30 Jahre Mauerfall

Die Mauer in den Köpfen steht noch – auch im Ruhrgebiet

Stefan Schulte

Stefan Schulte

Foto: Dana Schmies / FUNKE Foto Services

Nach 30 Jahren steht die Mauer noch immer in den Köpfen. Das Ruhrgebiet hat nicht selten neidisch gen Osten geschaut. Es ist Zeit, das zu ändern.

Wochen zuvor Genscher auf dem Balkon in Prag, die täglich wachsenden Wir-sind-das-Volk-Massen auf den Straßen, die keimende Hoffnung, dann Schabowskis „nach meiner Kenntnis ... unverzüglich“ und schließlich Menschen auf der Mauer – ist das alles wirklich schon 30 Jahre her? Jeder, der diese Nacht bewusst erlebt hat, weiß noch genau, wo er vom 9. auf den 10. November 1989 war und was er gemacht hat. Wo er gejubelt, getanzt oder als SED-Getreuer getrauert hat. Bei den meisten Menschen im Ruhrgebiet fällt die Erinnerung etwas unspektakulärer aus, sie saßen oder lagen auf dem Sofa, fernsehend, kopfschüttelnd, fragend, ob das jetzt wirklich eine Liveübertragung vom Brandenburger Tor ist?

Hat der junge Brite, den der Autor im Sommer in Frankreich getroffen hat und der seine Angst vor einer Wiedervereinigung der Deutschen betonte, einfach besser hingesehen als wir westdeutschen Skeptiker? Wer im Kalten Krieg aufgewachsen ist, mit Spionagethrillern, Atomkriegsängsten und einem Probealarm in der Schule, von dem die Lehrerin nichts wusste und rief: „Lauft Kinder, lauft weit weg, die Russen kommen“, der sah sich taumeln zwischen Freude und Zweifel. Bald kam die Skepsis dazu, ob das gut gehen kann. Ob Kohls Versprechen „blühender Landschaften“ nicht etwas dicke war? Wie verheiratet man zwei Geschiedene, wenn der eine glaubt, der andere sei um Jahrzehnte zurückgeblieben?

Kohls Griff in die Rentenkasse

Heute wissen wir um die vielen Fehler: der 1:1-Umtausch der Ostmark, Kohls Griff in die Rentenkasse, die Bevorzugung westdeutscher Unternehmer durch die Treuhand, nicht wenige davon geldgierig, kalt und rücksichtslos gegenüber den Menschen im Osten. Massenarbeitslosigkeit und das kollektive Gefühl der Enteignung und Geringschätzung waren Folgen, die bis heute nachwirken. Wäre der kritische Blick zurück inzwischen Konsens, fiele jener nach vorne leichter. Doch es wird verklärt, geschönt und geklittert. Im Jahr 2019 wählt der Osten rechts und zuckt die Schultern, wenn der Westen ihn dafür verspottet. Ob die Mauer auch in den Köpfen überwunden sei, wird wieder zu einer rhetorischen Frage.

Tief aus dem Westen ließe sich leicht urteilen, die Regierungen in Berlin und den Ostländern hätten versagt. Doch Neiddebatten haben nicht nur die Neubundesbürger geführt, sondern auch wir Nordrhein-Westfalen. Kohl pumpt alles Geld in den Osten, um wenigstens irgendwas zum Blühen zu bringen, ätzten nicht nur die Bürgermeister im Ruhrgebiet. Rechnen noch heute vor, wie viele Millionen ihre Stadt gen Osten geschickt hat, während hier die Schwimmbäder schließen und die Schulen verfallen.

Weder im Osten noch im Ruhrgebiet war jeder Euro klug angelegt

Was diese Neiddebatte so gefährlich macht, ist ihr wahrer Kern: Der deutsche Föderalismus hat in den vergangenen Jahrzehnten den strukturschwachen Regionen im Westen nicht wirklich geholfen. Das Ruhrgebiet hat dabei unzählige Fehler selbst begangen, aber schon lange keine Chance mehr, sich am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf herauszuziehen. Nur macht das die Osthilfen nicht falsch. Sie waren bitter nötig. Und dass nicht jeder Euro klug und richtig angelegt war, lässt sich über die Subventionen fürs Ruhrgebiet ebenso sagen. Der Staat sollte sein Geld nicht nach Himmelsrichtung, sondern nach Bedarf verteilen – das ist heute Konsens, aber man hätte auch früher drauf kommen können.

Die Einheit in den Köpfen lässt sich wohlfeil beschwören, erreicht wird sie nur mit der zu vorschnell versprochenen Angleichung der Lebensverhältnisse. Dafür braucht es weiter Strukturhilfen, aber auch eine Altschuldentilgung – überall dort, wo dies nötig ist. Gleichzeitig muss endlich klar werden, dass damit nicht gemeint sein kann, jeder Region, jeder Stadt und jedem Dorf den gleiche Wohlstand zu bringen. Es wird immer stärkere und schwächere Regionen geben. Was gleich werden muss, sind die Chancen in jeder Region, die Lebensqualität ihrer Bürger zu verbessern. Das dürfen die Menschen im Ruhrgebiet mit Fug und Recht fordern – sollten es aber ihren Mitbürgern in Ostdeutschland nicht weniger wünschen.

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