RAG-Schreibworkshop

50 Shades of Ruhrgebiet

Anna Leonie Becker

Anna Leonie Becker

Foto: Anna Leonie Becker

Essen.  Das Ruhrgebiet hinterlässt Spuren bei jenen, die dort wohnen. Über Menschen und ihr Zuhause.

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Episode 1: Sie kickte einen kleinen Stein nach vorne in die Dunkelheit. Irgendwo, weit weg, kam er schließlich zum Liegen. Sie horchte auf. Eigentlich durfte sie gar nicht hier sein; nachts, in einer seit Jahren stillgelegten Zeche. Aber sie war gerne hier. In dem alten, langsam verkommenden Gebäude mit der riesigen Fabrikhalle. Manchmal fiel ein Mondstrahl durch eine der zerbrochenen Fensterscheiben, und wenn sie hochguckte, konnte sie hier und da durch eine der kaputten Stellen im Dach in den Sternenhimmel gucken. Wenn sie Glück hatte, sah sie in einer klaren Nacht wie dieser sogar eine Sternschnuppe.

Im Kopf hörte sie noch die Stimme des Polizisten, der sie letztes Mal erwischt hatte, als sie durch die alten Hallen gestromert war. „Weißt du denn nicht, dass das hier ein überaus wertvolles Kulturgut ist? Man bricht hier nicht ein. Das ist respektlos.“

Aber was sonst sollte man mit diesem überaus wertvollen Kulturgut machen? Sie hatte an diesem Ort schon so oft ihre Ruhe gefunden, Zeit zum Nachdenken und Inspiration für ihre Bilder und Geschichten. Altes nutzen, um Neues zu kreieren, konnte doch nicht respektlos sein, oder? Sie beschmierte die Wände nicht mit Graffitis, schlug keine Fensterscheiben ein, und auch sonst tat sie nichts, was dem alten Gebäude schaden könnte. Eine Sternschnuppe huschte über den Himmel. Sie kniff die Augen zu und wünschte sich etwas. Sie wünschte sich, dass dieses Überbleibsel alter Zeiten auch in Zukunft erhalten bleiben würde.

Episode 2: Sie schaute aus dem Fenster. Hin und wieder hielt der Bus an; entweder, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen, oder, weil ihn eine rote Ampel am Weiterfahren hinderte. Wenn er fuhr, flog die Landschaft an ihr vorbei. Ein bittersüßes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. Wem wollte sie hier etwas vormachen? Es gab keine Landschaft. Nur graue Hochhauskomplexe, graue Straßen, graue Einfamilienhäuser und riesige, staubige Baustellen. Dies war nicht ihre Heimat. Nicht ihr Zuhause. Nicht der Ort, an dem sie bleiben wollte.

Wieder eine Haltestelle. Sie war auf dem Weg zu ihrer Freundin. Einer der wenigen Orte in dieser grauen Stadt, an denen sie sich wohlfühlte. Ein Ort, an dem sie nicht ständig daran dachte, wie gerne sie schon alt genug wäre, um diese Stadt endlich verlassen zu können. Als sie mit 12 Jahren das erste Mal in Berlin gewesen war, hatte sie sich nach ihrer Rückkehr ins Ruhrgebiet schlecht und irgendwie schuldig gefühlt, dass sie sich in einer fremden Stadt heimatlicher gefühlt hatte als je zuvor.

Vorher hatte sie nie darüber nachgedacht, hatte nie daran gezweifelt, dass das Ruhrgebiet ihre Heimat wäre. Doch dann war die schöne, heile Welt in ihrem Kopf zusammengebrochen, und das Loch in ihrem Herzen schien immer größer zu werden. Ihr fehlte etwas. Ihr fehlte eine Heimat. Sie war noch auf der Suche danach.

Noch zwei Haltestellen. Je weiter man aus dem Kerngebiet der Stadt fuhr, desto näher kam man der Natur. Hier war es fast schon schön. Sie hielt inne. Oder machte nur die Erwartung, gleich ihre Freundin wiederzusehen, den Weg hierhin schön? Sie wusste es nicht genau.

Sie schaute auf ihr Handy. „Wo bleibst du?“, schrieb ihre Freundin. „Bus kam zu spät. Typisch Evag eben. Bin aber gleich da!“, antwortete sie und steckte das Handy wieder in ihre Jackentasche. Noch so ein Manko des Ruhrgebiets; genauer gesagt der Stadt Essen. In Berlin war das Verkehrsnetz so gut ausgebaut. Alle paar Minuten kam eine Bahn, während hier einfach gar nichts zu funktionieren schien.

Die Ansage kündigte ihre Haltestelle an. Endlich. Die Türen öffneten sich, und sie sprang aus dem Bus. Direkt in die Arme ihrer Freundin. Zuhause. Sie vergrub ihr Gesicht an der Schulter ihrer Freundin. „Ich hab dich viel zu lange nicht gesehen“, sagte sie. Ihre Freundin nickte heftig und umarmte sie als Antwort noch fester. Heimat. Ein Stückchen Heimat war, was sie gerade in den Armen hielt, was sie seit einigen Wochen nicht mehr gesehen, was ihr gefehlt hatte. So sehr gefehlt hatte. Jetzt gerade spürte sie das Loch in ihrem Herzen und die schier endlose Leere in ihrem Kopf nicht mehr. Bis morgen würde es so bleiben. Bis sie wieder gehen müsste. Nach Hause, was eigentlich gar kein richtiges Zuhause war. Die Leere würde wiederkehren, das Loch würde wieder aufreißen und ihr Lächeln würde wieder seltener werden. Aber jetzt war sie hier. Zu Hause, in einem Teil ihrer ganz persönlichen Heimat.

Episode 3: Der Wind zerzauste ihre Haare. Die Sonne brachte sie zum Schwitzen; jeder Schatten eines Baumes war ein kurzer Segen. Aber sie fühlte sich frei. Sie lebte. Und während sie mit ihrem Longboard, lauter Musik in den Ohren und nur sommerlich bekleidet die Strecke an der Ruhr unsicher machte, genoss sie ihre Stadt sogar richtig. An Tagen wie diesen wollte sie fast gar nicht von hier weg. Sie liebte das Wasser und die Wege am Wasser, die hier im Vergleich mit manchen anderen Städten so nah waren. Sie mochte den Geruch der Gräser, der Blumen, des Wassers. Sie genoss den Wind in ihrem Gesicht, der ihre Haare so schön nach hinten wehen ließ. Und sie genoss die Stille. Es war wunderschön. Fast unwirklich schön. Zu schön für eine Stadt, die sie sonst so hässlich fand. „Du kannst so schön sein, aber nur außerhalb deiner Städte. Und nur bei schönem Wetter“, hatte sie einmal in einem Brief ans Ruhrgebiet geschrieben.

Und es stimmte. Zumindest für sie. An manchen Sommertagen entfaltete aber auch die Stadt selbst ihre volle Schönheit, das musste sie fairerweise zugeben. Wenn die Straßencafés geöffnet waren, und alle draußen saßen und miteinander plauschten. Wenn sie mit Freunden die Stadt unsicher machen oder eben alleine die Natur etwas außerhalb des Stadtkerns erkunden konnte. An solchen Tagen erwachte die Stadt zum Leben und riss sie in einer plötzlichen Welle des Heimatgefühls mit. Aber während andere es schafften, auf der Welle zu surfen, wurde sie mitgerissen und fast ertränkt. Und nach der Welle blieben Chaos und Verwüstung. Von Jahr zu Jahr richtete die Welle mehr Schaden in ihr an. Mehr Verwirrung, mehr Verzweiflung und immer weniger Identität. Wann hatte das alles angefangen, diese Suche nach einer Heimat?

Es war ein wunderschöner Tag. Fast schon perfekt. Und dennoch, der Sturm in ihr drin tobte. Ein Sturm, von dem kein Ende in Sicht war. Heute war er nur schwächer als sonst.

Episode 4: Es nieselte. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um wenigstens die Finger ein wenig warmhalten zu können. Der Himmel über Essen war grau. Immer nur grau. Wie die Stadt selbst. Wie das Ruhrgebiet selbst. Alles war immer nur grau. Sie mochte kein Grau. Grau war so unentschlossen. Trüb, trist, langweilig. Vor ihr erstreckte sich das Gras des Hügels, auf dem sie stand. Selbst das Gras sah grau aus.

Sie wandte sich von dem tristen Anblick ab und holte ein kleines Skizzenbuch mit einem Stift aus ihrem Rucksack. Es war eigentlich schwarz gewesen, aber sie hatte auf der glatten Oberfläche mit Pinsel und Farbe ein Universum kreiert. Sie setzte sich hin, schlug das Buch auf und fing an, den Bleistift über die raue Oberfläche des Papiers zu führen. Graue Häuser, graues Gras, grauer Himmel.

Sie brauchte nicht lange, um die Zeichnung zu vervollständigen. Es war nur eine flüchtige Skizze. Sie hatte nur den Moment festhalten wollen. „50 Shades of Ruhrgebiet“ schrieb sie mit einem Schmunzeln über ihre Zeichnung. Sie steckte den Bleistift in ihren Dutt. Sie steckte dort immer ihre Stifte hin, wenn sie nicht sicher war, ob sie sie bald wieder brauchen würde. Manchmal vergaß sie sie und zog sich abends verwundert einen Stift aus den Haaren.

Sie schaute wieder auf und staunte. Am Horizont war ein schmaler Lichtstreifen zu sehen. Darüber zog sich ein Regenbogen. Sie schnappte nach Luft. So etwas Schönes hatte sie bisher nur einmal gesehen. Entschlossen griff sie wieder in ihren Rucksack und zog Tuschekasten, Pinsel und Wasserflasche heraus.

Sie öffnete Tuschekasten und Wasserflasche und tauchte den Pinsel ins Wasser. Sie zögerte kurz und zog dann entschlossen einen gelb-orangenen Strich über den ursprünglich grauen Himmel. Sie besprenkelte ihre Zeichnung mit Farbe, malte kleine Blumen an die Wände der grauen Bleistifthäuser. Malte einen Regenbogen in den Hintergrund und zog die Überschrift des Bildes mit schwarzer Farbe nach. Dann klemmte sie sich den Pinsel zwischen die Zähne und lehnte sich zurück. Sie betrachtete ihre Zeichnung.

Sie war zufrieden. Wirklich zufrieden. Lächelnd zog sie den iPod aus ihrer Tasche und steckte sich ihre Kopfhörer in die Ohren. „I want something just like this ...“, sang ihr Chris Martin ins Ohr. Ja, sie wollte so etwas wie das hier haben. Ein buntes Ruhrgebiet, eine bunte Stadt Essen. Wie in ihrer Zeichnung. „Where’d you wanna go? How much you wanna risk?“, fragte der Sänger im Lied. Weg. Weit weg. Eine andere Stadt kennenlernen. Neue Leute treffen.

Heimat ist kein Ort. Nicht unbedingt jedenfalls. Heimat ist dort, wo wir uns wohlfühlen. Wo wir uns sicher und geborgen fühlen, wo wir bleiben wollen. Zu diesem Schluss war sie auf ihrer Suche nach einer Heimat gekommen. Vielleicht würde sie eines Tages ins Ruhrgebiet zurückkehren, vielleicht würde das Ruhrgebiet und ganz besonders die Stadt, in der sie aufgewachsen war, zu einem Stück Heimat werden. Mit diesem Gedanken klappte sie das Skizzenbuch zu, wischte ihren Pinsel an der Hose ab und packte ihre Sachen zurück in den Rucksack. Dann stand sie auf und warf einen letzten Blick auf die Stadt, bevor sie sich abwandte und wieder auf den Weg nach unten in genau diese Stadt machte. Dass ihr Bleistift immer noch in ihrem Dutt steckte, hatte sie schon längst vergessen.

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