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Indische Corona-Mutation: Das sagte Christian Drosten

Lesedauer: 6 Minuten
Corona-Pandemie: Indiens Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps

Corona-Pandemie: Indiens Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps

Indien kämpft gegen eine gewaltige neue Corona-Welle. Zahlreiche Krankenhäuser senden Hilferufe aus, weil die Intensivstationen überlastet sind und der Sauerstoff zur künstlichen Beatmung zur Neige geht.

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Berlin  Für die gefährliche Corona-Variante aus Indien hat sich der Begriff „Doppel-Mutation“ eingebürgert. Was hat es damit auf sich?

  • Die Corona-Lage in Indien wird immer schlimmer: Jeden Tag werden neue Höchststände bei den Corona-Neuinfektionen gemeldet
  • Die Kliniken sind überfüllt, der Sauerstoff für die Beatmung der Patienten geht vielerorts aus
  • Im Land breitet sich die Corona-Mutation B.1.617 rasend schnell aus - die WHO warnte am Montag vor voreiligen Schlüssen
  • Schützen Impfstoffe gegen diese indische Variante weniger? Darüber äußerte sich erst kürzlich Christian Drosten in seinem Podcast

Die Corona-Lage in Indien spitzt sich immer weiter zu. In Indien waren am Montag gut 350.000 Infektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet worden, mehr, als je ein Land in so kurzer Zeit gemeldet hat. Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern hat mehr als 17 Millionen Infektionen erfasst. In absoluten Zahlen ist das Land damit hinter den USA am härtesten von der Pandemie betroffen.

So viele neue Fälle an einem Tag gab es weltweit noch nie in einem Land. Das liegt wohl auch an einer neuen Mutation, die sich rasant in Indien und jetzt weltweit ausbreitet.

Bei der Variante B.1.617 des Coronavirus handelt es sich um eine sogenannte "doppelte Mutation". Diese scheint nach ersten Einschätzungen ansteckender zu sein als der Urtyp. Experten befürchten auch, dass die Variante gegen die meisten Impfstoffe resistent sein könnte. Doch was hat es mit der "Doppel-Mutation" auf sich? Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Indische "Doppel-Mutation": Das hat es damit auf sich

Die neue, in Indien aufgetauchte Variante weist gleich zwei Abänderungen an einem Oberflächenprotein auf. Daher stammt die Bezeichnung als "Doppel-Mutation". Die Veränderungen im Spike-Protein treten an den Stellen E484Q und L452R auf. Diese Mutationen könnten laut dem Robert Koch-Institut "mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht werden, deren Umfang nicht eindeutig ist".

Diese zwei Mutationen existieren jeweils als einzelne Virusvarianten. Bei B.1.617 treten sie jedoch gleich gemeinsam, sozusagen "gedoppelt" auf. Zuletzt erläuterte dies auch der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update": "Es ist nicht so, dass man eine Kreuzung von zwei verschiedenen Mutanten hat, wie das in einigen Medienquellen gestanden hat." Die Veränderung der Rezeptor-Bindungsstellen, also dem Spike-Protein, sei bisher auch von anderen Varianten bekannt, so Drosten.

Indische Corona-Mutation B1.617 – Gefahr für Geimpfte?

Das bedeutet im Endeffekt, dass Geimpfte und Genesene möglicherweise vor einer Infektion mit dieser Virusvariante weniger gut geschützt sein könnten. Auch bei den in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Mutationen des Coronavirus wurde das schon befürchtet. Die WHO stufte die Varianten als besorgniserregend ein, ebenso wie die sehr ansteckende, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Mutante B.1.1.7. Letztere ist inzwischen der in Deutschland dominierende Typ des Coronavirus. B.1.617 hingegen steht bei der WHO bisher erst unter Beobachtung als "Variant of Interest".

Als besorgniserregend gilt eine Mutation dann, wenn bekannt ist, dass sie sich einfacher ausbreiten, schwerere Krankheitsverläufe verursachen oder dem Immunsystem entgehen kann. Auch wird beobachtet, ob sich das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert, wie eine WHO-Sprecherin in Bezug auf die neue indische Mutation erläuterte.

Am Montag warnte die WHO angesichts B.1.617 vor voreiligen Schlüssen. Die Organisation beobachtet die Virusvariante, hat sie aber noch nicht als besorgniserregend eingestuft, wie eine WHO-Sprecherin auf Anfrage in Genf mitteilte.

Bislang sei nicht klar, in welchem Ausmaß die Variante für den rapiden Anstieg der Fälle in Indien mitverantwortlich ist. Es gebe viele Faktoren, die dazu beigetragen haben könnten. So hätten in jüngster Zeit Feste und Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern stattgefunden. Zudem verbreite sich B.1.617 neben anderen ansteckenderen Varianten wie der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Variante B.1.1.7.

Ob B.1.617 mehr schwere Krankheitsverläufe auslöse und damit zu höheren Todeszahlen beitrage, sei bislang ebenfalls nicht klar, sagte die Sprecherin. Die höheren Todeszahlen könnten auch daran liegen, dass Kliniken ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben.

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Bisher wenige wissenschaftliche Erkenntnisse zur doppelten Corona-Mutation

Das indische Gesundheitsministerium hatte Ende März über die "Doppel-Mutante" berichtet. Wie oft sie bisher vorgekommen ist, konnte das Gesundheitsministerium auf Anfrage nicht sagen. In einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung hieß es, sie sei inzwischen in Ländern wie Deutschland, Australien, Belgien, Großbritannien, den USA oder Singapur zu finden. Eine höhere Übertragbarkeit sei nicht nachgewiesen. Einige Experten in Indien gehen jedoch davon aus, dass die Mutante zu den schnell steigenden Infektionszahlen in Indien beitragen könnte. Mehr zur Lage in Indien: Corona-Albtraum: So schlimm ist die Lage in Indien

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fürchtet angesichts einer aktuellen Studie aus Südafrika, dass der Impfstoff von Astrazeneca bei einer Infektion mit der indischen Mutation wohl nur wenig helfen könnte: "Südafrika-Variante und Indien-Variante entkommen Antikörpern nach Impfung und auch die zelluläre Antwort scheint schwächer", twitterte der studierte Epidemiologe. Auch interessant:

Virusmutationen sind nicht ungewöhnlich – Corona keine Ausnahme

Der Virologe Christian Drosten äußerte sich im "Coronavirus-Update" trotzdem optimistisch mit Blick auf die nächsten Impfstoff-Generationen. Demnach könnte aller Voraussicht nach bereits "ein leichtes Update" der bestehenden Vakzine reichen, um "mit geringem Aufwand" auch "die meisten Immunescape-Mutanten" erfassen zu können.

Grundsätzlich sind Virus-Mutationen übrigens nichts Ungewöhnliches. Wenn das Erbgut von zehntausenden Einzelbausteinen, den Nukleotiden, übertragen wird und sich vermehrt, passieren ständige Veränderungen. Mutationen sind in etwa als "Kopierfehler" zu bezeichnen. Eine Mutation des Sars-Cov-2-Virus muss daher nicht gefährlicher sein als das Ursprungsvirus – dies trifft nur auf veränderte Typen mit besonderen Eigenschaften zu. Mehr dazu: Corona-Pandemie: So gefährlich sind die Mutationen

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(mit dpa)

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