Ermittlungen

Razzien gegen die italienische Mafia in Nordrhein-Westfalen

Mafia-Razzia in NRW

Auch in den Niederlanden, Italien, Deutschland und Belgien fanden am Mittwochmorgen Durchsuchungen gegen die Mafia-Organisation Ndrangheta aus dem süditalienischen Kalabrien statt.

Auch in den Niederlanden, Italien, Deutschland und Belgien fanden am Mittwochmorgen Durchsuchungen gegen die Mafia-Organisation Ndrangheta aus dem süditalienischen Kalabrien statt.

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Berlin  In NRW und Bayern sind Ermittler gegen Mitglieder der italienischen Mafia vorgegangen. Es geht um Rauschgifthandel der ‘Ndrangheta.

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Ermittlern in ganz Europa und Südamerika ist ein großer Schlag gegen die kalabrische Mafia gelungen. Polizei- und Justizbehörden haben am Mittwochmorgen Razzien gegen die ‘Ndrangheta durchgeführt. Das Ergebnis: 90 Festnahmen und die Beschlagnahmung von 4000 Kilogramm Kokain und 140 Kilogramm Ecstasy-Pillen.

Schwerpunkt der internationalen „Operation Pollino“ in Deutschland war Nordrhein-Westfalen. Es habe mehrere Festnahmen und Durchsuchungen gegeben, teilte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden mit. Durchsucht wurden unter anderem Pizzerien und Privathäuser – insgesamt 65 Objekte auf deutschem Boden.

Laut „Spiegel“ sind unter anderem die Staatsanwaltschaften Duisburg, Köln und Aachen beteiligt. Das LKA in NRW sagte unserer Redaktion, es habe auch Aktionen im Raum Wuppertal gegeben.

In Deutschland seien bis gegen Mittag 14 Verdächtige in Gewahrsam genommen worden, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt von Duisburg, Horst Bien. Vermögenswerte in Höhe von rund fünf Millionen Euro seine vorläufig beschlagnahmt worden – und an den Operationen seien rund 440 Beamte beteiligt gewesen.

Razzien gegen Mafia – das Wichtigste in Kürze:

  • In NRW untersucht die Polizei Gebäude der italienischen Mafia ‘Ndrangheta
  • Einer der Haupttäter wurde in Pulheim bei Köln festgenommen – ein 45 Jahre alter Gastwirt
  • Die Razzien sind Teil der internationalen Aktion „Pollino“: In Europa und Südamerika wurden 90 Menschen festgenommen
  • Auch in Bayern sind Häuser durchsucht worden

Mafia auch in anderen Ländern aktiv

Einer der mutmaßlichen Haupttäter wurde in Pulheim bei Köln verhaftet. Der 45 Jahre alte Gastwirt sei am frühen Morgen in von den Ermittlern aus dem Schlaf gerissen worden, sagte ein Polizeisprecher.

Der Besitzer einer Osteria werde der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation beschuldigt, außerdem soll er beteiligt gewesen sein an „Kokainhandel in sehr, sehr umfangreichen Maße“.

Auch in Bayern sind zwei Objekte durchsucht worden. Sie liegen im Osten des Großraums München, wie die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch aus Ermittlerkreisen erfuhr. Festgenommen wurde dort niemand.

Ermittelt werde wegen Drogenhandels und der Bildung einer kriminellen Vereinigung, sagte eine BKA-Sprecherin unserer Redaktion.

Auch in Italien, den Niederlanden, Belgien und in Südamerika wurden Razzien durchgeführt. Nach Angaben der italienischen Polizei wurden bei der internationalen Aktion insgesamt 90 Menschen festgenommen. Die Behörden kooperierten im Kampf gegen den Rauschgifthandel der ‘Ndrangheta schon seit 2016.

Die Europäische Justizbehörde Eurojust koordinierte die internationale Aktion. Sie wollte um 12 Uhr am Mittwoch in Den Haag über die Ermittlungen informieren. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa gab es auch in Südamerika Einsätze.

Auf die Spur der Mafia in Deutschland waren die Ermittler wohl durch einen Pferdetransporter gekommen. In dem präparierten Transporter im britischen Hafen Harwich waren Drogen versteckt. Den mutmaßlichen Mafiosi werden bisher mindestens 23 solcher Transporte von jeweils 80 Kilogramm Kokain aus den Niederlanden nach England zur Last gelegt.

‘Ndrangheta – Fakten zur kalabrischen Mafia:

  • Die kalabrische Mafia gilt als finanzstärkste in ganz Europa
  • Wichtigste Einnahmequelle: Drogenhandel und illegale Müllentsorgung
  • Ihre Geschäfte reichen bis Nord- und Südamerika, Russland und Australien

Die ‘Ndrangheta ist der kalabrische Zweig der italienischen Mafia. Sie gilt als mächtigste italienische Mafia-Organisation, mächtiger als die sizilianische Cosa Nostra und die neapolitanische Camorra.

‘Ndrangheta für Mafia-Morde in Duisburg verantwortlich

Vor allem in Nordrhein-Westfalen soll die ‘Ndrangheta schon seit Jahrzehnten verwurzelt sein. Unter anderem gehen auch die Mafia-Morde von Duisburg aus dem Jahr 2007 auf ihr Konto.

Am Morgen des 15. Augusts starben damals sechs Mafia-Mitglieder vor der Pizzeria „Da Bruno“ im Kugelhagel eines verfeindeten Clans. In Köln begannen zuletzt Dreharbeiten für einen Fernsehfilm des ZDF, der von den Mafia-Morden handelt.

Seit langem warnen italienische Ermittler davor, dass die ‘Ndrangheta ein außerordentlich wichtiges Standbein in Deutschland hat. Im Sommer erklärte die nationale Anti-Mafia-Behörde, dass die Mafiosi in Deutschland ähnliche Strukturen aufgebaut hätten wie in ihrer Heimat. Deutschland, darunter der Hamburger Hafen, seien für den Drogenhandel von „besonderem Interesse“ für die Clans.

Zwar gelingen italienischen Ermittlern immer wieder Schläge gegen die Clans, jedoch streckt die ‘Ndrangheta ihre Tentakeln immer weiter aus. Anders als es in Filmen dargestellt wird, führt die Mafia weniger blutige Straßenkämpfe aus: Stattdessen agiert sie meist im Verborgenen und infiltriert staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen.

In Nordrhein-Westfalen spielt die Organisation insgesamt dennoch keine herausragende Rolle beim organisierten Verbrechen. Von 214 Verfahren aus diesem Spektrum, die zwischen 2012 und 2016 in den Polizeibehörden des Landes bearbeitet wurden, gab es nur in zehn Fällen überwiegend italienische Tatverdächtige. Das geht aus einer Antwort von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auf eine Anfrage aus der SPD-Landtagsfraktion hervor.

Anders als in Italien gibt es in Deutschland keine strengen Anti-Mafia-Gesetze. Dort ist schon die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation eine Straftat – in Deutschland nicht.

Die ‘Ndrangheta soll vor allem mit Drogenhandel und illegaler Müllentsorgung Dutzende Milliarden Euro im Jahr umsetzen.

Deutsch-Italienischer Mafia-Killer sagte gegen ‘Ndrangheta aus

Vieles, was die deutschen Behörden über die Strukturen der ‘Ndrangheta in Deutschland wissen, geht auf einen deutsch-italienischen Auftragskiller zurück, der Ende der Neunzigerjahre in Deutschland gefasst wurde. Internationalen Behörden gelang zulezt im Januar ein Schlag gegen die Mafia.

Giorgio Basile, genannt „Engelsgesicht“, der unter anderem in Mülheim an der Ruhr aufwuchs, brach als einer der wenigen Mafia-Mitglieder die Omertà, das Schweigegelübde der Mafia, und sagte gegenüber den deutschen Behörden aus.

Basile, der bis zu 30 Morde begangen haben soll, erzählte dem Journalisten Andreas Ulrich die Geschichte seiner Tätigkeit in der Mafia. Daraus entstand das Buch „Das Engelsgesicht“, in dem Basiles kriminelle Karriere in NRW, Italien und den Niederladen detailliert nacherzählt wird.

Für den Moment könnten die Behörden mit ihren Ermittlungserfolgen zufrieden sein, sagte Italiens Anti-Mafia-Staatsanwalt Federico Cafiero de Raho. Er wies allerdings auch darauf hin, dass die ‘Ndrangheta weiterhin stark und gefährlich sei: „Wenn wir glauben, wir haben die ‘Ndrangheta ausgehoben, dann täuschen wir uns.“

(jha/ba/dpa)

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