RAG-Schreibworkshop

Bis zum Sinneswandel

Viele Jahre hat ihn die Geschichte seiner Heimat wenig interessiert – bis Leon merkte, wie viele Gemeinsamkeiten er mit dem Ruhrgebiet hat.

Viele Jahre hat ihn die Geschichte seiner Heimat wenig interessiert – bis Leon merkte, wie viele Gemeinsamkeiten er mit dem Ruhrgebiet hat.

Foto: Leon Schuster

Essen.   Viele Jahre hat ihn die Geschichte seiner Heimat wenig interessiert – bis Leon merkte, wie viele Gemeinsamkeiten er mit dem Ruhrgebiet hat.

Dies ist ein offener Brief – und eine Danksagung an das Ruhrgebiet. Da ich keinen direkten Adressaten habe, an den ich schreibe, bleibt es euch Lesern überlassen, was ihr daraus mitnehmt. Um euch zu erklären, was ich mit dieser Danksagung an das Ruhrgebiet sagen möchte, und was ich mit dieser Region verknüpfe, gilt es, ehrlich mit euch und mit mir selber zu sein.

Diese Region, das Ruhrgebiet, wo ich mein ganzes Leben schon lebe, spielte für mich lange Zeit keine Rolle. Ich machte zwar Ausflüge zu alten Industriegebäuden und -anlagen, meistens mit der Schule, doch ich sah nie weiter als: Ja, diese Gebäude sind hier, sind alt, sind nicht abgerissen worden, aber eigentlich sind sie mir egal. Obwohl mein Vater ehemaliger Schlosser auf der Zeche Zollverein war, hat sich meine Sicht lange nicht wirklich geändert.

Doch in der Zeit von meinem 15. bis zum 17. Lebensjahr durchlebte ich etwas, was man vielleicht am besten als Sinneswandel bezeichnen kann. Jeder Mensch fragt sich wahrscheinlich irgendwann, wer er eigentlich ist, und wer er sein möchte. Ich selbst habe lange darüber nachgedacht, ob ich diese so schwere Suche nach Identität aufgeben sollte, da ich einfach keine Vorstellung davon hatte, wie diese Identität aussehen sollte. Wer wollte ich eigentlich sein? Ich konnte diese Frage einfach nicht beantworten. Innerhalb dieses Wandels passierten zwar einige Dinge, die mir mögliche Wege zeigten, doch keinen, von dem ich gesagt hätte: Ja, den möchte ich gehen.

Doch es sollte schließlich der Tag kommen, an dem ich diese Frage beantworten konnte. Ironischerweise bei einem Zechenbesuch. Mein Vater hatte mich gefragt, ob ich mitkommen möchte auf eine Besichtigung. Ich stimmte zu, da meine letzte Besichtigung fast acht Jahre her war.

Wir kamen schließlich auch zu seinem alten Arbeitsplatz. Ich fragte meinen Vater dort zum ersten Mal, was er gemacht hatte, nachdem sie ihn entlassen haben. Er erzählte, dass er, so wie viele andere, orientierungslos und in der Situation gewesen sei, nicht zu wissen, was er machen sollte. Es wurde ein langes Gespräch, in dem ich langsam jemanden kennenlernte, der dasselbe Problem gehabt hatte wie ich. Jemanden, der sich ebenfalls die Frage stellte: Wohin?

Doch mein Vater und ich waren nicht die Einzigen auf der Suche nach einer neuen Identität. Ratet doch mal, wer noch einen großen Wandel vollziehen musste? Einen großen Wandel, der uns alle beeinflusst hat. Das Ruhrgebiet selbst natürlich. Während des Strukturwandels musste es sich ebenso umorientieren wie ich im Alter zwischen 15 und 17. Zu merken, dass sie in der gleichen Situation war wie ich, stärkte meinen Bezug zu meiner Heimat und veränderte die Sichtweise darauf stark.

Auf der Suche nach einer neuen Richtung für mein Leben hat mir diese Erkenntnis sehr geholfen. Dadurch, dass sich mein Blickwinkel verändert hatte, sah ich auch neue Möglichkeiten, wohin ich mich entwickeln wollte und konnte.

Nachdem es mit meinem Leben wieder bergauf gegangen war, habe ich mich immer mehr für das kulturelle Erbe interessiert. Da die Region einen neuen Stellenwert für mich bekommen hatte, wollte ich mehr über ihre Vergangenheit erfahren, ich hatte schließlich eine Menge aufzuholen.

Aber das hier sollte eigentlich eine Danksagung an das Ruhrgebiet sein und kein Monolog über meine Vergangenheit. Doch fand ich es wichtig zu erklären, warum ich danke sagen möchte. Natürlich kam das Ruhrgebiet nicht einfach auf mich zu und hat gemeint: Ja, ich habe hier eine Lösung für dein Problem, bitteschön. Es hat mir eher gezeigt, dass man seine Probleme immer lösen kann. Dass man immer die Wahl hat. Dafür werde ich der Region immer dankbar sein. Uns Ruhrgebietlern wird ja gerne mal nachgesagt, dass wir manchmal zu ehrlich oder zu offen sind, aber ich wollte mit diesem Schreiben ehrlich zu euch sein und euch sagen, warum ich es liebe, hier zu leben.

Ich muss jedoch auch zugeben, dass das Ruhrgebiet auch seine Macken hat. Zum Beispiel verlor mein Vater wie so viele andere Arbeiter durch den Strukturwandel seine Arbeit, und durch die Montanindustrie sind die Umweltschäden immer noch ein prägnanter Punkt, der das Gebiet zeichnet.

Aber es ist meine Heimat, mit allen Macken, die es hat.

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