Bahnhofsattacke

Kind vor ICE gestoßen: Was wir bisher wissen – und was nicht

Der 40 Jahre alte Mann aus Eritrea, der einen Jungen und dessen Mutter in Frankfurt auf die Gleise gestoßen haben soll, sei in der Schweiz bereits mehrfach wegen Gewalttätigkeiten aufgefallen, teilte der Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann, am Dienstag in Berlin mit.

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Berlin.  Der Mann, der einen kleinen Jungen und seine Mutter in Frankfurt vor einen ICE stieß, schweigt zu der Tat. Was bis jetzt bekannt ist.

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Zu seinem Motiv sagte er nichts, mit einem Alkoholtest war der Täter einverstanden. Ergebnis: null Promille. Es gibt auch „keine Anhaltspunkte“ für einen sonstigen Drogeneinfluss. Aber warum hat der Mann am Montag im Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihr Kind vor einen einfahrenden Zug geworfen und es bei einer weiteren Person probiert? Was wir bisher wissen und – und was nicht.

Frankfurter Zugunfall: Was wissen wir über den mutmaßlichen Täter?

Er ist 40 Jahre alt, in Eritrea geboren. Er lebt in der Schweiz, im Kanton Zürich, ist verheiratet und hat drei Kinder. Angeblich hält er sich bereits seit 2006 in Europa auf. Er fuhr schon vor einigen Tagen mit dem Zug von Basel nach Deutschland. Was er in Frankfurt wollte, ist unklar.

In der Schweiz ist der Mann polizeibekannt und wurde dort seit dem vergangenen Donnerstag gesucht. Er soll seine Nachbarin mit einem Messer bedroht und seine Familie (Frau und drei Kleinkinder) eingesperrt haben und sei dann geflohen, sagte Bundespolizeipräsident Dieter Romann am Dienstag in Berlin. Daraufhin sei er in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen. „Er war auch im Vorfeld mit entsprechenden Delikten bereits in der Schweiz auffällig“, hieß es weiter.

Der Mann war in diesem Jahr in psychiatrischer Behandlung. Wie die Kantonspolizei Zürich am Dienstag mitteilte, seien bei einer Hausdurchsuchung Dokumente gefunden worden, die darauf schließen lassen. Laut Polizei gaben sowohl die mutmaßlich von ihm angegriffene Nachbarin als auch seine Ehefrau an, dass dieser Gewaltausbruch des Mannes für sie überraschend gewesen sei. „Sie sagten übereinstimmend aus, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten“, sagte ein Polizeisprecher.

Laut Innenminister Horst Seehofer reiste der Tatverdächtige „offensichtlich legal“ nach Deutschland ein. Sein Ministerium teilte mit, dass der Mann in Deutschland keinen Asylantrag gestellt habe. Romann zufolge liegt die Vermutung nahe, dass er auf der Flucht war. Es sei davon auszugehen, dass er an der Grenze nicht kontrolliert wurde. „An der Grenze zur Schweiz gibt es auch keine reguläre Grenzkontrolle.“

Wie die Schweizer Polizei twitterte, hatte der Mann eine sogenannte Niederlassungsbewilligung. Diese wird Ausländern in der Schweiz nach einem Aufenthalt von fünf oder zehn Jahren im Land ausgestellt. Niedergelassene haben damit laut dem Staatssekretariat für Migration ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht.

Laut Dieter Romann hatte der Mann eine Niederlassungsbewilligung der Kategorie C – eine Kategorie, die dafür steht, dass er „gut integriert“ sei. Der Verdächtige sei einer festen Arbeit nachgegangen, „aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich“.

Was ist über das Motiv des Täters bekannt?

Nichts. Es gibt nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft „keine Anhaltspunkte“ dafür, dass er unter Drogeneinfluss stand. Einen Alkoholtest ergab als Ergebnis null Promille. Angaben zu seiner Person machte der Mann freiwillig. Kein Wort war ihm jedoch über das Tatmotiv zu entlocken.

Kommentar: Attacke in Frankfurt: Der Albtraum an der Bahnsteigkante

Es bleibt das große Rätsel. „Die Tat spricht dafür, dass man an eine psychische Erkrankung denkt“, erklärte die Oberstaatsanwältin Nadja Niesen. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ideologische Motive des Täters seien bei den Ermittlungen und der Hausdurchsuchung nicht gefunden worden, hieß es seitens der Behörden.

Der Mann wird nun untersucht, letztlich geht es um die Frage, ob er überhaupt schuldfähig ist. Im Laufe des Tages wird er dem Haftrichter vorgeführt. Dem Mann aus Eritrea wird Mord vorgeworfen. Ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Wer sind die Opfer?

Es gibt drei Opfer, zwei Frauen und ein Kind. Das Kind war acht Jahre alt und chancenlos, als der Mann aus Eritrea den Jungen auf das Gleis schubste. Der Junge wurde von einem ICE überrollt und starb am Unglücksort. Seine Mutter konnte sich auf einen Fußweg zwischen zwei Gleisen rollen. Sie überlebte und steht unter Schock.

Mutter und Kind kommen aus dem Hochtaunus-Kreis. Mehr wollten die Ermittler zunächst nicht über die Opfer sagen. Das dritte Opfer, eine 78 Jahre alte Frau, konnte sich wehren – sie erlitt nur leichte Verletzungen an der Schulter. Auch sie steht unter Schock.

Auf dieser Google-Karte sehen Sie, wo der Bahnhof in Frankfurt liegt.

Die Tat wurde von mehreren Menschen beobachtet und auch auf Video festgehalten. Ein Polizeibeamter, der privat zufällig vor Ort war, nahm die Verfolgung des Täters auf und ihn in der Nähe des Hauptbahnhofes fest.

Gibt es Zusammenhänge zu anderen Taten?

Bislang gibt es „keinerlei Anhaltspunkte“ für Verbindungen zur Tragödie in Wächtersbach. Dort war in der vergangenen Woche ein Landsmann des Täters, ebenfalls ein Mann aus Eritrea, angeschossen worden.

Just die Häufung von Straftaten in den letzten Wochen hat in Berlin Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) veranlasst, seinen Urlaub zu unterbrechen und sich mit den Chefs der Sicherheitsbehörden zu beraten.

Zuletzt hatte es auch Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, Bombendrohungen gegen Moscheen sowie eben den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

Wie laufen die Ermittlungen?

Sie stehen erst am Anfang. Erst mal werden alle Beweise ausgewertet, Zeugen vernommen und Informationen aus der Schweiz geholt. Der Fall ist eindeutig – bis auf das Motiv.

Gegen den Tatverdächtigen ist Haftbefehl erlassen worden. Er wurde am Dienstagnachmittag dem Haftrichter vorgeführt und kam in Untersuchungshaft, wie die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Ihm wird Mord und versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft beauftragte einen unabhängigen Experten, der nun ein psychiatrisches Gutachten über den Verdächtigen erstellen soll.

Wie reagieren die Politik und die Behörden?

Es wurde viele Forderungen zum Thema Sicherheit an Bahnhöfen laut. Viele davon seien allerdings nicht umsetzbar, erwiderten Kritiker. Die Bundespolizei kündigte allerdings an, in Zukunft an hoch frequentierten Bahnhöfen mehr Präsenz zeigen zu wollen.

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