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Ronald Zehrfeld: „Mein Körper ist die beste Antenne“

Ronald Zehrfeld wurde in der Wendezeit in Berlin erwachsen.

Ronald Zehrfeld wurde in der Wendezeit in Berlin erwachsen.

Foto: Sergej Glanze

Berlin.  Schauspieler Ronald Zehrfeld über die Vorteile, die ihm sein Körper im Job bringt - und wie er den Mauerfall vor 30 Jahren erlebt hat.

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Immer ist er der Mann aus dem Osten. In seinem jüngsten Film „Was gewesen wäre“ – der am 13. November Premiere feiert und am 21. November in die Kinos kommt – spielt Ronald Zehrfeld dagegen zum ersten Mal einen Mann aus dem Westen.

Der damit umgehen muss, dass seine Freundin (Christiane Paul) ihrer alten Liebe aus dem Osten begegnet. Ein etwas anderer Beitrag zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Peter Zander hat mit dem Schauspieler, der einst im Judo-Kader der DDR war, in Berlin gesprochen.

Herr Zehrfeld, immer spielen Sie den Mann aus dem Osten. War das mal eine Erlösung, einen Westler spielen zu dürfen?

Ronald Zehrfeld: Nicht wirklich. Wenn ich Figuren mit einer Ost­sozialisierung spiele, kann ich einfach so einen Duktus oder eine soziale Komponente herstellen. Im Hinblick darauf, wie so ein Wessi ist, musste ich passen. Mehr noch: Ich musste sogar so tun, als ob ich nichts wüsste über die DDR. Das war hier eher die Herausforderung.

Haben Sie Angst, im deutschen Kino der „Ostler vom Dienst“ zu sein?

Zehrfeld: Angst nicht. Spannend ist nur, dass ich das immer wieder gefragt werde. Ich kann nur sagen, das waren in den letzten 10, 15 Jahren einfach oft die Themen, die verfilmt wurden. Das hängt mit unserer Historie zusammen, wir Deutschen brauchen halt ein bisschen, um unsere Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich stehe zu all den Filmen über Ost-Themen, die ich gemacht habe. Es gab auch etliche, die ich abgelehnt habe, weil mir etwas fehlte. Aber ich habe auch nichts dagegen, wenn ich mal für andere Themen besetzt werde. Ich hoffe schon, dass sich die Bandbreite da noch etwas erweitert.

„Was gewesen wäre“ spielt im Heute, verhandelt aber die Zeit kurz vor der Wende. Was verbinden Sie mit dem 9. November?

Zehrfeld: Ich erinnere immer noch diese totale Überraschung. Dieser gestammelte Satz von Schabowski , „Das gilt… ab sofort…“ Aber schon die Wochen davor waren ja wahnsinnig emotional. Ich war im Sommer 1989 mit meinen Eltern noch an der Ostsee, im FDGB-Camp. Alle Erwachsenen waren total angespannt. Man sprach über die Botschaften in der Tschechoslowakei und Ungarn, man sprach über den Zaun. Ich war am 9. November in der Sportschule beim Judo, bei Dynamo. Ich weiß noch, am Freitag war kaum jemand beim Training. Und Samstag war ich das erste Mal drüben im Westen. Das war ein totales Glücksgefühl, dem ich aber nicht recht getraut habe als Zwölf-, 13-Jähriger. Ich dachte immer, die machen die Mauer bestimmt wieder dicht.

Sie waren damals im Olympia-Kader für die DDR. Bei aller Euphorie über die Maueröffnung: Ist da auch ein Traum geplatzt?

Zehrfeld: Der Traum ist geplatzt, ganz klar. Natürlich habe ich von Olympia geträumt. Im Osten hat man ja früh selektiert, das fing schon im Kindergarten an. Sport war auch eins der wenigen Dinge, mit denen die DDR außenpolitisch punkten konnte, um zu beweisen, dass man ein souveräner Staat war. Klar war ich damals stolz dazuzugehören. Von all den Dopingfällen wusste man ja noch nichts. Ich weiß auch nicht, was man mir in meine Kraftgetränke reingemacht hat. Als Sportler hattest du auch eine Möglichkeit, um vielleicht in die Welt reisen zu können, in die NSW-Länder, also die des nicht-sozialistischen Wirtschaftssystems. Aber das mit den Reisen ging dann plötzlich auch so. Und ich habe damals einfach alles aufgesaugt an Neuem. Insofern konnte ich das gut verschmerzen. Und wenn ich gesehen habe, wie Anfang der 90er überall die Arbeitslosigkeit zunahm, ging es da um ganz andere Nöte und Sorgen.

Ihr Film heißt „Was gewesen wäre“. Sind das auch Fragen, die Sie sich selbst stellen? Etwa: Wäre ich zu Olympia gekommen?

Zehrfeld: Natürlich. Auch in der Hinsicht: Was hätte besser laufen können? Oder was wäre gewesen, wenn diese sozialistische Idee doch geklappt hätte, wenn man früher Reformen gemacht hätte? Ich habe darauf aber keine adäquaten Antworten. Ich bin einfach dankbar, dass diese Revolution so friedlich verlaufen ist. Und dass wir plötzlich alle Möglichkeiten hatten. Man hat es jetzt in der Hand, sich verwirklichen zu können. Für mich einer der größten Werte, die wir haben.

Am Ende des Films passieren Sie illegal die Grenze von Ungarn. Das ist ein ganz spannender Aspekt dieses Films, dass er nicht nur zurückschaut. Wir reden gerade alle über die Mauer, die damals gefallen ist. Aber da steht plötzlich wieder eine, genau dort, wo sie damals durchlässig war.

Zehrfeld: Dass man jetzt wieder Mauern hochzieht, erschreckt mich. Wir dürfen uns mit unseren Nationalismen nicht gegenseitig im Weg stehen. Wir drehen uns alle viel zu sehr um uns selbst. Es braucht ein starkes Europa, das eine gemeinsame Migrationspolitik entwickelt. Ich bin selber bei einem Projekt von „Ärzte helfen“ in Gambia tätig, einem der kleinsten Länder in Afrika. Man muss die Fluchtgründe vor Ort bekämpfen, damit die Leute in ihren Ländern bleiben. Wenn wir als Europa aber nicht zusammenstehen, dann potenzieren sich die Probleme.

Bei jedem Porträt über Sie kommt irgendwann der Verweis, dass Sie sehr physisch spielen, was ja im deutschen Kino auch sehr selten ist. Kommt das auch vom Sport?

Zehrfeld: Ich denke ja. In der Schauspielschule merkte ich den Unterschied sehr deutlich. Da wirst du zusammengewürfelt mit ganz unterschiedlichen Kollegen. Es gibt welche, die sehr vom Kopf kommen, denen aber noch der Dreck unter den Fingernägeln fehlt. Es gibt welche, die sehr vom Bauch kommen, mit dieser Energie aber noch nicht umgehen können. Ich habe für mich entdeckt, dass mein Körper die beste Antenne ist.

Sie selber bezeichnen sich auch gern als „das Vieh Zehrfeld“. Warum?

Zehrfeld: Bei manchen Freunden heiße ich Ronski, bei manchen Ronson oder Ronny. Leute aus dem Westen fragen mich gern, ob ich Probleme damit hätte, als Ostler mit Ronny angesprochen zu werden. Nee, habe ich nicht. Aber durch den Sport und meine Körperlichkeit haben mich auch viele, gerade im Sommer, beim Schwimmen, scherzhaft als Vieh bezeichnet. Das stand dann so im Raum. Genauso wie der Obelix, der in einen Topf namens Judo gefallen ist. Ich habe nun mal diese Körperlichkeit, ich weiß nicht, was geworden wäre, wenn ich nicht beim Sport gewesen wäre. Ich bin sehr dankbar dafür.

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