Pflegeversicherung

Pflegebedürftigkeit als Teilkasko-Risiko – noch zeitgemäß?

Die Pflegekosten tragen zum Großteil die Betroffenen. Die Gesellschaft muss entscheiden, ob sie sich eine Vollkasko-Versicherung leisten will.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die deutschen Sozialversicherungen gehen auf eine lange, unterm Strich auch sehr gute Tradition zurück, aber nicht immer mit der Zeit. Die sozialen Risiken haben sich über die Jahrzehnte mit der Gesellschaft verändert. Der Sozialstaat sichert seine Bürger wie eh und je gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit ab, aber nur halbherzig gegen das Risiko, im Alter pflegebedürftig zu werden. Dabei gibt es in Deutschland längst mehr Pflegefälle als Arbeitslose.

Vor 50 Jahren war die Pflege der Alten reine Familiensache und dort Ehrensache. Als vor 25 Jahren die Altenheime überfüllt und die Sozialämter mit den Kosten überfordert waren, schuf Norbert Blüm die Pflegeversicherung als Teilkasko-Schutz. Das war damals ein Riesen-Schritt – und doch schon sehr bald zu wenig. Die Kosten türmten sich nach wenigen Jahren doch wieder bei Betroffenen, ihren Familien und den Kommunen. Weil die Preise für einen Heimplatz im Gegensatz zu den Pflegesätzen stiegen und stiegen. Und weil die Familien für die nach wie vor bevorzugte Pflege daheim nur wenig Unterstützung erhielten.

Inzwischen geht dem System neben dem Geld auch das Personal aus. Weil der Pflegeberuf schlechter bezahlt wird und anstrengender ist als die meisten anderen. Deutschland steuert in einen Pflegenotstand, zumal die Alterung der Gesellschaft erst in den 20er Jahren so richtig dramatisch wird. Es wird Zeit sich zu entscheiden: Was ist uns die Würde im Alter wert? Was wünschen wir unseren Eltern und Großeltern für den Ernstfall? Und wie wünschen die Jüngeren behandelt zu werden, wenn sie dereinst nicht mehr fit sind?

Eine Vollversicherung wäre teuer und würde mit der Demografie immer teurer. Die Gesellschaft muss mit einer möglichst breiten Mehrheit sagen, ob sie sich das leisten – oder die Kosten den Betroffenen aufbürden will. Aufgabe der Politik ist es, den Bürgern diese Grundsatzfrage zu stellen und mögliche Antworten aufzuzeigen. Und nicht, sich von einer zur nächsten halbherzigen Reform zu quälen. Die Kunst der Verdrängung beherrschen und pflegen sowohl die (noch) nicht betroffenen Bürger in diesem Land als auch ihre Volksvertreter. Doch nur, wer sich auch mit den bedrohlichsten Zukunftsszenarien auseinandersetzt, hat eine Chance sie zu verhindern.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben