Luftverkehr

Oldtimer „Tante Ju“ – Der Abschied von einer Legende

Roter Teppich für den Zuschauermagneten: Zahlreiche Besucher stehen bei den Airport Days auf dem Hamburger Flughafen vor der „Tante Ju“

Roter Teppich für den Zuschauermagneten: Zahlreiche Besucher stehen bei den Airport Days auf dem Hamburger Flughafen vor der „Tante Ju“

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Bockwoldt / picture alliance / dpa

Berlin  Mit 83 Jahren ist das Flugzeug Junkers Ju 52/3 ziemlich alt für Linienflüge. Und jetzt ist Schluss – „Tante Ju“ ist reif fürs Museum.

Der Passagier in der „Tante Ju“ nimmt auf bequemen Ledersitzen Platz. Die Motoren werden angelassen – und das bleibt niemandem verborgen: Auf ein metallisches Klappern folgt ein tiefes Bollern, wenn die je 22 Liter Hubraum der drei Motoren zu arbeiten anfangen. Schüttelnd setzt sich der Veteran in Bewegung.

Auf der Startbahn steht das Dröhnen der Motoren im auffallenden Gegensatz zu der eher sanften Beschleunigung. Doch schon nach weniger als 200 Metern Rollstrecke hebt sich das Heck, kurz darauf begibt sich die Maschine gemächlich in ihr Element.

Wenn die Junkers Ju 52/3 in die Höhe steigt, beginnt immer auch eine Zeitreise. Rund 83 Jahre alt ist das legendäre Flugzeug, von dem einst fast 5000 Stück flogen. Heute sind nur noch eine Handvoll flugbereit, die „Tante Ju“ gilt als Symbol für die Anfangstage der kommerziellen Fliegerei. Gebaut wurde sie im Junkers-Stammwerk in Dessau, feierte ihren Erstflug am 2. April 1936.

Keine Flüge mit Passagieren mehr

Vier Tage später war sie ein Geburtstagsgeschenk für die zehn Jahre alte Deutsche Luft Hansa AG, wie der Dax-Konzern damals hieß. Nun beendet die Fluggesellschaft ein Kapitel in der Geschichte des Oldtimers.

„Flüge mit Passagieren wird es nicht mehr geben“, sagt Wolfgang Servay unserer Redaktion. Er ist Sprecher der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung (DLBS), der Eigentümerin von „Tante Ju“.

Die Lufthansa übernahm bisher einen Großteil der Kosten im einstelligen Millionenbereich. „Jeder Passagier hat praktisch Geld gekostet“, sagt Servay. Damit soll es nun vorbei sein, habe der Konzernvorstand entschieden.

„Wir bestätigen, dass die kommerzielle Vermarktung von Flügen mit unserer Ju 52 nicht fortgesetzt werden soll“, sagt ein Lufthansa-Sprecher. „Ein wirtschaftlicher Betrieb war auch perspektivisch nicht zu erreichen“ – trotz ehrenamtlich arbeitender Crew.

Das Abheben mit der zum Mythos gewordenen Ju kostete zuletzt 239 Euro für eine halbe Stunde. Passagiere erlebten in der Wellblech-Maschine einen Flug, der sich von dem in einem Airbus oder in einer Boeing grundlegend unterscheidet. Statt des gewohnten Steigflugs in steilem Winkel scheint sich die Ju jeden Meter Höhe zu erkämpfen.

190 Kilometern pro Stunde

Durch die großen Scheiben bietet sich ein Blick, den sonst nur Sportflieger kennen. Aus wenigen Hundert Metern Höhe kann man einzelne Menschen sehen. Dass die Maschine dabei mit 190 Kilometern pro Stunde vorankommt, würde von drinnen kaum jemand vermuten.

Solche Nahaufnahmen aus der Luft sammelten 245.000 Passagiere in der „Tante Ju“, seit die DLBS sie betreibt. Zu verdanken haben sie das Lufthansa-Piloten, die die Propellermaschine 1984 in Florida entdeckten. Sie überzeugten den Vorstand, die Maschine zu kaufen, um sie zum 60. Geburtstag des Konzerns in der Bundesrepublik zu zeigen.

In Deutschland war die Ju 52 mit der Werknummer 5489 bis dato nur kurz unterwegs. Drei Monate nach ihrem Erstflug kam sie zur Fluggesellschaft D. N. L. nach Norwegen. Ausgestattet mit Schwimmern konnte sie auf dem Wasser landen.

Im Mai 1940 erhielt die deutsche Luftwaffe das Flugzeug. Angriffsflüge seien mit dieser Maschine aber nicht geflogen worden, so die Stiftung. Die Lufthansa übernahm sie wieder und setzte sie erneut in Norwegen ein.

Ende der 1950er-Jahre wurden die Schwimmer abmontiert und die Maschine zerlegt per Seetransport nach Ecuador gebracht. Dort flog sie als Fracht- und Passagierflugzeug von Quito aus den Amazonas entlang. Als die Ersatzteilversorgung schwieriger wurde, stellte die Fluglinie Transportes Aereos Orientales die Maschine nach fast 8000 Flugstunden außer Dienst.

Zwei Jahre brauchten Mechaniker für Verjüngungskur

Der Amerikaner Lester F. Weaver erwarb das Wrack 1970. Sechs Monate lang wurde die Ju fit für den Überführungsflug in die USA gemacht.

Nach mehreren Besitzerwechseln kaufte der Schriftsteller Martin Caidin das Flugzeug, taufte es auf den Namen „Iron Annie“ und tingelte acht Jahre lang mit ihm über Luftfahrtshows – bis die Kranich-Piloten die Maschine sahen. 16 Tage dauerte der strapaziöse Überführungsflug. Am 28. Dezember 1984 landete sie wieder auf deutschem Boden.

In Hamburg erhielt die Junkers ihr „zweites Leben“. Zwei Jahre brauchten die Mechaniker von Lufthansa Technik für ihre Verjüngungskur. Im April 1986 startete sie zum Erstflug und erlebte die Taufe auf den Namen ihres einstigen Heimatflughafens Tempelhof.

Am 30. Oktober 2008 machte die Maschine mit der Kennung D-AQUI dort das Licht aus. Zusammen mit einem Rosinenbomber startete sie als letztes Flugzeug.

Mehrfach Probleme mit der Maschine

In der jüngeren Vergangenheit verspürte die in die Jahre gekommene Tante so manches Zipperlein. Ihren 80. Geburtstag feierte sie in einem Hangar bei Lufthansa Technik. Ein Mittelholm im Flügel war gebrochen.

Als Haarrisse in einem Ersatzteil gefunden wurden, sagte die Stiftung die Jubiläumssaison 2016 ab. Knapp zwei Jahre dauerte die Reparatur. 2018 erwies sich der August als Schicksalsmonat.

Am 4. August stürzte eine Schweizer Ju 52 ab. Alle 20 Personen an Bord starben. Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle stellte erhebliche Korrosionsschäden fest. Das Ende der Passagierflüge mit der D-AQUI habe aber nichts damit zu tun, sagt Servay. Alle 60 Stunden wurde die Maschine gründlich gewartet.

Bei einer dieser Überprüfungen fiel aber das nächste Problem auf. Acht Tage nach dem Absturz in der Schweiz stellten Mechaniker in München fest, dass ein Strukturbauteil der Motoraufhängung einen Schaden hat. Ein Ersatzteil muss noch gefertigt werden. Die Ju steht in München. Mindestens bis Ende März soll die Reparatur dauern.

Künftige Verwendung des Flugzeugs wird überprüft

In die Annalen als letzter Passagierflug wird der Trip von der Oldtimer-Flugshow Do-Days in Friedrichshafen nach München am 12. August eingehen. 11.000 Flugstunden war die Maschine bisher in der Luft. Einzelne Einsätze bei Veranstaltungen wie der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin seien weiter möglich.

„Aktuell wird die künftige Verwendung des Flugzeugs überprüft, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen“, sagte der Lufthansa-Sprecher. Die Stiftung erarbeite ein Konzept, wie teuer eine Nutzung zehn- bis 20-mal im Jahr sei. Servay ist optimistisch: „Das Flugzeug wird als Sympathieträger wahrgenommen.“ Das hautnahe Flugerlebnis für Passagiere wird es aber nicht mehr geben.

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