Hassverbrechen

20 Tote in El Paso – Schütze hinterließ offenbar Manifest

Schüsse in Texas: Polizeiaufgebot vor dem „Cielo Vista“-Einkaufszentrum in El Paso.

Schüsse in Texas: Polizeiaufgebot vor dem „Cielo Vista“-Einkaufszentrum in El Paso.

Foto: Mark Lambie / dpa

Washington/El Paso.  In Texas hat ein junger Mann in einem Einkaufszentrum mindestens 20 Menschen erschossen. Die Polizei geht von einem Hassverbrechen aus.

Bevor Patrick C. eine Woche nach seinem 21. Geburtstag 1000 Kilometer entfernt von seinem Heimatort bei Dallas/Texas in El Paso eines der schlimmsten Blutbäder in der jüngeren amerikanischen Geschichte anrichtete, begab sich der blasse junge Mann nach Rekonstruktion der Ermittler offenbar ins Internet. Um die Welt wissen zu lassen: warum.

Unter der Überschrift „Die unbequeme Wahrheit” hinterließ C. in dem bei Rechtsradikalen beliebten Online-Forum 8chan ein ihm von Polizeichef Greg Allen und anderen Fahndern „mit einiger Sicherheit” zugeschriebenes Traktat voller Hass, Rassismus, Verschwörung und Fremdenfeindlichkeit. Es könnte den

mit 20 Toten und mindestens 26 Verletzten, einige davon schwer, als ein neues Beispiel für weißen Inlands-Terrorismus in Amerika ausweisen.

Inspiriert von Moschee-Mörder

Dabei nahm C., der laut Polizei mit einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr vom Typ AK 47 bewaffnet war und sich gut eine Stunde nach Beginn der Gewaltorgie widerstandslos festnehmen ließ, offenbar Anleihen bei Brenton Tarrant. Während

im Frühjahr

anführte, macht C. eine „hispanische Invasion in Texas” geltend, die auf einen ethnischen Austausch von weißer Mehrheitsbevölkerung hin zu einer Latino-Majorität hinauslaufe.

Ermittler gehen davon aus, dass C. sich deshalb El Paso ausgesucht hat. Die 650.000-Einwohner-Stadt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze im Westen Texas` kam zuletzt oft im Zusammenhang mit dem Ansturm von Flüchtlingen aus Latein-Amerika und der teilweise drastischen Abwehr-Politik von Präsident Donald Trump in den Medien vor. Trump hat El Paso als kriminellen Sündenpfuhl beschrieben. Die Polizeistatistiken beweisen das Gegenteil.

Wie Tarrant, so hat offenbar auch C. seine Gedankenwelt an dem in der rechtsextremistischen Szene verehrten Buch „The Grand Replacement” von Renaud Camus ausgerichtet. Der Franzose gilt als Vordenker des angeblich bevorstehenden Untergangs der „weißen Rasse”, ausgelöst durch muslimische Masseneinwanderung mit dem Ziel eines Bevölkerungsaustausches.

Muslime und Latinos als Feindbild

Rassisten und Verschwörungstheoretiker weltweit berufen sich auf das von Camus formulierte Leit- und Angstmotiv, mit dem in Deutschland die AfD sympathisiert.

warf der CDU-SPD-Regierung eine Migrationspolitik vor, die das „Volk völlig umkrempelt” und dafür sorge, dass „nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier lebt“.

Der mutmaßliche Täter von El Paso hat in seinem Feindbild, über dessen Entstehungsprozess öffentlich noch nichts bekannt ist, offenbar Muslime durch Latinos ersetzt. Mit seinen Taten habe er sein Land „vor der Zerstörung” durch Überfremdung bewahren wollen, schreibt er im Stil eines Allmachtsphantasten. Es sei darum gegangen, die “Bedrohung durch hispanisch-stämmige Wähler zu beseitigen”.

Auch wenn seine Auftritte in Sozialen Medien das Gegenteil nahelegen, legt C. Wert auf die Feststellung, dass er sich nicht durch die vielerorts als fremdenfeindlich empfundene Rhetorik Trumps gegenüber Asylsuchenden inspiriert gefühlt habe. Er sei schon Rassist gewesen, lange bevor Trump ins Amt gekommen sei, schreibt der 21-Jährige sinngemäß an einer Stelle.

Bis zu 3000 Menschen in Walmart-Filiale

Kurz vorher rühmt er indirekt die laxe Verfügbarkeit von Waffen in Amerika, die seine Tat nach Ansicht von Experten begünstigt hat. „Unsere Europäischen Kameraden haben nicht die Waffengesetze, die nötig sind, um die Millionen von Eindringlingen zurückzuschlagen, die ihre Länder plagen.” In Texas gilt seit 2016 „open carry” – wer eine Waffenlizenz hat, darf sein Schießeisen fast überall offen tragen.

C., so belegen Aufnahmen von Sicherheitskameras, begann seinen Mordfeldzug am Samstagmorgen um kurz vor zehn. In der Filiale des Kaufhaus-Riesen Walmart, die vis-a-vis des Einkaufszentrums Cielo Vista und nahe des Grenzübergangs zur mexikanischen Nachbarstadt Ciudad Juárez liegt, waren zur Tatzeit rund 3000 Kunden, erklärte ein Polizeisprecher. Viele Eltern deckten sich zum Schulbeginn an diesem Montag mit den üblichen Utensilien für ihre Kinder ein.

Laut Augenzeugen schoss der in schwarz gekleidete Täter immer wieder gezielt auf einzelne Personen. Schon wenige Minuten danach kursierten Handy-Videos im Internet. Sie zeigten leblose Körper in Blutlachen, schreiend weglaufende Menschen und Kaufhausbesucher, die unter Schränken Zuflucht suchten, während die typischen „Popp-Popp-Popp”-Geräusche zu hören sind, die Schnellfeuergewehre erzeugen.

Unter den Toten sind auch drei Mexikaner, die aus Ciudad Juárez zum Einkauf beim Nachbarn gekommen waren.

Demokraten appellieren zu handeln

Angesichts von rund 250 „mass-shootings” (mit mehr als drei Toten) in den USA in diesem Jahr waren die üblichen rhetorischen Rituale der Politik erwartet worden, die sich seit der Tragöde in Newtown 2012, bei der 20 Schulanfänger ermordet wurden, im weitgehend folgenlosen Beklagen zu laxer Waffengesetze und leeren Phrasen erschöpfen. Hervor taten sich die Waffen-kritischeren Demokraten, während das republikanische Establishment weitgehend schwieg.

„Wie kann unser Land das tolerieren?”, fragte die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris und schlussfolgerte pauschal: „Wir müssen handeln.” Konkurrent Joe Biden, Vizepräsident unter Obama, erklärte, es sei „höchste Zeit zu handeln und unsere Epidemie der Waffengewalt zu beenden”.

Amy Klobuchar, auch im Rennen für die Wahl 2020, bilanzierte: „Jeder Tag, an dem sich der Kongress weigert Waffengesetze zu verabschieden, ist ein schreckliches Ignorieren von Verantwortung.” Cory Booker, ebenfalls Kandidat, appellierte gar an Präsident Trump persönlich: „Beenden Sie das Gemetzel.”

Letzterer tat kurz auf Twitter seine Anteilnahme kund und sagte die Hilfe des Bundes zu und verabschiedete sich – anders als in vielen anderen Fällen, die die Nation bewegen – über viele Stunden ins digitale Off. Am späten Samstagabend dann ein Nachklapp: Die Tat sei ein „Akt der Feigheit” gewesen, twitterte der US-Präsident. Für das Töten unschuldiger Menschen könne es nie Entschuldigungen und Rechtfertigungen geben.

Walmart zeigt sich schockiert

„Schockiert” zeigte sich dagegen der unfreiwillige Hausherr der Tragödie – Walmart. Der Einkaufsriese ist der größte Waffenverkäufer Amerikas. Nach dem Massaker an einer Highschool in Florida im vergangenen Jahr setzte Walmart das Alter für den Kauf von Waffen und Munition von 18 auf 21 Jahre hoch. Gewehre vom Typ, das C. benutzte, sind seit 2015 nicht mehr im Angebot.

In Washington wurde gestern bereits damit gerechnet, dass Justizminister William Barr das Blutbad aufgrund der ideologischen Aufladung des Täters in Kürze als „Hassverbrechen” einstufen und Bundesrecht anwenden wird. Patrick C. könnte dann im Falle einer Verurteilung die Todesstrafe drohen. Das Blutbad in El Paso war das folgenschwerste in den USA seit 2017. Damals starben 26 Menschen in einer Kirche in Sutherland Springs. Wo das liegt? In Texas.

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