Bergrettung

"Ein kleines Wunder": Duisburger Bergsteiger nach OP wohlauf

Der stark unterkühlte Henning K. nach seiner Rettung.

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Der stark unterkühlte Henning K. nach seiner Rettung. Foto: dpa

Duisburg/Gosau.   Dem in Österreich verunglückten Bergsteiger Henning K. geht es den Umständen entsprechend gut. Er ernährte sich von Proteinriegeln und Schnee.

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Am Ende, als alles vorbei ist, da sprechen die Retter von „einem kleinen Wunder“. Zumindest aber von „unglaublich viel Glück“. Henning K., der Bergsteiger aus Duisburg, der am Samstag bei einer Wanderung am knapp 3000 Meter hohen Dachstein in eine 30 Meter tiefe Spalte gestürzt war, ist in der Nacht zu Donnerstag nur leicht verletzt gerettet worden. Fünf Tage hatte der Angestellte der Stadt Duisburg bei winterlichen Temperaturen überlebt, hatte gehofft und gebangt, sich von Proteinriegeln und geschmolzenem Schnee ernährt. „Eigentlich unvorstellbar“, findet das Christian Egger, der den nächtlichen Einsatz der Bergwacht angeführt hat.

Vergangenen Freitag schickt der 45-Jährige aus dem Ruhrgebiet seinem Vater eine Kurznachricht. „Mache morgen eine Bergwanderung“, steht darin, mehr nicht. Als seine Eltern dann bis montags nichts von ihm hören, melden sie ihren Sohn bei der Polizei in Duisburg als vermisst. Die fängt an zu ermitteln, ruft Freunde und Bekannte an, fragt in Krankenhäusern in Bayern nach, wo die Familie eine Ferienwohnung hat. Dabei erfährt die Polizei, dass Henning K. sich einen Wagen gemietet hat. Das Auto hat zum Glück ein Ortungssystem eingebaut. Es steht – hoch mit Schnee bedeckt – am Vorderen Gosausee in Österreich. Ein beliebter Startpunkt für eine Wanderung zur Adamekhütte.

Bergretter Egger: „Da hast du eigentlich keine Chance“

Die Bergrettung Gosau schickt ihre Männer los. Aber wo sollen sie suchen? Das Wetter ist schlecht, meterhoch ist in den vergangenen Tagen Schnee gefallen, es herrscht Lawinengefahr. „Da hast du eigentlich keine Chance“, sagt Egger aus Erfahrung. Bei Einbruch der Dunkelheit wird die Suche eingestellt. Doch nur wenige Stunden später brechen die Retter – alles Ehrenamtliche – wieder auf.

Denn bei der Polizei in Linz und Gmunden ist ein Notruf des Deutschen eingegangen. Kurz, immer wieder unterbrochen und kaum verständlich. Ein Beamter sendet eine SMS an die Nummer, der Vermisste antwortet, kann dank mitgeführtem GPS sogar seinen genauen Standort durchgeben. „Sonst hätten wir ihn nie finden können“, sagt Egger. So aber kämpfen er und sein Team sich durch die Nacht.

Gegen ein Uhr erreichen sie die Unglücksstelle in 2050 Meter Höhe, schauen und rufen. Bis es aus der Tiefe eine leise Antwort gibt. Henning K. ist in eine Doline gestürzt, in eine ausgeschwemmte Öffnung im Kalkgestein. In gut 20 Meter wird sie so eng, dass er stecken geblieben ist. Seit fast fünf Tagen kann er nur stehen oder auf seinem Rucksack sitzen. Immerhin ist es unten nicht so kalt wie an der Oberfläche. „Knapp über Null“, schätzt ein Retter und nennt auch das „Glück“. Sonst wäre der Mann erfroren.

Nicht mehr an Rettung geglaubt: Henning K. weint vor Glück

Egger seilt sich ab. „Das war ein ganz emotionaler Augenblick“, sagt er. Der Duisburger habe wohl schon aufgegeben, nicht mehr an seine Rettung geglaubt. Jetzt lacht er, weint vor Glück. „Und ich hatte auch Tränen in den Augen“, gesteht der Bergretter. Langsam ziehen seine Leute Henning K. aus dem Spalt. Anders als der Aufstieg sei das „nichts Besonderes“, sagt Egger. „Das haben wir immer wieder geübt.“

Als der Morgen dämmert, schwebt der Rettungshubschrauber „Christopherus 10“ ein, bringt den Deutschen ins Klinikum nach Wels. Seine Retter sollen mit einem Polizeihubschrauber abgeholt werden, doch bis der eintrifft, ist Nebel aufgezogen. „Sind wir eben zu Fuß wieder abgestiegen“, sagt Egger. „Nach sechs Stunden waren wir wieder unten.“

Henning K. „erstaunlicherweise in einem relativ guten Zustand“

Der Duisburger wird derweil im Krankenhaus operiert. Für fast fünf Tage in einer Felsspalte sei er „erstaunlicherweise in einem relativ guten Zustand“ gewesen, sagt Dr. Günter Huemer vom Klinikum Wels am Nachmittag. „Die ersten Untersuchungen haben ergeben, dass ein operatives Versorgen von Schulter- und Fußverletzungen notwendig war.“ Keine Kleinigkeit, aber auch nicht lebensgefährlich.

Fragen bleiben. Vor allem die, warum der Vermisste erst nach so langer Zeit Empfang mit seinem Handy hatte. „Wetterumschwung“, lautet ein Erklärungsversuch, aber letztlich ist das Egger egal. „Wir sind einfach glücklich, dass wir den Mann nach so langer Zeit noch retten konnten“, sagt er und lobt sein Team. „Das war tolle Arbeit.“ Mehr noch: „Nach so einem Tag wissen wir mal wieder, warum wir wie die Verrückten trainieren.“

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