Nachwuchs

Immer weniger Großfamilien – obwohl sie glücklicher leben

Foto: Heike Wolter

Regensburg/Berlin  Familien mit mehreren Kindern gelten laut Experten als zufriedener und gesünder – und sie sind auch ein Gewinn für die Gesellschaft.

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Für Heike Wolter und ihren Mann Thomas war von Anfang an klar, dass sie viele Kinder haben wollten. Mittlerweile sind sie zu siebt – das jüngste Kind, Malea, ist zwei Jahre alt. Familien wie die Wolters sind selten geworden in Deutschland. Denn anders als in Frankreich, den USA oder Schweden gründen hierzulande nur noch verschwindend wenige Paare eine Großfamilie.

Vor allem die bürgerliche Mittelschicht ist vergleichsweise kinderarm. Die Zahl der Kinderreichen mit drei und mehr Kindern hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts halbiert. Und sie nimmt weiter rapide ab, so die Gesellschaft für Demographie. Warum das so ist? Laut Verband kinderreicher Familien Deutschland fehlten vor allem Hilfen zur Betreuung der Kleinen.

Rückgang der Großfamilie entscheidender Faktor

Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ist der Rückgang der Großfamilie für 68 Prozent des gesamten Geburtenrückgangs verantwortlich. Nur 26 Prozent lassen sich auf die gestiegene Kinderlosigkeit zurückführen.

Dabei gelten Großfamilien als zufriedener und gesünder als Eltern mit zum Beispiel zwei Kindern, stellten Forscher des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erst kürzlich fest.

1000 Euro für Lebensmittel pro Monat

Heike Wolter kann das nur bestätigen. Die Familie mit Niklas (17), Norea (15), Samuel (9), Raban (7) und der kleinen Malea, die zu den rund 45.000 Familien mit fünf Kindern und mehr in Deutschland zählen, hat es gut getroffen: Sie leben in einem Haus, das nur 200 Meter zum nächsten Spielplatz und 500 Meter von der Schule entfernt liegt. Aber ohne straffe Organisation geht im Alltag der Familie nichts.

Vier Kinder, die die Welt verändert haben
Vier Kinder, die die Welt verändert haben

Glücklicherweise haben beide Elternteile – sie ist Historikerin, er Controller – flexible Arbeitszeiten. Nach dem Job stehen viele organisatorische Dinge an. Hausaufgaben betreuen, die Jungs zum Fußball fahren, alle zwei Wochen einen Großeinkauf machen. Das Leben mit vielen Kindern ist teuer. Kosten alleine für Lebensmittel betragen 1000 Euro im Monat – das sei trotz zwei Gehältern und Kindergeld von etwa 1400 Euro viel Geld.

Rücklagen für Ausbildung und Altersvorsorge schwierig

Florian Brich, der als Geschäftsführer des Verbands kinderreicher Familien Deutschland e. V. rund 4000 Mitgliedsfamilien unterstützt, berät und vernetzt, kennt diese Summen zu gut. „Große Wohnungen gehen ins Geld, ebenso die vielen kleinen Anschaffungen von neuen Schuhen bis Schulheften. „Das potenziert sich ja alles“, weiß der vierfache Vater. Rücklagen für die Ausbildung der Kinder oder für die eigene Altersvorsorge seien oft schwierig.

Da könnte der Staat aktiver sein. „Mehr Kindergeld, wie vom Verband gefordert, würde die Kosten auch nicht abdecken, aber zumindest Anreize schaffen, sich nicht später finanziell zurückgesetzt zu fühlen, weil man viele Kinder großgezogen hat“, sagt Brich.

Das dritte Kind bringt dem Staat knapp 60.000 Euro ein

Heike Wolter hält Kinder für ihr „Privatvergnügen“. Anstrengend findet sie ihr Leben trotz ihrer Mutterpflichten mal fünf nicht. „Fünf Kinder sind nicht fünfmal ein Kind“, sagt sie ganz pragmatisch. „Da ergeben sich schon Synergieeffekte.“

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft hält Großfamilien für einen Segen für die Gesellschaft, der sich sogar berechnen lässt: Entscheidet sich das dritte Kind für eine Ausbildung, liegt das Plus für den Staat einer Modellrechnung zufolge im Mittel bei knapp 59.000 Euro. Erreicht es einen Hochschulabschluss, kann der Staat im Laufe des Lebens sogar Mehreinnahmen von knapp 450.000 Euro verbuchen.

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