Interview

Martina Gedeck leiht Mutter des Grundgesetzes ihre Stimme

Das Grundgesetzt feiert in diesem Mai 70. Geburtstag. Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen tragen Passagen vor.

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Berlin  Martina Gedeck spricht in einem Hörspiel zum 70. Geburtstag der Verfassung. Im Interview erzählt sie, was sie vom Grundgesetz hält.

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Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wird 70 Jahre alt und alle feiern mit: Zu den Höhepunkten der vielen Beiträge zählt das Mammut-Hörspiel „Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz“.

In dem auf historischen Protokollen basierenden Hörspiel geht es um die lebhaften und kontroversen Diskussionen, die bei der Entstehung der Verfassung 1948/49 im Parlamentarischen Rat geführt wurden.

Martina Gedeck leiht der SPD-Politikerin Friederike Nadig ihre Stimme, die damals entscheidend mitwirkte und sich vor allem für die Gleichberechtigung von Mann und Frau stark machte.

Gedeck gilt als eine der wichtigsten Schauspielerinnen Deutschlands („Das Leben der Anderen“, „Der Baader Meinhof Komplex“). Für ihre Rollen wurde die 57-Jährige mit zahllosen Preisen geehrt, die vielbeschäftigte Schauspielerin lebt in Berlin.

Frau Gedeck, haben Sie vor Ihrer Mitwirkung beim Hörspiel „Guter Rat“ zur Entstehung unserer Verfassung nochmals ins Grundgesetz reingelesen?

Martina Gedeck: Ich habe mich vor allem mit dem ausführlichen Material beschäftigt, das mir der Sender zur Verfügung gestellt hat. Also mit den Auszügen aus den Originalprotokollen des Parlamentarischen Rates, der unsere Verfassung aus der Taufe gehoben hat. Ins Grundgesetz selber habe ich aber natürlich auch nochmals reingeschaut, wobei mir zumindest die wichtigsten Artikel durchaus vertraut waren.

Welche Artikel halten Sie für besonders wichtig?

Gedeck: Die Passage, in der es um das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit geht, ist für mich besonders wichtig. Das ist etwas ganz Unabdingbares und auch Schönes, wie ich finde. Das Recht auf freie Entfaltung, auf körperliche Unversehrtheit und auf Leben ist ja eben nichts Selbstverständliches, und das war es ganz besonders nicht, als das Grundgesetz Ende der vierziger Jahre entwickelt wurde. Was ich auch sehr wichtig finde ist der Artikel drei, Absatz drei, in dem es unter anderem darum geht, dass niemand wegen seiner Abstammung, seiner Rasse oder wegen einer Behinderung benachteiligt werden darf. Da geht es im Wesentlichen darum, dass Menschen tolerant miteinander umgehen, auch wenn sie sich voneinander unterscheiden, und das halte ich gerade in der heutigen Zeit für sehr wichtig.

Kommt es derzeit in besonderer Weise aufs Grundgesetz an?

Gedeck: Ich denke schon. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben den Text damals neun Monate lang intensiv ausgearbeitet, wie unser Hörspiel zeigt, und vieles was drinsteht, erscheint uns heute ganz selbstverständlich. Aber das ist es eben nicht, das muss man sich immer wieder klarmachen. So ein wunderbarer Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, der ja über allem steht, ist eben keine Selbstverständlichkeit. Man sieht doch an der Entwicklung in Amerika, wie schnell sich die Dinge verändern können.

Sie leihen im Hörspiel einer Frau Ihre Stimme, die an der Ausarbeitung des Grundgesetzes maßgeblich beteiligt war. Hatten Sie davor schon mal etwas von Friederike Nadig gehört?

Gedeck: Nein, ich kannte sie nicht und habe zum Beispiel auch gar nicht gewusst, dass in diesem Parlamentarischen Rat gerade mal vier Frauen vertreten waren – das ist schon erstaunlich. Friederike Nadig hat sich ja besonders für die Gleichberechtigung von Mann und Frau stark gemacht, was keine Selbstverständlichkeit war. Selbst zwei der anderen Mütter des Grundgesetzes haben Friederike Nadig in dieser Frage kräftig Kontra gegeben.

Sie taucht später in einem fiktionalisierten Teil ja sogar als Geist auf, der die heutige Situation kommentiert.

Gedeck: Stimmt, sie kann zum Beispiel überhaupt nicht begreifen, dass es heutzutage Deutschen egal sein kann, ob sie Europäer sind oder nicht, weil sie und die anderen Mitglieder des Parlamentarischen Rates doch so stark darum gerungen haben, dass Deutschland wieder zu Europa und zur Völkergemeinschaft gehören darf. Sie kann nicht verstehen, dass es eine so weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dieser Frage gibt. Diese und andere Themen werden auf dieser fiktionalisierten Ebene reflektiert, und das finde ich sehr gelungen, weil hier ein Bezug zum Heute hergestellt wird.

Schauspielert man denn auch richtig im Tonstudio oder sitzt man nur da?

Gedeck: Da wird schon richtig geschauspielert, in diesem Fall allerdings nicht so ausgeprägt wie bei einem rein theatralischen Hörspiel, wo es richtig zur Sache geht. Da gestikulieren wir Schauspieler, laufen herum, werfen uns in die Kissen, was Sie wollen (lacht). Das ist toll, weil man auf keine Kameraposition oder so was achten muss. Man kann wirklich alles um sich herum vergessen und vollkommen in der Szene aufgehen. Es geht nur um die Kommunikation mit den Mitspielern.

Sie sind auch nicht kostümiert, oder?

Gedeck: Nein, weder kostümiert noch geschminkt, da geht es zu wie bei einer Probe auf der Bühne. Man ist man selbst und schlüpft trotzdem ganz in die Rolle.

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