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Seine Rolle in „Charité“ bringt Ulrich Noethen zum Grübeln

Ulrich Noethen spielt in „Charité“ den berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch.

Ulrich Noethen spielt in „Charité“ den berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch.

Foto: STEFAN ZEITZ / imago/Stefan Zeitz

Berlin.   Ulrich Noethen spielt ab 19. Februar in der Serie „Charité“ wieder eine Rolle aus der NS-Zeit. Das bringt ihn zu aktuellen Fragen.

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Kinder kennen ihn als Herrn Taschenbier, Freund des Sams oder Petterson, Freund des Findus. Erwachsene wissen: Ulrich Noethen (59) kann so ziemlich alles spielen. Immer wieder auch in Filmen über die NS-Zeit.

Er verkörperte verfolgte Juden und einen Nazijäger, Kriegsheimkehrer, Mitläufer und mit Heinrich Himmler einen der Haupttäter. In der zweiten Staffel „Charité“, die ab 19. Februar im Ersten läuft, spielt er den berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs.

Beim Interview mit Anne Diekhoff in Berlin spricht Noethen von seinem Vater und wie der von früher erzählte. Außerdem tanzt er etwas vor und überlegt, ob seine Kinder ihn jung halten.

Herr Noethen, Sie haben mit Ihrer Arbeit die NS-Zeit von vielen Seiten beleuchtet. Welche Rolle spielte der Umgang damit in Ihrem Leben, bevor Sie Schauspieler wurden?

Noethen: Das hat mich schon früh beschäftigt. Es war ein eigenartiges Spannungsverhältnis, dass mein Vater Pfarrer war und trotzdem als Offizier der Wehrmacht in Frankreich und in Russland. Als Oberschüler wurde es für mich zum Thema, und das hat sich im Studium fortgesetzt. Auch die Verstrickung eines großen Teils des juristischen Standes in den Nationalsozialismus hat mich damals empört. Dass nach 1945 so viel unter den Teppich gekehrt wurde.

Wurde bei Ihnen zu Hause darüber gesprochen?

Noethen: Ja, mein Vater hat davon erzählt, auch seinen Weg beschrieben. Er, Jahrgang 1920, war in einem christlichen Jugendverband, und auch diese Organisation wurde dann irgendwann gleichgeschaltet. Er beschrieb die Selbstverständlichkeit, mit der er dann im Arbeitsdienst war und später bei der Wehrmacht als Infanterist eingesetzt wurde.

Hat Ihnen die Erklärung gereicht?

Noethen: Ich konnte sie nachvollziehen. Ich hab aber nicht gestochert, nicht wahnsinnig nachgefragt. Vieles erscheint mir heute anekdotenhaft. Mir genügt, dass mein Vater später über sich und seine Generation bestürzt den Kopf geschüttelt hat. Zeitgenossenschaft allein macht noch nicht schuldig.

In „Charité“ spielen Sie eine historische Figur, den Mediziner Sauerbruch, dessen Rolle im „Dritten Reich“ gilt als nicht eindeutig. Wie nähern Sie sich so jemandem an?

Noethen: Man muss sich nur mal den Wikipediaeintrag über Sauerbruch durchlesen, dann hat man das Gefühl, es ist ein Oszillieren zwischen „Klar, hat der sich schuldig gemacht“ und „Ich weiß gar nicht, was ihr wollt: Er hat versucht, aus dem Mist das Beste zu machen“. Für mich bleibt festzuhalten, dass da ein ganzer Bereich von Empathie einfach abgeschaltet wurde.

Was heißt diese Unklarheit für Sie?

Noethen: Da liegt vielleicht das Beruhigende, dass diese Dinge so komplex sind, dass ich sie nicht einfach so in den Griff kriegen kann. Es wäre sehr einfach, zu sagen, der hat sich schuldig gemacht, klar. Als Staatsrat und Aushängeschild des Naziregimes, im Reichsforschungsrat als Mitwisser von Menschenversuchen. Auf der anderen Seite sprechen viele Sachen für ihn. Viel interessanter ist für mich die Frage: Was bedeutet das für uns heute? Wo sind die Bereiche, wo unsere Gesellschaft, wo wir bereit sind, Empathie abzustellen? Was nehmen wir in Kauf? Wo fängt bei uns das Mitläufertum an?

Sie reden von einem wachsenden Rechtsextremismus?

Noethen: Nicht nur, aber auch. Wie sterben Demokratien, und was kann man dagegen tun? Große Verantwortung liegt bei den Parteien. Wenn ich sehe, dass Teile der Union, ich glaube in Sachsen, damit liebäugeln, auch mit der AfD zu koalieren, dann sage ich: Entschuldigt, liebe Leute, das dürft ihr nicht tun, da müsst ihr beweisen, dass ihr an die Demokratie glaubt, da fängt eure Verantwortung als Demokraten an. Wenn ihr das nicht kapiert habt, dann habt ihr nichts kapiert.

40 Prozent der jungen Deutschen wissen laut einer Umfrage kaum etwas über den Holocaust. Hatten Sie bei „Charité“ das Gefühl, die jungen Kollegen müssten an das Thema ganz neu herangeführt werden?

Noethen: Ganz neu, nein. Aber ich bin ja noch mit der Generation, die das miterlebt hat, groß geworden. Ich weiß noch, wie die miteinander gesprochen haben, wie die miteinander umgegangen sind. Deswegen ist es mir sehr viel näher als den Jüngeren. Es rutscht jetzt weiter weg, es wird fremder. Es wird so abstrakt.

Haben Sie das angesprochen?

Noethen: Nein. Es ist nicht meine Aufgabe, jüngeren Kollegen ungebeten Nachhilfe zu geben. Als älterer Kollege muss ich sowieso vorsichtig sein und mich mit Vorschlägen zurückhalten.

Neigen Sie zum Reinreden?

Noethen: Ich bin ja ein berühmter Flankenregisseur. [Er lacht.]

Apropos „als älterer Kollege“: Sie werden in diesem Jahr 60. Bedeutet Ihnen die Zahl etwas?

Noethen: Der Tod meines Vaters im vergangenen Jahr hat mir mehr zu denken gegeben als die 60. Dass meine Geschwister und ich jetzt in der ersten Reihe stehen. Der größte Teil meines Lebens liegt eindeutig hinter mir. Das beschäftigt mich schon.

Erschrickt es Sie? Spornt es Sie an?

Noethen: Ich weiß nicht, ob die Konsequenz ein Wechsel in der Lebensführung ist. Ich denke, man muss es so hinnehmen. Vielleicht kommen Katastrophen, vielleicht passiert noch etwas besonders Schönes. So ist es halt.

Ihre jüngste Tochter ist jetzt fünf. Hält Sie das Leben mit Kindern jung?

Noethen: Das hab ich mich auch schon gefragt. Es ist ein Klischee, aber es ist auch viel Wahres dran: Allein der Kontakt mit gewissen Eigenartigkeiten der Jugendkultur, die sonst an mir vorbeigegangen wären ...

... Ulrich Noethen steht auf und tanzt kurz den „Floss“-Tanz aus dem Videospiel „Fortnite“. Lacht und sagt: Das macht der 14-Jährige immer.

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