Pandemie

Wie sollen Kinder vor der Delta-Welle geschützt werden?

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Delta-Variante: Wie gefährdet sind Kinder?

Delta-Variante: Wie gefährdet sind Kinder?

Die Delta-Variante bereitet Deutschland sorgen. Vor allem die höhere Ansteckungsgefahr und der mangelnde Impfschutz nach nur einer Dosis alarmiert Experten: Besonders Kinder seien gefährdet.

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Berlin  Die Delta-Variante treibt die Corona-Zahlen wieder hoch. Die Sorge um den Schulbetrieb wächst. Die Grünen fordern ein Gipfeltreffen.

Bis zum Start des Schuljahres ist es nicht lang, in Schleswig-Holstein gerade mal drei Wochen. Es wird ein Anfang im Zeichen der Pandemie. Niemand kann zweifelsfrei sagen, wie lange die Schulen offen bleiben werden.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ist alarmiert. „Wir laufen mit Ansage in einen zweiten Corona-Herbst, und wieder unternimmt die Bundesregierung viel zu wenig, um Kitas und Schulen zu sichern“, warnte die Politikerin im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Einschränkungen für Kinder und Jugendliche seien „massiv“, sorgt sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Für ihn wäre es „entsetzlich“, sagte er der „Bild am Sonntag“, „wenn wir wieder zu einem Lockdown kämen, der die Jüngsten trifft“.

Corona-Herbst: Das Virus hat es in den Schulen leicht

Das Problem ist, dass die Delta-Variante europaweit für einen Anstieg der Neuansteckungen sorgt, in Deutschland am Sonntag den fünften Tag in Folge. Die Gesundheitsämter meldeten dem Robert Koch-Institut (RKI) am Sonntag 745 Corona-Neuinfektionen, sodass die Inzidenz von 5,8 auf 6,2 stieg.

Das Virus hat es in Schulen leicht, da die Kinder und der Großteil der Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren ungeimpft sind. „Die Beispiele Großbritannien oder Israel zeigen, dass es gerade dann auch zu Ausbrüchen in Schulen kommt“, warnt Göring-Eckardt. „Insbesondere mit Blick auf die Delta-Variante dürfen wir keine Zeit mehr verlieren.“ Auch interessant: Corona: Delta-Variante bei Kindern - das sind die Symptome

Ende der Maskenpflicht im Unterricht ist nicht in Sicht

Bund und Länder hoffen auf ein Schuljahr, „das nicht mehr nur unter der Überschrift Corona steht“, wie der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) unserer Redaktion erklärte. Das hat mit der Sehnsucht nach Normalität zu tun, mit Psychologie. Einerseits.

Andererseits drohen höhere Inzidenzen, sodass Hans prüfen will, „ob die Maskenpflicht im nächsten Schuljahr zumindest vorübergehend noch gebraucht wird“. Schäuble unterstützt das. „Bevor wir riskieren, wieder Schulen schließen zu müssen, bin ich dafür, in geschlossenen Räumen weiter Masken zu tragen.“

Ein Ende der Maskenpflicht ist nicht in Sicht. Einheitliche Regeln für den Mund- und Nasenschutz fordert auch Göring-Eckardt in einem Positionspapier, das sie mit den Grünen-Abgeordneten Kordula Schulz-Asche und Janosch Dahmen erarbeitet hat und das unserer Redaktion vorliegt.

Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) räumt ein, dass „stundenlanges Maskentragen in den Klassenräumen“ belastend sei. Und doch hält sie es für „noch notwendig, um einen sicheren Schulbetrieb zu gewährleisten“. Lesen Sie auch: Delta-Variante - Was bedeutet die Corona-Mutante für die Schulen?

Kinder und Jugendliche: Im toten Winkel der Impfkampagne

Zwar glauben die SPD-Abgeordneten Bärbel Bas und Dirk Wiese, dass der Kampf gegen Corona mit zunehmenden Impfungen in eine neue Phase tritt und man den Schulbetrieb nicht von Inzidenzen abhängig machen sollte. Aber die Analyse lässt außer Acht, dass die Kinder und Jugendlichen – immerhin 18 Prozent der Bevölkerung – im toten Winkel der Impfkampagne geblieben sind.

Für die Kinder fehlt ein zugelassenes Vakzin, für die Jugendlichen eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), die gerade von den Eltern als Orientierungshilfe herbeigesehnt wird. Die Folge: Nur etwa 500.000 Kinder und Jugendliche sind geimpft. „Durch den fehlenden Impfschutz sind die Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen weiterhin doppelt so hoch wie in der Altersgruppe über 50 Jahre“, warnt SPD-Chefin Saskia Esken. Wenn die Jüngsten immun werden, dann durch Infektion und Genesung.

Corona-Impfung für Jugendliche: Stiko könnte Empfehlung nochmal prüfen

Hans schwebt eine Art „Cordon sanitaire“ vor, ein Sperrgürtel von Maßnahmen zum Schutz der Kinder. „Erst einmal sollte man alle Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die Eltern impfen. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler, die noch nicht geimpft sind, am besten geschützt“, erläutert er. „Und wir sollten nicht damit aufhören, zweimal pro Woche in den Schulen zu testen.“

Er habe „ganz großes Vertrauen“ in die Stiko, ihm liege es fern, „hier irgendeinen Druck auszuüben“. Und doch halte er es in der jetzigen Situation für selbstverständlich, „fortwährend zu überprüfen und Empfehlungen gegebenenfalls anzupassen“.

Grüne wollen Impfquote mit unkonventionellen Methoden steigern

Eine Steigerung der Impfquote ist das Ziel, für das die Grünen unkonventionelle Wege gehen würden. „Mobile Impfteams können vor Ort, in Stadtteilzentren, vor Schulen und in Universitäten, in Einkaufszentren oder Kultur- und Jugendeinrichtungen jene Menschen erreichen, die bisher zurückhaltend waren“, heißt es in ihrem Papier.

Ohne die Stiko auch nur zu erwähnen, fordert Wolfgang Schäuble, „man sollte Jüngere impfen, wenn sie es wollen. Wenn wir es durch Corona-Impfungen der 12- bis 17-Jährigen schaffen, dass wir Einschränkungen im Schulbetrieb vermeiden, dann ist das ein gewichtiges Argument“. Eine ähnliche Position vertritt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): „Wir sollten die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden lassen.“ Bisher sind solche Appelle aber weitgehend verhallt.

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Luftfilter in jedem Klassenzimmer - das wird wohl nicht möglich sein

Neben der fehlenden Stiko-Empfehlung dürfte ein Grund dafür sein, dass eine Erkrankung mit Sars-CoV-2 in der Altersgruppe oft harmlos verläuft. Ein Argument, das Esken nicht gelten lässt, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion klarmachte: „Long-Covid-Folgen wie neurologische Teilleistungsstörungen und Fatique-Erscheinungen können jungen Menschen eine gute Zukunft für lange Zeit verbauen.“

Eine Schutzmaßnahme könnte der Einbau von Lüftungsgeräten in Klassenzimmer sein. „Das werden wir nicht schaffen“, stellt Hans klar. Aber er verspricht: „Wir werden unsere Quote – gerade in den unteren Klassenstufen, in denen die Abstände am schwierigsten einzuhalten sind – erheblich steigern.“

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Auch die OECD warnt dringend vor neuen Schulschließungen

Dem Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher, ist das Ziel wohl nicht ehrgeizig genug. Bis zum nächsten Schuljahr müssten Schulen so umgerüstet werden, dass der Unterricht auch bei schwieriger Infektionslage ungestört fortgeführt werden könne, forderte er kategorisch im MDR.

„Schulschließungen dürfen sich einfach nicht wiederholen.“ Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) will das nicht garantieren; das könne keiner. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz ist erst für Ende August angesetzt. „Wir fordern jetzt einen Kita- und Schulgipfel“, sagt Göring-Eckardt. Ein „Planungsversagen“ solle sich nicht wiederholen.

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