Smartphones

Digitaler Dauerkonsum – Sorge um eine ganze Generation

Foto: Istock

Berlin  Sie chatten daheim, statt auf Partys zu gehen, werden öfter psychisch krank. Forscher sorgen sich um die digitale Generation. Zu Recht?

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Wenn der fünfjährige Emmanuel sonntagmorgens aufsteht, hat er – noch im Pyjama – nur ein Ziel. Das kuschelige Bett seiner Eltern ist es allerdings nicht. Emmanuel, der mit seiner Familie in Hamburg lebt, geht auf Zehenspitzen, greift auf dem Bücherregal nach dem iPad seines Vaters, tippt den vierstelligen Code zum Entsperren des Geräts ein, macht sich „Feuerwehrmann Sam“ an und setzt sich dann für Stunden auf die Couch.

Seine Eltern stehen erst gegen halb elf auf, drei Stunden später. Auch bei Mutter Antonia (37) gilt der erste Griff dem iPhone. Sie haben gestern einen Familienausflug gemacht. Sie will sehen, wie viele „Herzen“ sie auf Instagram für ihr Familienfoto im herbstlichen Blätterwald bekommen hat. Beim Frühstück sitzen Emmanuel, seine Mutter und sein Vater dann zum ersten Mal am Tag zusammen – er vor einem Tabloid, die Erwachsenen an ihren Smartphones.

Erwachsene sind schlechte Vorbilder

Stillleben eines modernen Familienalltags, das keineswegs ein gruseliges Orwell-Zukunftsszenario ist, sondern mittlerweile unspektakuläre Realität. In Deutschland verbringen laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom rund 94 Prozent der Zehn- bis Elfjährigen im Schnitt 22 Minuten täglich online. Bei Jugendlichen von 16 bis 18 Jahren sind es schon 115 Minuten.

Smartphones gehörten bereits im Alter von 12 bis 13 Jahren zur Standardausstattung von Jugendlichen. Dazu kommt, dass 93 Prozent der 10- bis 18-Jährigen im Schnitt 104 Minuten pro Tag Videospiele zocken – das meist auch auf dem Handy.

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Erwachsene sind dabei schlechte Vorbilder. So hält es der Durchschnittshandybesitzer nicht länger als 18 Minuten aus, ohne auf sein Smartphone zu schauen, fand der Informatikprofessor Alexander Markowetz von der Universität Bonn heraus.

Psychische Erkrankungen durch Smartphones gestiegen

Dabei ist jede Unterbrechung durch die Einlassung auf eine Nachricht, einen Facebook-Post oder eine E-Mail, Gift für die Konzentration. So braucht man nach dem Lesen einer Mail wieder Minuten, um sich wieder vollständig auf andere Dinge einlassen zu können, warnt der Braunschweiger Neurobiologe Martin Korte.

Besonders Sorgen machen sich Forscher wie die US-amerikanische Psychologin Jean M. Twenge dabei um die heutigen Kinder und Jugendlichen. Für die renommierte Forscherin ist klar, dass die Generation der heute sechs- bis 28-Jährigen „von Smartphones geformt“ wurden. Auch deshalb, weil diese nie eine Zeit ohne Internet und soziale Medien gekannt haben.

Laut Twenge verlassen Kinder und Jugendliche heutzutage weniger ihr Schlafzimmer und gehen seltener auf Partys. Der Anteil der psychischen Erkrankungen sei aufgrund des Smartphone-Konsums seit dem Jahr 2011 jedoch eklatant gestiegen.

Soziale Medien und Smartphones erzeugen Druck

Tatsächlich hat eine Gruppe Wirtschaftsforscher der Universität Sheffield anhand einer Langzeituntersuchung herausgefunden, dass soziale Medien jeden Bereich des Lebens von Heranwachsenden negativ beeinflussen. Konkret: Je mehr Kinder und Jugendliche Dienste wie Facebook, Snapchat, WhatsApp und Instagram nutzen, desto weniger sind sie mit ihrem Erscheinungsbild, ihrer Familie und ihren Schulleistungen zufrieden.

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„Die Jugendlichen stehen durch die sozialen Medien und ihr Smartphone unter dem ständigen Druck, immer erreichbar zu sein, immer zu reagieren und mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. Wer sich nicht regelmäßig meldet, ist raus“, weiß auch die Kölner Familienpsychologin Elisabeth Raffauf.

Dauerkonsum durch einfache Regeln in Griff kriegen

So kommt es durch die fehlende Kommunikation dazu, dass Familien leiden. „Die Handynutzung von Kindern und Jugendlichen ist zwischen Eltern und Kindern heutzutage das Streitthema Nummer eins“, sagt auch der Kindermedienexperte Thomas Feibel. Der vierfache Vater, Berater des Familienministeriums und Buchautor („Jetzt pack doch mal das Handy weg“, Ullstein) will allerdings kein Kulturpessimist sein und plädiert dafür, dass man durch einfache Regeln das Problem des digitalen Dauerkonsums in den Griff kriegen könnte.

„Wenn die Kinder nach Hause kommen – und auch die Erwachsenen – legen alle ihre Handys in ein Körbchen am Eingang. Dann unterhält man sich und isst zusammen zu Abend“, erklärt Thomas Feibel. Danach dürfe man wieder zum Smartphone greifen. Smartphones sollten bei Nacht im Kinderzimmer ein Tabu sein.

Eltern sollten Freiräume für soziale Kontakte schaffen

Und da Erziehung mit Selbsterziehung beginne, rät er Erwachsenen, ihren Arbeitsbereich komplett von der Freizeit zu trennen, indem man den E-Mail-Zugang von seinem Handy entfernt. „Das ist oft ärgerlich und mühselig, aber es schafft Freiräume für soziale Kontakte“, ist Thomas Feibel überzeugt. Gerade beim Thema Smartphones sollten Erwachsene, die laut Studie ihr Smartphone im Schnitt 2617 Mal am Tag berühren, an ihrer Vorbildfunktion arbeiten.

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