Essen. Die Skandale rund um die Rechten und die Demonstrationen gegen sie wirken bereits. Da kommt Weidels Hassrede im Bundestag gerade recht.

Da steht sie am Rednerpult, die Kanzlerkandidatin-Kandidatin der AfD, ihr Gesicht wirkt maskenhaft eingefroren, gruselig, kalt. Ich muss unweigerlich an Chucky, die Mörderpuppe, denken. Ihre Rede ist ein einziges Zetern und Donnergrollen. Beleidigungen und Lügen wechseln sich im Stakkato ab. In Nebensätzen werden Tatsachen wie der menschengemachte Klimawandel geleugnet, weil Populismus mit Wahrheit und Wissenschaft nichts am Hut hat. Und dann schließt Alice im Wutwunderland ihre Tiraden ab mit dem Satz, der anschließend die Schlagzeilen dominiert und auf TikTok junge Leute indoktrinieren soll: „Diese Regierung hasst Deutschland.“

Ja, mit Hass kennt sie sich zweifelsohne aus, die Weidel. Diese Frau ist hasszerfressen bis in die Haarspitzen. Es hat – wenn ich das als Hobbypsychologe mal sagen darf – pathologische Züge, weshalb auch hier die standardmäßige Klartext-Frage erlaubt sein darf, ob die Dame noch alle Tassen im Schrank hat.

Ein Fall für die „Ärzte“

Vielleicht ist es, weil sich ja doch ein Mensch hinter dieser Person verbirgt, in Wahrheit ein stummer Schrei nach Liebe, wie die „Ärzte“ in ihrem berühmten Lied gegen rechts schon 1993 diagnostizierten. So oder so steigert sich mein Würgereiz beim Zusehen bis hin zu leichten Erstickungsanfällen. Noch mehr von diesen Weidel-Reden, und ganz Deutschland ist ein Fall für die Ärzte.

Sieht „Schneisen der Verwüstung“, die die Ampel angeblich durchs Land zieht: Die maßlose Kritik von AfD-Frontfrau Weidel hat System.
Sieht „Schneisen der Verwüstung“, die die Ampel angeblich durchs Land zieht: Die maßlose Kritik von AfD-Frontfrau Weidel hat System. © DPA Images | Michael Kappeler

Linderung immerhin versprechen die jüngsten Umfragen. Ob es der ARD-Deutschlandtrend oder das ZDF-Politbarometer ist: Die AfD verliert an Zustimmung, nachdem rund zwei Millionen Menschen in den vergangenen Wochen bundesweit auf die Straßen gegangen sind, um ein Zeichen für Demokratie und Menschlichkeit zu senden – auch an diesem Wochenende wieder.

Der Widerstand zeigt offenbar Wirkung bei jenen Menschen, die unzufrieden sind mit der Regierung und mit den (anderen) etablierten Parteien, aber – eigentlich – keine Nazis sind und auch nicht sein wollen. Es sind die sogenannten bürgerlichen Protestwähler, denen so langsam schwant, dass sie mit der AfD das Kind mit dem Bade ausschütten würden.

Putin unterstützt die AfD

Das Kind, das ist unsere Demokratie. Im Ausland ist es vor allem dem „lupenreinen Demokraten“ im Kreml ein Dorn im Auge, weshalb er alles tut, um es zu verletzen. Die AfD kommt ihm da gerade recht. Ihre staatszersetzende Politik fördert er nach Kräften, auch finanziell, wie jetzt wieder deutlich wurde. Wann wachen jene AfD-Sympathisanten, die gerne vorgeben, als einzige vernünftig denken zu können, endlich auf? Die Weidels dieser Welt kooperieren mit Feinden aus dem Ausland, die uns am liebsten von der Landkarte tilgen würden. Skrupelloser geht es nicht. Wer also hasst Deutschland?

Unsere Regierung jedenfalls nicht, auch wenn sie Fehler macht – wie sie übrigens jede Regierung machen würde angesichts beispielloser Herausforderungen. Die WAZ kritisiert das Regierungshandeln praktisch täglich in ihrer Berichterstattung; sie benennt die Fehler der Ampel schonungslos. Der Vorwurf, wir seien blind für diese Fehler, geht an den Tatsachen schlicht vorbei.

Regierungskritik? Ja, sicher!

Beispiel Migrationspolitik. Ein Leser, den ich hier nicht namentlich nennen möchte, schrieb mir unlängst: „Statt sich deutlich und sehr kritisch mit den Ursachen und Folgen der Migrationspolitik (…) zu beschäftigen, wird der hilflose Versuch der Diskreditierung der AfD unternommen.“ In Wahrheit habe ich selbst in meinen Klartext-Kolumnen wiederholt Fehler in der Migrationspolitik und das Integrationsversagen, das gerade im Ruhrgebiet vielfach zu beobachten ist, immer wieder thematisiert:

Es ist ja so: Dass man etwas nicht zur Kenntnis genommen hat, ist noch kein Beweis dafür, dass es nicht existiert. Wir sagen in der Redaktion gerne mal augenzwinkernd: WAZ gelesen, dabei gewesen.

Das gilt auch für jenen Leser, der uns im Zusammenhang mit unserer AfD-Berichterstattung schrieb, es gebe eine „lange Liste der Katastrophen dieser Ampelregierung, die speziell von Ihrer Zeitung schon seit Jahren nicht mehr kritisch hinterfragt“ würden. An dieser Stelle erlaube ich mir, mal aus dem jüngsten Leitartikel von WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock zu zitieren:

Interne Zerstrittenheit, mangelnde Transparenz, verwirrende Kommunikation
WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock

„Die Straße allein wird die Demokratie nicht retten. Dazu brauchen wir eine deutlich bessere, klarere, verantwortungsvollere, ehrlichere, handwerklich sauberere Regierungspolitik, als wir sie in den vergangenen Jahren erleben mussten.“ Tyrock zählt das Regierungsversagen schonungslos auf: „interne Zerstrittenheit, mangelnde Transparenz, verwirrende Kommunikation, schlechte Entscheidungen, mangelhafte Umsetzung, fehlende Berechenbarkeit“. Konkret benennt er: „das Heizungsgesetz-Chaos, die verfassungswidrige Finanzplanung, die unausgegorene Bürgergeldreform oder das Bürokratie-Monster Kindergrundsicherung“.

Wer da von „Regierungsmedien“ spricht, gar geschichtsklitternd von der „Gleichschaltung der Presse“, dem ist kaum noch zu helfen. ABER, und das Aber muss ich in Versalien schreiben, schlechte Regierungsarbeit ist etwas anderes als bösartige Politik, die eines Tages dazu führen könnte, dass wir alle schlechtes Regierungshandeln nicht mehr offen kritisieren dürfen: in den Medien nicht, in Briefen an die Medien nicht und nicht einmal im Gespräch mit Nachbarn oder Kollegen, denen man nicht voll vertrauen kann.

Ostdeutsche sollten sich erinnern

Ein Blick nach Russland etwa genügt. Dort darf man einen Krieg nicht einen Krieg nennen. Oder man erinnere sich an das Unterdrückungsregime in der untergegangenen DDR. Gerade im Osten Deutschlands würde ich mir mehr Bewusstsein dafür wünschen, dass ein Leben in Freiheit nicht selbstverständlich ist.

Auf bald.

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Wer hat nicht mehr alle Tassen im Schrank? Das beantwortet zuverlässig die Klartext-Kolumne von Alexander Marinos, stellvertretender Chefredakteur der WAZ. Hier werden politische Themen aufgegriffen und subjektiv-zugespitzt eingeordnet. Dabei handelt es sich um ein Meinungsangebot zum An- oder Ablehnen, An- oder Aufregen.

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