Gipfel in Singapur

Friede, Freude? Pustekuchen!

Trump und Kim wären verrückt genug, das Unmögliche möglich zu machen. Doch der US-Präsident ist auf gefährliche Weise in Vorleistung getreten.

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Verkehrte Welt, verkehrte Welt, alles auf den Kopf gestellt; lustig ist’s verkehrt herum, aber meistens dumm.“ Vielleicht ist es angesichts der Bedeutung des Vorgangs nicht ganz angemessen, hier aus einem Kinderlied zu zitieren, aber die Versuchung ist dann doch zu groß: Weil der US-Präsident sich immer wieder wie ein Kind benimmt und dem nordkoreanischen Herrscher da nicht unähnlich ist und, wichtiger noch, weil die gestrigen Bilder vom Gipfel in Singapur so surreal waren, wie es nur geht. Man muss dies einmal im Zusammenhang mit dem katastrophal verlaufenen G7-Gipfel kurz zuvor betrachten. Trump hatte die alten, treuen Verbündeten, es lässt sich nicht vornehmer umschreiben, wie Dreck behandelt. Nun tauschte er mit Kim Jong-un, einem der furchtbarsten Diktatoren, Völker- und Menschenrechtsverletzer auf diesem Planeten, die nettesten Höflichkeiten aus. Man hatte Angst, dass sich die beiden im nächsten Moment zurückziehen, um hemmungslos miteinander zu schmusen. Trump und Kim, die sich wechselseitig bescheinigt hatten, „verrückt“ und „wahnsinnig“ zu sein, sind jetzt allerbeste Freunde. Zur Erinnerung: Der Bundeskanzlerin hatte Trump damals, als sie ihn zum ersten Mal in Washington besuchte, beim Fototermin nicht einmal die Hand gegeben.

Verkehrte Welt, verkehrte Welt. Aber wenn es nun dem Frieden dient? Dieser Einwand sollte näher betrachtet werden. Denn erstens: Wer miteinander redet, schießt nicht aufeinander. Es ist ja noch nicht lange her, da drohte ein Atomkrieg auf der koreanischen Halbinsel mit fatalen Folgen weit über die Region hinaus. Und zweitens: Dass zwei Erzfeinde es schaffen, sich an einen Tisch zu setzen und aus einer fast aussichtslosen Lage heraus einen Friedensprozess zu starten (nicht mehr, aber auch nicht weniger!), verdient grundsätzlich Respekt. Es klingt paradox, aber Trump und Kim wären verrückt genug, das Unmögliche möglich zu machen. Dass Kim sich in einem ersten Schritt nicht auf einen konkreten Zeitplan festlegen ließ, wann und wie er nuklear abrüsten wird, kann nicht überraschen. Alles andere wäre bei den Militärs in Pjöngjang wie eine Kapitulation angekommen.

Also Friede, Freude? Pustekuchen! Trump ist auf gefährliche Weise in Vorleistung getreten. Während Kim beim zentralen Thema Denuklearisierung vage blieb, kündigte Trump ohne Not an, die gemeinsamen Manöver mit Südkorea einzustellen. Er stellte sogar in Aussicht, die US-Truppen aus Südkorea abzuziehen. In Seoul dürften diese offenbar nicht abgestimmten Ankündigungen für blankes Entsetzen gesorgt haben. Selbst ohne Atomwaffen wäre Nordkorea dem Süden gegenüber militärisch weit überlegen; Seoul stünde bei einem Überfall nackt dar. Kim darf sich also nach dem gestrigen Gipfel als Sieger sehen. Er hat wenig gegeben, aber viel bekommen, vor allem eines: Prestige, das beste Stärkungsmittel für jedes Schreckensregime.

Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass Trump dieses Ungleichgewicht der Vereinbarung schon bald auf die Füße fällt, wenn die schönen Bilder nicht mehr wirken, und dann reicht wieder nur ein unkontrollierter Wut-Tweet, um Korea erneut an den Rand des Krieges zu führen. Die Alternative dazu wäre, die zarte Friedenspflanze zu pflegen. Bevorzugte Düngemittel: Geduld, die Bereitschaft zur Detailarbeit und der behutsame Aufbau von Vertrauen. Doch schon mit dem Vertrauen ist das so eine Sache. Was ist die Unterschrift von Kim wert? Und was ist die Unterschrift von Trump wert? Siehe Teheran. Die Mullahs, sonst Täter, waren in dieser Hinsicht zuletzt Opfer. Verkehrte Welt.

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