Halle

Niemand kann mehr sagen, man habe nichts gewusst

WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock

WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock

Foto: feedough / FUNKE Foto Services

Der terroristische Angriff von Halle ist viel mehr als ein Alarmsignal. Die Gefahr von Rechts wird weiterhin unterschätzt.

Auch am Tag nach dem Anschlag eines Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle ist das Entsetzen groß. Mitleid und Trauer sind aufrichtig, die Appelle eindeutig: Wir halten zu euch! Hoffentlich bleibt es nicht nur bei den Worten, mag man laut ausrufen. Denn zur Ehrlichkeit gehört: Die Gefahr durch Rechtsextremisten und Antisemiten in Deutschland wird weiterhin unterschätzt.

Lange konzentrierte sich die Arbeit von Geheimdiensten und anderen Ermittlungsbehörden auf den islamistischen Terror. Das war richtig und nachvollziehbar – und ist dennoch nicht ausreichend. Denn in den vergangenen Jahren entwickelte sich in Deutschland eine rechte Gefahr, die lange Zeit nur punktuell thematisiert wurde.

Dumpfe Glatzköpfe marschieren durch Straßen, Gegendemonstranten machen mobil, die Polizei hält beide Gruppen voneinander fern. Alles scheint überschaubar, kontrollierbar. Und, auch das gehört zur Wahrheit, viele Menschen haben sich daran gewöhnt. Allen Warnrufen zum Trotz. Und wir gewöhnten uns ebenfalls daran, dass jüdische Einrichtungen wie selbstverständlich geschützt werden müssen. Nicht selten gleichen Synagogen kleinen Festungen, gesichert durch hohe Zäune, durch Poller, Kameras und Polizeibeamte an den Eingängen. Welch eine Kapitulation der Gesellschaft, welch eine Niederlage angesichts aller Bemühungen um Wiedergutmachung und Normalität!

Es ist beschämend: Fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach millionenfachem Leid und Tod der Juden, ist es unserer Gesellschaft noch immer nicht gelungen, die Juden gesamtgesellschaftlich zu akzeptieren, zu respektieren und ihnen körperliche Unversehrtheit zu garantieren. Nein, sie müssen vor Anschlägen geschützt werden. Und wenn dies nicht durch die Polizei geschieht, müssen sie, wie in Halle, selbst dafür sorgen, dass Attentäter nicht in ihre Synagogen eindringen können. Am Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, verriegeln die Menschen wie immer ihre Türen und hoffen, dass diese einem möglichen Angriff standhalten.

Eine feige, hinterhältige Tat

Die deutsche Gesellschaft in Gänze ist natürlich nicht rassistisch, nicht extremistisch, nicht antisemitisch. Doch Politik, Sicherheitsbehörden, Justiz und wir, die Bürgerinnen und Bürger, tun zu wenig, um dem extremistischen Treiben Einhalt zu gebieten. Wir wissen, dass Rechtsextremismus aus mehr besteht als aus irgendwelchen Dumpfbacken, die grölend durch die Straßen stampfen.

Der gefährlichere Extremismus kommt in dunklen Anzügen daher, geschniegelt und gebügelt, juristisch geschult, kalkuliert, scheinbar harmlos. Vermeintliche Biedermänner, in Wahrheit jedoch rassistische Brandstifter, die Extremismus und Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft wieder hoffähig gemacht haben. Durch politische Parolen, durch Lügen, durch eine enge Vernetzung im Internet.

Juden waren zuletzt immer häufiger Pöbeleien und Beschimpfungen ausgesetzt. Dies geschah auf offener Straße. Denn Rechtsextremismus und Antisemitismus wurden immer dreister, immer schamloser. Insofern ist die Aussage, unter anderem von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer, das Attentat von Halle sei ein Alarmsignal, schlicht falsch. Alarmsignale gab es vorher zuhauf. Nein, der terroristische Angriff von Halle ist mehr. Es ist Mord, feiger Mord. Eine ebenso menschenverachtende und hinterhältige Tat wie die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Spätestens jetzt kann niemand mehr sagen, man habe das alles nicht gewusst.

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