der Hand hat.“ Ist die Behandlung am Tier abgeschlossen, steht für den Pferdephysiotherapeuten noch eine weitere große Aufgabe an. Schließlich „hängt ja noch jemand an der anderen Seite des Stricks“, wie es die Mülheimerin formuliert. „Viel von dem, was wir machen, ist Psychologie, gerade in Kundengesprächen. Oftmals sind die Besitzer gefragt, Kompromisse zu finden und Dinge im Sinne des Pferdes zu verändern, die sie vorher immer gemacht haben.“

Falsche Reitweisen beeinflussen die Gesundheit

Dies, weil sie es womöglich schon falsch gelernt haben. „Ich mache auch viel Aufklärung, weil die Ausbildungsqualität in den Reitschulen immer weiter sinkt.“ Häufig kommen Pferde mit Problemen zu ihr, die mit dem Stoffwechsel des Tieres verbunden sind. Schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung oder falsche Reitweisen beeinflussen die Gesundheit. Therapiemöglichkeiten gibt es – wie beim menschlichen Pendant – mehr als genug: „Es gibt zig verschiedene Therapiemethoden, aus denen sich jeder Therapeut eine rausfischt. Elektronisches, Magnetfeldtherapien, Vibrationstherapien, Akupunktur, Kinesio-Bänder – alles dabei.“

Selbstständigkeit schreckt viele ab

Die Anzahl derer, die das kostspielige Studium auf sich nehmen, steigt. Zum Beruf machen es jedoch nur wenige: „Es werden immer mehr, viele machen die Ausbildung aber nur für sich und ihre eigenen Tiere. Direkt nach dem Studienabschluss geht es in die Selbstständigkeit, was viele wohl abschreckt“, sagt Brinja Riedel, die ihr erstes eigenes Pferd bereits im zarten Alter von elf Jahren bekam. Sie bereut den Sprung ins kalte Wasser nicht. Auch wenn selbst bei ihr nicht immer alles nach Plan läuft: „Wir versuchen natürlich, immer so feinfühlig zu sein wie irgendwie möglich, aber manchmal bleibt es einfach nicht aus, dass Pferde beißen, steigen oder treten.“ Über die harscheste Reaktion eines Pferdes im Laufe ihrer Therapeuten-Karriere kann sie jedoch mittlerweile lachen: „Mein Flugrekord liegt bei vier Metern.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik