Mauerfall

DDR-Flucht-Helferinnen gesucht: „Wir wollen Danke sagen!“

Katrin Linke (52) und Karsten Brensing (52) flüchteten noch vor dem Mauerfall 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik. Sie suchen ihre zwei Flucht-Helferinnen. Wer kennt sie?

Katrin Linke (52) und Karsten Brensing (52) flüchteten noch vor dem Mauerfall 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik. Sie suchen ihre zwei Flucht-Helferinnen. Wer kennt sie?

Foto: Fotostudio Jörg Riethausen

Erfurt.  Katrin und Karsten aus Erfurt erzählen ihre bewegende Liebes- und Fluchtgeschichte. Und sie suchen ihre Fluchthelferinnen von damals.

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Plötzlich steht da dieser Zaun. Wir sind mit Katrin Linke und Karsten Brensing auf dem Erfurter Petersberg, wollen Fotos für diese Reportage machen. Zwei Meter ist die Absperrung hoch, lässt sich nicht verschieben, rüber klettern geht auch nicht. Doch Karsten Brensing hat schnell einen kleinen Spalt entdeckt. „Da gehen wir jetzt durch!“

Von Mauern oder Zäunen haben sich Katrin und Karsten, heute beide 52 Jahre alt, noch nie aufhalten lassen. Auch nicht im August 1989. Damals sind sie unter Einsatz ihres Lebens aus der DDR in den Westen geflohen. In BILD der FRAU, die wie unsere Redaktion zum Verlag der Funke Mediengruppe gehört, erzählen sie ihre unglaubliche Geschichte.

Ein Jahr lang planen Katrin und Karsten die Flucht aus der DDR

Ihre Geschichte beginnt im Sommer 1988. Ihr Cousin sitzt wegen Republikflucht im Gefängnis. Katrins einer Bruder ist schon seit einem Jahr im Westen, der zweite hat den Ausreiseantrag bereits gestellt. „Ich wollte zu ihnen“, beginnt Katrin. „Ich verspürte ein riesiges Ungerechtigkeitsgefühl.“

Auch Katrins Kumpel Karsten will weg. Der Erfurter fühlt sich vom Staat gegängelt. Karsten: „Ich wollte Meeresbiologe werden, sollte mich dafür aber von meiner West-Verwandtschaft lossagen. Mein Zorn auf das System wurde immer größer.“

Die jungen Leute schmieden Fluchtpläne. Sie wollen ihr Glück über den Ostblock versuchen, mit gefälschten Visa über die Sowjetunion nach Japan raus. Oder, wenn das nicht gelingt, von Ungarn durch den Neusiedler See in die Freiheit schwimmen.

Vorbereitung und Aufbruch: Sie schwimmen, sie rennen, sie hungern

Woche um Woche trainieren Katrin und Karsten im See, sie joggen sich die Lunge aus dem Leib, üben fasten, um länger ohne Nahrung auszukommen, machen alles zu Geld, was sie nicht brauchen.

Katrin: „Es tat weh, Mutter nicht einzuweihen. Sie ahnte es, sagte leise ,Seivorsichtig‘, als wir uns umarmten.“ Am 4. Juli 1989 fliegen Katrin und Karsten ab Leipzig in den „Urlaub“ nach Moskau. Von dort geht’s nach Taschkent in Usbekistan, wo ihnen ein Brieffreund aus Japan gefälschte Visa überreichen soll.

Ihre Pläne scheitern, doch dann kommt die große Chance

Die beiden warten am Flughafen, vier Tage lang. Der Mann kommt nicht. Katrin und Karsten sind enttäuscht, erschöpft. Also Ungarn! Sie fliegen nach Budapest. In der Botschaft kriegen sie keine Pässe zur Ausreise. An der Grenze zu Österreich werden sie geschnappt, landeneine Nacht im Knast. Der Fluchtwille bleibt, wird immer stärker. Doch schwimmen? Katrin kriegt Panik. Die Dunkelheit, der Wellengang, die steilen Uferböschungen. „Und ohne Brille tauchen, sich unter Wasser orientieren? Ich hatte Angst.“

Die Freunde streiten, vertragen sich wieder, rücken nochnäher zusammen. Aus ihrer Freundschaft wächst die Liebe, die sie durchhalten lässt. Beim Trampen zum Balaton, Ungarns Plattensee, lernen Katrin und Karsten zwei junge Frauen aus Stuttgart kennen. „Wir möchten euch helfen“, sagt eine. Karsten fragt sofort:„Nehmt ihr Katrin auf der Rückfahrt mit?“ Die schaut ihn ungläubig an. Er nimmt sie in den Arm. „Wir schaffen es nur getrennt.“

Für die spektakuläre Flucht muss sich das Paar trennen. Katrin ist als erste dran

Eine Woche später, es ist der 13. August 1989. Antje und Anke aus Stuttgart, um die 19 Jahre alt, warten im VW Polo am Treffpunkt. Katrin küsst Karsten. „Das war schwer, wir waren so viele Wochen zusammen. Nun sollte ich allein fort.“

Sie fährt mit den Frauen los. Kurz vorder Grenze legt sie sich in ihr Versteck in der Rückbank, die Frauen spannen Schaumstoff über sie. „Je näher wir Hegyeshalom kamen, desto wilder schlug mein Herz.“ „Noch 20 Meter“, ruf Antje Katrin zu. „Noch 15...“ Katrin: „An der Grenzkontrolle hab ich mich kaum getraut zu atmen.“ Jede Sekunde fühlt sich an wie ein Jahr, die Gedanken rasen: Was wird aus mir, wenn sie mich entdecken?„Passports!“ Anke reicht sie dem Grenzer. „Ungarn very beautiful.“

Er winkt den Polo weiter. Dann hört Katrin den erlösenden Satz: „Wir sind durch.“ Sie kann’s kaum glauben. Freiheit! Die Mädels kurbeln die Fenster runter, schreien vor Glück. Als Karsten abends aus der Telefonzelle Katrins Bruder im Westen anruft, gibt der grünes Licht. „Sie hat Wien erreicht, du kannst los.“ Karsten: „Das hat mir Kraft gegeben – für meine letzte Etappe.“

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Die große Suchaktion: Liebe Flucht-Helferinnen, bitte meldet euch!

Das Paar aus Erfurt sucht über BILD der FRAU die zwei Frauen, die Katrin am 13. August im Kofferraum ihres VW Polo über die Grenze nach Österreich schmuggelten (s. Foto). „Die beiden hatten damals gerade eine Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen“, erzählt Katrin, „sie kamen aus Stuttgart oder Umgebung.“ Das Foto entstand vor dem Hundertwasserhaus in Wien. Falls Sie sich erkennen und Katrin und Karsten wiedersehen wollen: Bitte schreiben Sie eine Mail an picknickohnegrenzen@gmail.com!

Warum Picknick ohne Grenzen? 2020 möchten Katrin und Karsten Brensing mit ihren und vielen anderen Fluchthelfern und DDR-Flüchtlingen bei einem großen Picknick die Freiheit feiern. Katrin Linke:„Damals gab es ja weder Mails noch Handys, man konnte schwer in Kontakt bleiben. Dabei teilen wir alle so intensive Momente.“ Für Interessierte haben die Erfurter die Facebook-Seite „Picknick ohne Grenzen“ und die Mailadresse picknickohnegrenzen@gmail.com eingerichtet.

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Karsten springt in die Donau und wird dieses Gefühl nie vergessen

Zwei Tage später, 15. August, 22.30 Uhr. Weil der geplante See zu wenig Wasser hat, steht Karsten nun am ungarischen Ufer der Donau, bei Mohács. Jeans und Hemd hat er im Gebüsch versteckt. Mit Taucheranzug und Schnorchel lässt er sich ins dunkle Wasser gleiten. „Die Donau nahm mich auf. Ich schwor mir, dieses Gefühl nie zu vergessen.“

Eine Nacht lang schwimmt er, treibt mit der Strömung. „Die Donau war breiter, als ich berechnet hatte, aber ich kam voran.“ Bis ihn Suchscheinwerfer eines Patrouillenboots streifen. „Ich dachte: ,Daswar’s.‘ Mein Herzschlag klang wie ein Vorschlaghammer.“ Das Boot dreht ab. Weiter. Um 5.40 Uhr erreicht er Jugoslawien, steigt bei Bátina aus dem Wasser, am Ende seiner Kraft. Zwei Angler bringen ihn in die Stadt, von dort aus fährt er nach Belgrad, erhält im Konsulat Geld und Dokumente zur Weiterfahrt nach München.

Wird es Karsten bis ins Aufnahmelager in Gießen schaffen

Vier Tage später, im Aufnahmelager in Gießen. Katrin schläft kaum noch. Ob Karsten es schafft? Dann sieht sie sein blaues Poloshirt. Sie rennt los. „Wir konnten uns nicht mehr loslassen, haben nur noch gelacht.“ Drei Monate später fällt in Berlin die Mauer. Da sind Katrin und Karsten schon mittendrin im neuen Leben.

Sie studieren, jobben, ziehen später von Göttingen nach Kiel und Berlin. Urlauben in Südamerika, Israel und Amerika, leben ein Jahr in Florida, wo Karsten nun endlich Delfine erforscht.

Katrin zieht Fotos aus einem Karton. „1997 haben wir im Segelschiff den Atlantik überquert. Die Welt war riesig und wunderschön.“ Ihre Augen funkeln neugierig, immer noch. Heute arbeitet Katrin als Wissenschaftsjournalistin fürs Fernsehen, Karsten ist Meeresbiologe, schreibt Bestseller. 2009 kehrten beide nach Erfurt zurück, wo sie ein Haus bauten und ihre Zwillinge bekamen (heute 6).

Heimatsache: Die Rückkehr nach Erfurt

Was die beiden wieder in ihre alte Heimat zog? „Die Grundstückspreise“, scherzt er. Sie lacht. Sagt nachdenklicher: „Hier wird mir warm ums Herz, in dieser Landschaft sind alle Wunden geheilt. Nachts kann man hier sogar Glühwürmchen sehen.“ Glühwürmchen, die die Freiheit haben, überall hin zu fliegen. So wie Karsten und Katrin heute im vereinten Deutschland. In dem Ost und West nur noch Himmelsrichtungen sind.

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