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Radikale Erziehung – Wenn Kinder keine Grenzen kennen

Familie Rawnsley aus Yorkshire.

Foto: Channel 4 Televison / Jude Edginton

Familie Rawnsley aus Yorkshire. Foto: Channel 4 Televison / Jude Edginton

Berlin/London  Großbritannien diskutiert über ungewöhnliche Erziehungsformen: Ein Elternpaar lässt seine sieben Kinder alles machen, was sie wollen.

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Es ist Dienstagabend, fast 23 Uhr in einer verkehrsberuhigten Straße im nordenglischen Hebden Bridge (West Yorkshire). Zeit für einen Mitternachtssnack. Phoenix (6) holt sich ein Eis aus dem Kühlschrank in der Küche. Wenig später bekommt auch sein kleiner Bruder Hunter (5) Lust und biegt um die Ecke. Zusammen mit seinen Brüdern Finn (12), Zephyr (3) und Schwester Pearl (8) holen sie noch mehr Eis raus und fangen an, es mit Mini-Marshmallows zu dekorieren.

Bei der Familie Rawnsley ist alles ein wenig anders, als es so manche Norm will. Denn die Eltern Gemma (35) und Lewis Rawnsley (31) machen ihren Kindern keine Vorschriften. Seit Wochen staunt ein britisches Millionenpublikum über das Paar und ihre sieben Kinder. Die Briten wundern sich über den alternativen Erziehungsstil , dem immer mehr Eltern und Pädagogen nicht komplett abgeneigt sind.

Eine Glatze scheren? Mit der Axt spielen? Alles erlaubt

In der Sendung „Feral Families“ („Verwilderte Familien“), die auf dem englischen Sender Channel 4 läuft, lassen sich drei Familien begleiten, die ihren Kindern sehr viele Freiheiten einräumen – bei besagten Rawnsleys scheint es jedoch am Wildesten zuzugehen.

Du willst dir eine Glatze schneiden? Kein Problem, hier ist der Rasierer. Du möchtest fünf Stunden am Tag vor der Spielekonsole sitzen? Cool, hab eine gute Zeit. Du willst im Garten Holz hacken? Dann brauchst du sicherlich die Axt. „Ich treffe kalkulierte Entscheidungen. Wenn etwas gefährlich erscheint, dann weiß ich, dass da ein Risiko ist. Aber der Vorteil ist, dass die Kinder Verantwortung lernen“, sagt Mutter Gemma. Die Kinder gehörten ihr schließlich nicht.

Alternativpädagogische Konzepte kommen in Mode

Zeit für Abenteuer und neue Erfahrungen haben Gemma Rawnsleys Kinder genug. Denn eine Schule besuchen sie nicht. Das ist möglich, weil in Großbritannien Homeschooling (Heimunterricht) gesetzlich erlaubt ist und die Schulpflicht damit ausgehebelt. „Wir wollen, dass unsere Kinder dieselben Freiheiten haben wie wir als Erwachsene“, sagt Vater Lewis. „Und wenn ich Lust habe, kurz vor Mitternacht ein Eis zu essen, dann mache ich das auch.“

Die Briten fragen sich längst: Geht das zu weit? In den sozialen Medien und in Zeitungskritiken wird das Konzept der Rawnsleys viel diskutiert. „Ein Fall für das Jugendamt“, sagen die einen. Andere sprechen von „moderner Elternschaft“ oder „dem Ende des traditionellen Schulsystems“, das hier vorgelebt werde.

Tatsächlich hat das sogenannte Unschooling Network, eine Gruppe von Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten und an sehr freiheitliche Erziehung glauben, in Großbritannien bereits 10.000 Mitglieder. In Deutschland werden etwa 1000 Kinder zu Hause unterrichtet – gesetzeswidrig, weil hier Schulpflicht herrscht. Ihre Eltern nehmen die Auseinandersetzung mit den Behörden in Kauf. Ihre Kinder sollen selbstbestimmt lernen. Doch wie viel Freiheit sollte man seinem Nachwuchs zugestehen?

Expertin: Regeln mit Kindern erarbeiten

Eine, die das professionell beurteilen kann, ist Ulrike Leubner. Die Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen war mehr als 30 Jahre Erzieherin. Gerade hat sie das Buch „Mit Kindern Regeln lernen“ (Claus Verlag) veröffentlicht. Im Laufe ihrer Karriere hat sie viele Erziehungsstile und -moden erlebt. In der DDR sei die autoritäre Erziehung von oben angeordnet worden. „Heute sehen wir das glücklicherweise anders“, sagt sie. Vielmehr zähle das Kind und nicht nur eine Gruppe von Kindern. „Ich begrüße diese reformpädagogischen Konzepte sehr, weil sie das Bild vom Kind hin zum Individuum verändert haben.“

Regeln sollten sich Eltern zusammen mit ihren Kindern erarbeiten, findet die Expertin. Man sage dem Kind: „Du hast dir vorgenommen, dein Zimmer aufzuräumen. Was machen wir denn, wenn du das nicht machst?“ Im Klartext: Was wäre die Konsequenz? Mit einem Vorsatz könne ein Kind gut umgehen. „Wenn es sich die Konsequenz selbst überlegt, lernt es zu verstehen, wie Regeln funktionieren und fühlt sich selbstbestimmt.“

Die reformpädagogischen Konzepte, die sie vertrete, hätten aber nichts mit der komplett antiautoritären Erziehung zu tun, wie sie in den 60er-Jahren in Westdeutschland ausprobiert wurde – oder auch bei den britischen Rawnsleys vorherrscht. „Kinder brauchen festgelegte Grenzen, damit sie nicht in einer Art Inselsituation aufwachsen und später in unserer Gesellschaft lebensfähig sind“, sagt Leubner. „Diese Verantwortung tragen Eltern für ihre Kinder.“

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