Kommentar

Ein unmöglicher Teamplayer

dpatopbilder - ARCHIV - 21.08.2017, Saarland, Perl-Nennig: der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas (l, SPD) und der frühere Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) stehen auf einem Ausflugsschiff bei Perl-Nennig (Saarland). (zu dpa „Gabriel über Maas: „Er wird das exzellent machen““ vom 08.03.2018) Foto: Oliver Dietze/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

dpatopbilder - ARCHIV - 21.08.2017, Saarland, Perl-Nennig: der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas (l, SPD) und der frühere Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) stehen auf einem Ausflugsschiff bei Perl-Nennig (Saarland). (zu dpa „Gabriel über Maas: „Er wird das exzellent machen““ vom 08.03.2018) Foto: Oliver Dietze/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Oliver Dietze / dpa

Als Außenminister hat Gabriel bewiesen, dass Diplomatie funktioniert, wenn man Klartext spricht. Der Erneuerung der SPD stünde er aber im Weg.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Achtung! Dieser Leitartikel endet womöglich unbefriedigend. Er wird nämlich nicht zu einer Schwarz-Weiß-Einschätzung gelangen, etwa dazu, ob die neue SPD-Führung mit der Verabschiedung von Sigmar Gabriel nun total richtig oder komplett falsch handelt.

Hinterher, spätestens in vier Jahren, werden wir schlauer sein. Wenn die SPD entweder zurück zu alter Stärke findet, sich also der 30-Prozent-Marke wieder annähert, oder als Machtfaktor in dieser Republik de facto verschwindet, dann mögen wir in der gestern verkündeten Entscheidung einen Schlüsselmoment erkennen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Tatsache ist zunächst einmal, dass Heiko Maas als Bundesaußenminister nur dritte Wahl ist. Erste und zweite Wahl wären, in beliebiger Reihenfolge, Martin Schulz und Sigmar Gabriel gewesen. Beide verfügen über exzellente außenpolitische Kontakte und über die notwendige Erfahrung, um auf dem internationalen Parkett zu bestehen. Beide haben bewiesen, dass Diplomatie auch dann oder sogar besser funktioniert, wenn man hin und wieder Klartext spricht. Die jüngsten Fortschritte im deutsch-türkischen Verhältnis wären wohl nicht zustande gekommen, wenn es mit Gabriel nicht einen Bundesaußenminister gegeben hätte, der die permanenten Ausfälle Ankaras erfrischend selbstbewusst und mit wohldosierter Schärfe zu kontern wusste. Die Freilassung von Deniz Yücel geht auf Gabriels Konto; das ist ein bleibendes Verdienst.

Gabriels Abschied erleichtert SPD-Erneuerung

Ginge es also um die beste fachliche Kompetenz für das nicht ganz unwichtige Amt, dann würde der wenig charismatische Heiko Maas bald irgendetwas machen – nur nicht Außenminister werden. Aber daran, bitter genug, hat sich der Bürger ja inzwischen gewöhnt. Schließlich wird ein Horst Seehofer bald Innenminister, ein Andreas Scheuer Verkehrsminister oder eine Dorothee Bär Staatsministerin für Digitales. Die Liste der personellen, nun ja, „Experimente“ ließe sich endlos weiterführen, übrigens nicht nur mit CSU-Beispielen (wenngleich diese besonders anschaulich sind).

Entscheidend aus der Sicht der designierten SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles war etwas anderes, und auch das ist nicht von der Hand zu weisen: der unstete Charakter Gabriels und die sich daraus ergebenden Gefahren für den auch aus staatspolitischen Gründen sehr wichtigen Erneuerungsprozess der SPD.

Schulz ohne Rücksicht heimzahlen

Nahles jetzt vorzuwerfen, nur schwache Chefs würden es nicht aushalten, sich mit starken Menschen zu umgeben, greift zu kurz. Gerade sie, die die undankbare Aufgabe hat, als Partei- und Fraktionschefin die neue Regierung zu unterstützen und sich gleichzeitig von der darin enthaltenen CDU/CSU-Politik zu distanzieren, ist auf Teamarbeit angewiesen. Genau das aber, sich auch mal ein-, ja unterzuordnen, kann „das Emotionsbrötchen“ Gabriel nicht verlässlich bieten. Er selbst hatte den letzten Beweis dafür erbracht, als er in unserem inzwischen legendären Interview vom „Mann mit den Haaren im Gesicht“ sprach. Es war kaum zu glauben: Gabriel hatte ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf die Partei seine eigene Tochter instrumentalisiert, um es Schulz heimzuzahlen. Das war eine politische und menschliche Verfehlung. Das war nicht mehr zu heilen.

Es ist schade und nachvollziehbar zugleich, dass ein politisches Schwergewicht wie Gabriel bald nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter ist. Sich gute sieben Jahre als SPD-Vorsitzender zu halten, hatte nach Willy Brandt keiner mehr geschafft. Eine Ära geht leider/zum Glück zu Ende. Vielleicht ist es ein Anfang.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (4) Kommentar schreiben