Artenschutz

Der für die Tiger kämpft

Tigerschützer Anatoli Belov aus Waldiwostok, Russland. Foto: Andreas Eistert, WWF

Tigerschützer Anatoli Belov aus Waldiwostok, Russland. Foto: Andreas Eistert, WWF

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Wladiwostok.Anatoli Belov setzt sich seit 20 Jahren für das Überleben der Amur-Tiger ein. Doch weil Wilderer in China 25000 Dollar für eine erlegte Großkatze kassieren und die Jagd mafiös organisiert ist, ist es ein vergeblicher Kampf.

Anatoli Belov sieht aus wie ein Preisboxer. Durchtrainiert, bis in die letzte Muskelfaser. Typ: Besser nicht im Dunkeln begegnen. Der pseudomilitärische Tarnanzug trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei. Lächeln? Fehlanzeige. Die augenscheinliche Unnahbarkeit, die Härte, ja vielleicht auch der Gram, sie wirken wie die Folgen eines seit Jahrzehnten geführten, oftmals aussichtslosen Kampfes. Seit mehr als 20 Jahren versucht Anatoli Belov im Fernen Osten Russlands die letzten Amur-Tiger zu beschützen: vor Wilderern, Schmugglern und, viel schlimmer, korrupten Behörden und Milizionären. Für seinen unermüdlichen Einsatz wurde dem 48-Jährigen jetzt die Prince-of- Edingburgh-Medaille in London verliehen. Zufrieden stimmt ihn die Auszeichnung nicht.

Denn in den Wäldern des Primorje, die er, mit finanzieller Unterstützung des WWF und einer handverlesenen Truppe von acht ehemaligen Tschetschenien-Veteranen täglich durchstreift, fühlt er sich zunehmend verlassen.

Die Wilderer kassieren weiter

„Wir nehmen heute einem Wilderer das Gewehr ab und treffen ihn nächste Woche mit der gleichen Waffe“, erzählt er. „Manchmal“, sagt er, „sind Wilderer und Polizei alte Klassenkameraden.“ In dem eher armen Länderdreieck zwischen China, Korea und Russland, wo ein Großteil der Menschen von weniger als 50 Euro im Monat leben muss, ist Wilderei ein lukratives Geschäft. 25 000 Dollar zahlen Chinesen für einen toten Tiger. Mit maximal 1500 Rubel Bußgeld (knapp 40 Euro) und 500 000 Rubel Entschädigung (12 000 Euro) muss ein ertappter Wilderer rechnen. Bis zu fünf Jahre Haft – damit droht der russische Staat außerdem. Aber das ist eher lautes Gebrüll, das im nächsten Baumwipfel verhallt.

„Wir müssen eindeutig nachweisen, dass der Wilderer ein Tier wirklich getötet hat“, sagt Belov. Wer mit einem Fell im Kofferraum ertappt werde, komme meist mit ein paar Rubel Strafe davon. Belov: „In 20 Jahren gab es nur einen einzigen Fall, wo ein Wilderer im Gefängnis landete.“ Dabei hat seine Truppe 2008 allein 294 Wilderer gestellt. In nur 28 Fällen sei ein Verfahren eröffnet worden.

Belov hat sich in Rage geredet und erzählt von einer 14-köpfigen Jagdgesellschaft, die sein Trupp 2008 neben einem toten Tiger aufgespürt hatte. „Aus Notwehr“, gaben sie an, hätten sie das Tier getötet. Der Fall sei eigentlich klar gewesen. Zunächst wurden die Männer auch verhaftet. „Doch sie kamen wieder frei, erhielten sogar ihre Jagdgenehmigungen zurück“, schimpft Belov. Der Fall verlor sich in Behördenschubladen. „Hohe Militärs und Politiker haben mitgespielt, solche Fälle werden nicht öffentlich gemacht.“

Geschickte Wilderer

Wilderer seien geschickt, versuchten immer ihre Spuren zu verwischen. Neben einem toten Tiger fand Belov vor ein paar Jahren einen Mann, der sich seine Hand selber zerschnitten hatte. „Er behauptete, der Tiger habe ihn angefallen und gebissen“, sagt Belov.

In den armen Dörfern des Primorje sieht Belov allerdings nicht in jedem Bauern oder Landarbeiter einen potenziellen Wilderer. Im Gegenteil. An seiner „Heimatfront“, im Dorf Barabash, wo der studierte Biologe mit seiner Frau Svetlana und dem erwachsenen Sohn Oleg lebt, bekommt er die Hinweise auf Wilderer von Nachbarn, Freunden, Farmern. „Eine Minderheit der Landbevölkerung wildert auch, aber die schießen eher illegal Hirsche oder Wildschweine.“

Die Jagd auf den Tiger und den ebenfalls vom Aussterben bedrohten Amur-Leoparden ist organisiert, hat indes fast mafiöse Strukturen. Für Belov heißt einer der Drahtzieher China. Der gefräßige Nachbar hat die eigenen Wälder leergejagt und abgeholzt.

Bedarf an Bauholz

So versuche das Reich der Mitte den Bedarf an Bauholz – durchaus auch im Raubbau – im Primorje zu decken, lasse die Flüsse abfischen, Frösche und Singvögel jagen. Belov: „Uns fressen inzwischen die Mücken auf.“ Der Mann, der in den letzten 20 Jahren nicht einen Tag Urlaub genommen hat, der selbst nach dem Zu-sammenbruch der Sowjetunion ohne Gehalt weitergearbeitet hat, weiß keinen Ausweg aus der Misere, außer dies: „Todesstrafe für einen Tiger-Abschuss, alles andere ist witzlos.”

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