Köln/Bochum. .

Sonnenlicht durchflutet die Ausstellungsräume des Gartencenters mit seinen riesigen Fensterflächen. Die Einkäufer überblicken ein Meer von Blüten, Osterglocken, Tulpen und Hyazinthen. Hunderte von Azaleen und Rhododendron-Büschen in allen Formen und Größen stehen voller Knospen. „Da bekommt man richtig Lust auf Frühling“, sagt eine Kundin. „Diese herrlichen Farben und dieser Duft!“

Nach dem langen Winter freut sich jeder auf den Frühling, über Farben, Wärme und frühlingshafte Düfte. Doch was meint man genau, wenn man vom Duft des Frühlings spricht? „Das ist für jeden etwas anderes, je nachdem, wo er aufgewachsen ist“, meint der Bochumer Duft-Experte Hanns Hatt, der sich seit Jahren mit der menschlichen Geruchswahrnehmung beschäftigt.

Frühlingsduft sei nichts Feststehendes, sondern ein erlernter Geruch. Ein Amerikaner habe mit Sicherheit ganz andere Vorstellungen vom typischen Frühlingsduft als ein Asiate. Zudem gehe es dabei fast immer um eine „komplexe Mischung aus unterschiedlichen Düften“, erläutert Hatt, der an der Ruhr-Universität Bochum Zellphysiologie lehrt.

„Im Frühling besteht die Luft aus ganz anderen Molekülen. Die noch feuchte Erde riecht anders, die ersten Sonnenstrahlen, die den Boden erwärmen, die erwachende Natur.“

Mit jedem Atemzug gelangen Millionen von Duftmolekülen in unsere Nase, deren 350 Riech-Rezeptoren ständig elektrische Signale ans Gehirn abgeben. „Pausenlos, jede einzelne Sekunde, Tag und Nacht. Das ist ein permanenter Informationsfluss, der das Gehirn fit hält. Deswegen ist Düfte-Riechen besser als Kreuzworträtsel-Lösen“, sagt Hatt.

Das Gehirn analysiert jeden Geruch und speichert ihn ab, zusammen mit den dazugehörigen Bildern. „Wenn wir den Duft wieder aufrufen, wird auch die dazugehörige Stimmung wiederholt.“ Und weil die meisten Menschen den Frühling mit etwas Positivem verbinden, versetzt sie dessen Duft in Frühlingslaune.

Das muss allerdings nicht bei allen so sein. „Die Frühlingswahrnehmung hängt von der Einstellung ab“, erklärt Hatt. Wer zum Beispiel unter starkem Heuschnupfen leidet, verbindet den Frühling eher mit geröteten Augen und Niesanfällen und damit mit einer persönlichen Leidenszeit, die nicht schnell genug vorbei sein kann.

20 Millionen Sinneszellen

Bei den meisten ruft der Frühlingsduft jedoch eine positive Wirkung im Gehirn hervor. So geht im Frühjahr etwa die Zahl der Morgenmuffel um die Hälfte zurück, wie Schweizer Biologen ermittelten – und das trotz Frühjahrsmüdigkeit. Aber man ist eben einfach besser gelaunt.

Vieles davon hat der Mensch seiner Nase zu verdanken, deren Riechschleimhaut auf beiden Seiten etwa so groß ist wie eine Euromünze. Hier sitzt das gesamte Geruchspotenzial mit etwa 20 Millionen Sinneszellen, deren Aufgabe es ist, Duftmoleküle wahrzunehmen.