Prozess

Sekte Graefenthal: "Prophet" bestreitet Missbrauchsvorwürfe

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Einem 58-jähriger Niederländer wird sexuelle Gewalt gegen eine Minderjährige in insgesamt 133 Fällen vorgeworfen.

Einem 58-jähriger Niederländer wird sexuelle Gewalt gegen eine Minderjährige in insgesamt 133 Fällen vorgeworfen.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Kleve/Goch.  In Kleve ist der Prozess gegen einen niederländischen Sektenführer gestartet. Er ist unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt.

Begleitet von einem regen Medieninteresse und einem großen Polizeiaufgebot hat am Freitag vor dem Landgericht in Kleve der Prozess gegen einen niederländischen Sektengründer begonnen, dem die Staatsanwaltschaft sexuelle Gewalt gegen eine Minderjährige in insgesamt 133 Fällen vorwirft. Bei beinahe der Hälfte der Fälle soll das Opfer jünger als 14 Jahre gewesen sein.

Der Mitbegründer des „Ordens der Transformanten“, einer ursprünglich in den Niederlanden beheimateten Sekte war im Oktober 2020 bei einer Razzia im ehemaligen Klostergut Graefenthal bei Goch festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der Angeklagte bestreitet sämtliche Vorwürfe gegen ihn.

Als Robert B. in den Gerichtssaal geführt wird, bedeckt er sein Gesicht mit einem Aktenordner. Im Publikum winken dem schmalen, drahtigen Mann mit den zurückgegelten Haaren, und dem üppigen Vollbart einige Menschen freundlich und aufmunternd zu. Er wirkt entspannt und scherzt mit seiner Dolmetscherin.

Der Angeklagte soll acht Kinder mit fünf Frauen haben

Der heute 58-Jährige hatte den „Orden der Transformanten“ im Jahr 2003 mitgegründet. Der Orden versteht sich selbst als eine Art christliche Glaubensgemeinschaft. Im niederländischen Hoeven hatten Mitglieder der Gemeinschaft mehrere Häuser. In den Folgejahren machte die Sekte immer wieder Schlagzeilen in den Niederlanden.

Frühere Mitglieder der Gemeinschaft berichteten laut niederländischen Medien von Gehirnwäsche und Orgien. 2012 siedelte die Gemeinschaft nach Deutschland auf das weitläufige Gelände des Klosterguts Graefenthal um.

Die Staatsanwaltschaft skizzierte in ihrer Anklageschrift das Bild einer streng hierarchisch organisierten und abgeschotteten Glaubensgemeinschaft, deren Richtlinien maßgeblich von dem Angeklagten als einer Art „Prophet“ festgelegt worden seien. „Er vermittelte den Mitgliedern den Glauben, eine ausgewählte Gemeinschaft zu sein, deren irdische Bestimmung es ist, ihm, als dem von Gott gesandten und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Propheten, bedingungslos zu folgen zu folgen und ihn vor seinen Feinden bedingungslos zu schützen.“ Der 58-Jährige habe mit mehreren Frauen in der Gemeinschaft Sex gehabt und insgesamt acht Kinder mit fünf Frauen.

Sektenführer: Vorwurf der Freiheitsberaubung steht im Raum

Laut der Staatsanwaltschaft soll er das angebliche Opfer, eine 1994 geborene junge Frau, die im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern in die Gemeinschaft einzog, deren Erziehung er aber an sich gezogen haben soll, ab 2006 , spätestens aber seit 2008 immer wieder sexuell missbraucht haben. Vor dem ersten Geschlechtsverkehr im niederländischen Hoeven habe er dem Mädchen, so die Anklageschrift, mitgeteilt, er habe in einer nächtlichen Vision von Gott erfahren, dass sie eine „alte Seele“ habe und sich deshalb mit ihm verbinden solle.

Es sei ihr freigestellt, ob sie das „Vorrecht der Entjungferung“ von ihm annehme. In der Folgezeit habe er sie immer wieder sexuell missbraucht. Der Angeklagte habe „zielgerichtet ein starkes Abhängigkeitsverhältnis geschaffen“, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, so die Staatsanwältin.

Als sie die Sekte 2020 verlassen wollte, soll er sie zwei Monate in ihrem Zimmer isoliert haben, bis sie bei der Razzia von der Polizei befreit werden konnte, so die Staatsanwaltschaft. Dabei sei auch die Kommunikation zu ihrer eigentlichen Familie unterbunden worden. Neben den Vorwürfen des schweren sexuellen Missbrauchs Minderjähriger steht deshalb auch der Vorwurf der Freiheitsberaubung im Raum.

Die drei Anwälte des Angeklagten wiesen die Vorwürfe zurück. Sie beruhten allein auf den Aussagen der jungen Frau als Hauptbelastungszeugin und seien weder durch Beweise noch durch andere belastbare Indizien belegt, ein Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft zurückwies.

Anwalt zweifelt an Glaubwürdigkeit der Zeugin

Anwalt Rüdiger Deckers stellte die Glaubwürdigkeit der jungen Frau in Frage. So sei sie bereits als 14-Jährige von niederländischen Behörden zu einem möglichen sexuellen Missbrauch befragt worden, habe diesen aber seinerzeit bestritten.

Die angebliche Isolation der jungen Frau sei eine selbstgewählte „Klausur“ gewesen, die „Geburtsstunde“ ihrer Aussagen seien Gespräche mit einem „eifersüchtigen Liebhaber“ gewesen, mit dem sie ein Verhältnis gehabt habe. Zudem, so der Anwalt, seien sexuelle Handlungen mit Minderjährigen im Regelwerk des Ordens ein „absolutes Tabu“.

Verteidigerin will Staatsanwaltschaft Rechtsverstöße vor

Anwältin Pantea Farahzadi warf der Staatsanwaltschaft zudem Verstöße gegen geltendes Recht vor, da sie beispielsweise dem Anwalt der Hauptbelastungszeugin und damit ihr selbst vollständigen Einblick in die Ermittlungsakten gewährt habe, was der Vertreter des angeblichen Opfers zurückwies. Zudem stellten die Anwälte die Zuständigkeit des Klever Gerichts generell in Frage, da sich der Angeklagte Niederländer sei und sich ein Großteil der Taten in den Niederlanden abgespielt habe.

Einem Antrag der Anwälte auf einen generellen Ausschluss der Öffentlichkeit gab der Vorsitzende Richter Christian Henckel nicht statt, verwies jedoch darauf, dass der weitere Prozessverlauft unter weitgehend ohne Publikum stattfinden werde. So endete der erste Prozesstag mit einer Stellungnahme des Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Prozess ist auf zehn Verhandlungstage angesetzt. Der nächste Verhandlungstag ist für den 24. Juni geplant.

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