Cannabis-Studie

Schon zwei Joints könnten Denkvermögen dauerhaft stören

Cannabis: Diese Gründe gibt es für eine Legalisierung der Droge

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Berlin  Laut Forschern schädigen junge Cannabis-Nutzer mit kleinen Mengen ihr Denkvermögen. Diese Folgen könnte es laut einer Studie haben.

Den süßlich-herben Geruch von Cannabis erkennen die meisten sofort. Mehr als jeder vierte Deutsche hat schon selbst an einem Joint gezogen. Gerade bei Jugendlichen ist die Droge beliebt. Dabei kann sie offenbar bei jungen Konsumenten schon in minimalen Mengen merkliche Veränderungen des Gehirns hervorrufen.

Darauf deutet eine am Montag veröffentlichte Studie eines internationalen Forscherverbundes hin, an der auch deutsche Wissenschaftler beteiligt sind.

Demnach beobachteten die Forscher bei 14-Jährigen, die nur ein- oder zweimal Cannabis konsumiert hatten, mithilfe eines modernen Bildgebungsverfahrens – der sogenannten Voxel-basierten Morphometrie – eine Zunahme der grauen Hirnsubstanz.

Sie ist wesent­licher Bestandteil des zentralen Nervensystems, das wichtige Funktionen wie

  • Sehen,
  • Hören,
  • Sprache oder Gedächtnis mitsteuert.

Cannabis-Konsum in der Pubertät gefährlich

Bei den Jugendlichen konnte beobachtet werden, dass folgende Fähigkeiten schlechter waren, als bei den Jugendlichen, die keinen Kontakt zu der Droge gehabt hatten:

  • Denkvermögen,
  • Arbeitsgeschwindigkeit,
  • Geschicklichkeit.

Zudem zeigte die Cannabis-Gruppe im Verlauf eines zweijährigen Beobachtungszeitraums Symptome von Angststörungen – ob es hier einen direkten Zusammenhang mit dem Drogenkonsum gebe, könne die Untersuchung allerdings nicht belegen, schreiben die Autoren im „Journal of Neuroscience“.

Studie zeigt Veränderungen schon nach geringem Konsum

„Die vorliegende Studie wurde sehr sorgfältig durchgeführt. Ihre Befunde sind in gesundheitspolitischer Hinsicht höchst alarmierend“, sagt Prof. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ). Auch Krankenkassen sehen Cannabis nicht als Heilsbringer.

„Bisher wurde angenommen, dass hirnstrukturelle Veränderungen erst durch regelmäßigen und besonders frühen Cannabis-Konsum hervorgerufen werden können. In vorliegender Studie zeigt sich nun, dass bereits ein oder zwei Konsumanlässe in der Pubertät zu Veränderungen im Bereich des zentralen Nervensystems führen können.“

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Unterschiedliche Effekte bei anderen Studien beobachtet

Dass die Probanden bei ihrer Drogenerfahrung so jung waren, hat nach Ansicht der Autoren besonderen Einfluss auf die beobachteten Effekte. So zogen sie zwei Jahre nach der ersten Erhebung einen zweiten Vergleich.

69 Probanden, die mit 14 noch kein Cannabis konsumiert hatten, es aber im Laufe der nachfolgenden zwei Jahre ausprobierten, zeigten keine vergleichbaren Veränderungen des Gehirns.

Die Effekte unterschieden sich auch von denen, die in früheren Studien bei erwachsenen Cannabis-Konsumenten beobachtet wurden. Besonders bei langjährigen Intensiv-Nutzern waren Veränderungen der grauen Substanz festgestellt worden.

„Die Einzelbefunde waren jedoch heterogen: In manchen Gehirnregionen wurde eine Zunahme, in anderen eine Abnahme der grauen Substanz gefunden“, sagt Dr. Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide, Klinikum der Universität München (LMU). Auf mögliche Ursachen für diese Unterschiede gehen die Autoren allerdings in der Studie nicht näher ein.

Angaben zu Konsum beruhen auf Selbstaussagen

„Die Frage nach einem kausalen Zusammenhang zwischen den sehr geringen Dosen des Cannabis-Konsums und den beobachteten Effekten sollte mit Vorsicht beantwortet werden“, ergänzt Hoch. „Die Angaben der jugendlichen Probanden zu ihrem Cannabis-Konsum basieren auf Selbstaussagen. Um zu verifizieren, dass ausschließlich Cannabis gebraucht wurde – und dies nur ein- oder zweimal – wären Drogenscreenings sinnvoll gewesen.“

So fehlten auch Informationen zur Dosis, etwa des Cannabis-Hauptwirkstoffes THC, kurz für Tetrahydrocannabinol.

Das Forscher-Team hatte für die Untersuchung Daten aus der Imagen-Studie verwendet. Das vom Bundesforschungsministerium co-finanzierte Projekt beobachtet über mehrere Jahre, wie biologische, psychologische und Umweltfaktoren sich auf Jugendliche auswirken.

So wurde die Studie durchgeführt: Schüler aus Deutschland, England, Irland und Frankreich wurden erfasst. Aus einem Pool von 2400 Probanden wählte das Team 46 Jugendliche aus, die angaben, erst maximal zweimal Cannabis konsumiert zu haben.

Expertin kritisiert fehlende Labor-Untersuchung

Eine Kontrollgruppe bestand nach Angaben der Forscher aus Jugendlichen, die noch nie Cannabis probiert hatten, bei denen aber andere Faktoren wie Gewicht und Alter, aber auch der Alkohol- und Nikotinkonsum denen in der Cannabis-Gruppe glichen. Auf diese Weise sollte ausgeschlossen werden, dass die Veränderungen des Gehirns auf andere Faktoren zurückgehen.

„Die Kollegen berücksichtigen Faktoren wie Alkohol, Tabakrauchen, demographische, persönlichkeitsbedingte Faktoren und Psychopathologie. Das ist positiv anzuerkennen“, erklärt Prof. Ursula Havemann-Reinecke, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Aber auch sie kritisiert, dass es sich um Fragebogen-Daten handelt, „ohne laborchemische Überprüfung oder Quantifizierung von Cannabis im Urin oder Blut“. Weitere und größere Studien müssten die Ergebnisse bestätigen, sind sich die Experten einig.

Regierung will mehr Geld in Prävention investieren

Handlungsbedarf sieht Hoch vor allem in der Prävention. „Die Studie zeigt, dass früh mit der Aufklärung über die Wirkung von Substanzen wie Alkohol, Tabak und Cannabis begonnen werden muss.“

So sieht es auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU): „Die Folgen des Konsums von Cannabis werden in der öffentlichen Debatte häufig verharmlost. Eine Reihe von Studien zeigt deutlich, welche Auswirkungen der Cannabis-Konsum auf die Gehirnentwicklung gerade bis Anfang 20 haben kann“, sagte sie dieser Redaktion.

„Die Bundesregierung wird auf meine Initiative hin in den kommenden Jahren deutlich mehr Geld in die Cannabis-Prävention stecken. Wir brauchen eine flächendeckende Cannabis-Aufklärung an unseren Schulen. Wegschauen ist keine Lösung.“

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