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Nuhsan C. und das Geschäft mit „Gangsta-Rap“

Dr. Marc Dietrich

Dr. Marc Dietrich

Foto: WP

Gangsta-Rap ist ein Geschäft. Eine gewisse kriminelle Karriere gehört dazu, das erwarten die Fans.

Seit mehreren Monaten ist der Hagener Rapper Nuhsan C., Künstlername Jigsaw, immer wieder in den Medien. Erst wurde er wegen eines Macheten-Angriffs inhaftiert, dann von seinem Musiklabel-Chef „Kollegah“ öffentlichkeitswirksam gegen 40.000 Euro Kaution freigekauft. Vergangene Woche trat er in Erscheinung, als er bei einem bislang ungeklärten Kampf mit einem anderen Rapper in Hagen verletzt worden sein soll. Musikalisch ist er dem Subgenre des „Gangsta-Rap“ zuzuordnen.

„Gangsta-Rap“-Fans erwarten, dass die Texte über Drogendeals und Gewalt nicht komplett erfunden, sondern zum Teil biografisch fundiert sind. Der Straßenbackground ist inhaltliche wie inszenatorische Ressource der Künstler.

Spätestens seit den Berichten zu Bushido, einem der erfolgreichsten deutschen Rapper, und seinen wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem berüchtigten Abou-Chaker-Clan sollte klar sein, dass im deutschen „Gangsta-Rap“ tatsächlich selten gespielt wird. Wenngleich nicht immer Großfamilien oder Rockerbanden involviert sind, so ist ein kriminelles Milieu häufig Teil des Künstlerumfelds. Ärger ist hier programmiert.

Wer sich in einem Genre bewegt, das Authentizität über weitgehende Kongruenz von Straßenleben und Musik definiert, für den erschwert sich die Milieudistanzierung. Stattdessen werden soziale Medien wie Instagram, Facebook und Co. als Zusatzbühnen genutzt, um andere zu verunglimpfen und zu attackieren, zu „dissen“ wie es unter Rappern heißt. Damit wird der Kriminellen-Lifestyle weiter authentifiziert.

Mit den Konsequenzen leben

Bei Nuhsan C. kommt all dies zusammen: Seine „Realness“ ist aufgrund der reichlich dokumentierten Kriminellenkarriere da, das Straßenumfeld bleibt ebenso. Wer zudem Genrekollegen online beleidigt, der muss offline mit Konsequenzen leben. Bei ihm sieht man insgesamt das unreflektierte Eingehen eines Berufs-Risikos. Verspielt wird jene Chance, die viele Rapper bereits genutzt haben: die bisherige Biografie allein musikalisch fortzuführen. Kalkulierte Kriminalität als PR-Stunt ist in diesem Fall jedenfalls unwahrscheinlich.

Über den Autor

Der Hagener Dr. Marc Dietrich, 37, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Kooperation mit Prof. Günter Mey im DFG-Projekt „Musikvideos, Szenemedien und Social Media – zur Aushandlung von Rassismus im deutschsprachigen Hip-Hop“ an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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