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Darum wird der Eurovision Song Contest 2023 schräg wie nie

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ESC 2023: Alle Infos zum Song Contest in Liverpool

ESC 2023: Alle Infos zum Song Contest in Liverpool

Es ist wieder soweit: Im Mai findet der 67. ESC statt. Diesmal aber nicht im Gewinnerland, sondern in Liverpool.

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Liverpool.  Das ESC-Finale 2023 am Samstag in Liverpool könnte die skurrilste Show der Grand-Prix-Geschichte werden. Die Highlights im Überblick.

Großbritannien erlebt den Mai der Kostümfeste. Nach der Krönung von King Charles geht es ebenso glitzernd, aber sehr viel lockerer weiter: Das Mutterland des Pop richtet Samstag in der Beatles-Stadt Liverpool den 67. Eurovision Song Contest aus. 26 Länder treten an.

Egal, was beim großen ESC-Finale passiert, eines ist sicher: Trinkt man jedes Mal einen Schnaps, wenn bei der Punktevergabe die "fantastic show" gelobt wird, kommt man nicht nüchtern aus dem Abend. Das sind die Highlights.

ESC-Geheimfavorit aus Österreich: Teya und Salena mit "Who The Hell Is Edgar?"

Den schrägsten Protestsong des Jahres liefert wohl Österreich mit "Who The Hell Is Edgar?" von Teya und Salena. Die Hyperpop-Hymne über eine Frau, die glaubt, vom Geist des Schriftstellers Edgar Allan Poe besessen zu sein, klingt zunächst wie ein Beitrag, mit dem man sein Gehirn durchlüften kann. Doch den beiden Sängerinnen geht es um Kritik: Nämlich daran, "dass im Musikbusiness Individualität immer mehr zugunsten einer Massenproduktion verloren geht", erklärte Teya dem Standard.

Ihre wichtigste Zeile sei "Zero, dot, zero, zero, three". Nein, damit zählt sie nicht die Punkte auf, die Deutschland in den vergangenen Jahren beim ESC bekommen hat. Sie meint: 0,003 Cent. Das ist der Betrag, den ein Musiker verdient, wenn sein Lied bei Spotify abgerufen wird.

ESC-Favoritin aus Schweden: Loreen mit "Tattoo"

Die berechnendste Favoritin stammt 2023 aus Schweden: Loreen. Für ihren diesjährigen Beitrag "Tattoo" ließ die Siegerin von 2012 sich einen Nummer-sicher-Zaubertrank mixen. Ihre Waldhexen-Image und ihre eigenwillige Art so zu tanzen, als wolle sie Bäumen durch Gebärdensprache ihr Innenleben darlegen, erinnert an nordische Ikonen wie Björk und Fever Ray.

Doch statt verqueren Indie-Sound gibt es stampfende Beats und stimmliches Geprotze, genau so, wie viele ESC-Fans es lieben. Textlich wurden alle Vorgaben aus dem Schlager-Songschreiber-Bootcamp beachtet: Bringe große, gegensätzliche Gefühle unter ("Liebe", "Schmerz", "Herz"), mindestens zwei Elemente ("Feuer", "Regen") und vergiss Himmelserscheinungen nicht ("Engel", "Sterne").

ESC-Experte Benjamin Hertlein vom Fan-Blog ESC Kompakt gefällt es: "Ihr Auftritt ist ein Gesamtkunstwerk aus einer beeindruckenden Inszenierung, einem fesselnden Song und einer großartigen Künstlerin. Den Sieg werden sie und Käärijä aus Finnland unter sich ausmachen."

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Bizarrer Favorit aus Finnland: Käärija mit "Cha Cha Cha"

"Cha Cha Cha" von Käärija aus Finnland entzieht sich jeder Einordnung, man könnte ihn als Rammstein-Techno-Rap beschreiben. "Finnland ist ein Party-Land, ein Heavy-Metal-Land und ein Pop-Land – dieser Song vereint alles davon", sagte Käärijä, der neonbunte, puffärmelige Halbnackt-Oufits bevorzugt.

Finnlands ESC-Beitrag von Käärja

"Es ist der richtige Schritt für Käärijas Karriere." Bevor die Leserbriefe kommen: Die Anführungsstriche hier sind richtig setzt. Er redet meist von sich in der dritten Person. Mutig: Käärija singt auf Finnisch.

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Friedensbotschaft aus Kroatien: Let 3 mit "Mama ŠČ!"

Der skurrilste Anti-Kriegs-Song kommt mit "Mama ŠČ!" von Let 3 aus Kroatien. Bloß nicht politisch werden, das ist die Vorgabe der ESC-Macher. Die Kroaten, nicht mehr ganz junge Männer mit angeklebten Bärten und in ausgedienter Unterwäsche, verpacken daher ihre "Ein bisschen Frieden"-Botschaft in scheinbaren Nonsens.

"Dieser fiese Psychopath, krokodilhafte Psychopath, Mama, ich gehe in den Krieg", singen sie. Wer gemeint ist, ist nicht schwer zu erraten.

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ESC-Beitrag aus Deutschland: Lord of the Lost sind echte ESC- Fans

Die größten ESC-Fans stammen dieses Jahr wohla us. Deutschland: Lord of the Lost. Nichts zieht die Stimmung mehr hinab, als ESC-Partygäste, die nur gekommen sind, weil sie versäumt haben, sich etwas Besseres vorzunehmen. Leider hat sich diese Unsitte auch unter ESC-Kandidaten verbreitet: so zu tun, als sei man nur zufällig da.

Umso angenehmer, dass Lord-Sänger Chris Harms versichert, ein ESC-Auftritt sei sein Kindheitstraum. Hoffentlich folgt Samstag jedem Lob der "fantastic show" ein "Germany, 12 points" – und auch der Traum vom Sieg wird wahr. ESC-Experte Hertlein tippt auf einen Platz zwischen 11 und 15. Wäre ja wenigstens ein Fortschritt.

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