Raumfahrt

Die Rückseite des Mondes: Chinas Sprung zur Großmacht im All

Die chinesische Sonde Chang’e 4 hat es geschafft: Sie ist auf der Rückseite des Mondes gelandet.

Die chinesische Sonde Chang’e 4 hat es geschafft: Sie ist auf der Rückseite des Mondes gelandet.

Foto: - / dpa

Peking  Die Raumsonde Chang’e 4 hat die Mondrückseite erreicht. Damit ist China die erste Nation, die dort einen Rover platzieren konnte.

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Dass Sun Zezhou gerade etwas Historisches vermeldet, ist ihm nicht anzusehen. „Alles lief wie erwartet. Die Landeposition ist ideal, wir sind am Ziel“, sagt der Chef-Entwickler der chinesischen Weltraumbehörde CNSA mit ernster Miene in die Kamera des Staatsfernsehens. Zuvor hatte der Wissenschaftler zumindest ein kurzes Lächeln gezeigt und ein paar Hände geschüttelt.

China hat Pionierarbeit im All geleistet. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist eine Raumsonde auf der Rückseite des Mondes gelandet. Um 3.26 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) setzt „Chang’e 4“ – benannt nach der chinesischen Mondgöttin – am Aitken-Krater in der Nähe vom Südpol des Erdtrabanten auf. Minuten später überträgt sie die ersten Farbbilder: Diese zeigen eine sandfarbene Oberfläche, Schlaglöcher und eine Kuhle.

Eine besondere Aufgabe hat ein von Wissenschaftlern der Christian-Al­brechts-Universität in Kiel entwickeltes Gerät. Das soll mindestens ein Jahr lang die Strahlung und den Wassergehalt des Bodens messen und Daten zur Erde schicken. Die Erkenntnisse daraus sollen helfen, künftige bemannte Mondmissionen vorzubereiten.

Geschützte Unterkünfte auf dem Mond

„Die Strahlenexposition ist das größte unkontrollierte Risiko für Astronauten-Missionen“, sagt Teamleiter Robert Wimmer-Schweingruber von der Uni Kiel. Ziel sei es, herauszufinden, ob geschützte Unterkünfte für Astronauten auf dem Mond möglich wären.

Die Landung von „Chang’e 4“ hatten Raumfahrt-Experten im Vorfeld als sehr anspruchsvoll bezeichnet. Als Hürde galt die reibungslose Kommunikation mit der Erde, weil auf der Rückseite des Mondes keine direkte Funkverbindung aufgebaut werden kann.

Im Mai hatten die Chinesen deshalb bereits einen Übertragungssatelliten in Position gebracht, um Signale aus dem Funkschatten senden zu können.

Mit einem reibungslosen Ablauf der Mond-Mission will China unter Beweis stellen, dass sein ambitioniertes Raumfahrtprogramm große Fortschritte macht. Tiefer und umfassender als je zuvor werde seine Nation in Zukunft das All erforschen, hatte Staatschef Xi Jinping im Oktober 2016 angekündigt.

Chinesen wollen technologische Großmacht sein

Die Mission zur Mond-Rückseite ist dabei erst der Anfang: Noch in diesem Jahr plant China eine weitere unbemannte Mondlandung, um Gesteinsproben zur Erde zurückzubringen. Bis 2021 will Peking eine wiederverwertbare Träger­rakete entwickeln, die besonders viel Fracht transportieren kann. Um 2022 plant China den Bau einer Raumstation. Und bis 2030 soll dann erstmals auch ein Chinese einen Fuß auf den Erdtrabanten setzen.

Die Landung auf der Mond-Rückseite „hat vor allem einen großen symbolischen Wert“, sagt der Dortmunder Techniksoziologe und Weltraumexperte Johannes Weyer. Die Amerikaner hätten sich in der Vergangenheit mit den Russen einen Wettkampf um die Vorherrschaft im All geliefert – und gewonnen. Jetzt kämen die Chinesen.

„Und die demonstrieren, dass sie eine technologische Großmacht sein wollen.“ Unter Experten gilt es längst nur noch als eine Frage der Zeit, bis die aufstrebende Techniknation in Fernost vollständig mit den USA gleichgezogen hat.

Neue Technologien testen und Allianzen schmieden

Der Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, Jan Wörner, zeigt sich von den Fortschritten der Chinesen beeindruckt. „Ich habe schon in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen“, sagt Wörner.

Dass der Mond durch die Mission zu seiner Rückseite wieder stärker in den Fokus rücke, sei aus Forschungsgründen positiv zu bewerten. Ralf Jaumann, Mondforscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, hält die Ankunft von „Chang’e 4“ sogar für einen Meilenstein. „Damit haben die Chinesen gezeigt, dass sie ganz vorne mitspielen.“

Nur ums Prestige dürfte es den Chinesen aber keineswegs gehen. Es geht auch darum, Technologien zu testen oder neue internationale Allianzen vorzubereiten. Und: Mit der Raumfahrtforschung seien immer auch militärische Ambitionen verknüpft.

Militärische Konkurrenz im All

90 Prozent der Technologie habe sowohl zivilen als auch militärischen Nutzen, sagt der unabhängige Raumfahrtexperte Morris Jones. Chinesische Militärexperten jedenfalls verweisen gerne darauf, dass künftige Kriege im All gewonnen werden.

„Wer Raketen in den Weltraum schießt, kann auch andere Länder bedrohen. Das muss man immer im Hinterkopf haben“, sagt Weltraumexperte Weyer.

Auf die neue militärische Konkurrenz im All stellen sich die USA unter Präsident Donald Trump längst ein. Trump hat vor Kurzem angekündigt, „Weltraum-Kriegsführungsprofis“ ausbilden zu lassen. (mit kai/dpa)

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