Kinderheim

„Wir wollen Kindern einen sicheren Ort bieten“

Heimleiter Hans Delcuve (links) und Erzieherin Sara Heim (2.v.l.) bieten den Kindern in Hilden ein Ersatz-Zuhause. Hier pflanzen sie mit Anja, Alex und Pascal einen Baum.

Heimleiter Hans Delcuve (links) und Erzieherin Sara Heim (2.v.l.) bieten den Kindern in Hilden ein Ersatz-Zuhause. Hier pflanzen sie mit Anja, Alex und Pascal einen Baum.

Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool

Hilden.  Streitereien und Probleme gehören im Kinderheim Hilden genauso dazu wie liebevolle Betreuung und Erziehung. Lejla-Lena und Katarina sprachen mit Heimleiter Hans Delcuve über die Suche nach einer „heilen Familienwelt“.

Das 1917 gegründeten Evangelischen Kinderheim in Hilden kümmerte sich in den Anfangsjahren um Kriegswaisen. Ihnen sollte ein Zuhause geboten werden. Doch auch heute noch leben 20 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren im Evangelischen Kinderheim.

Dort lernen sie, ihre Stärken zu entwickeln und die Freude am Leben wiederzufinden. Es fällt ihnen oft schwer, getrennt von ihren Eltern aufzuwachsen, doch Heimleiter Hans Delcuve und seine treuen Mitarbeiter bemühen sich, ihnen eine Ersatzheimat zu bieten. Was das bedeutet, hat der Heimleiter in einem ausführlichen Interview erläutert.


Ihr Heim bietet vielen Kindern und Jugendlichen eine Heimat. Ist es dennoch schon einmal vorgekommen, dass Sie keinen Platz für weitere Kinder in Ihrem Heim haben?
Hans Delcuve: Ja, wenn alle Plätze belegt sind, können und dürfen wir auch nicht mehr Kinder und Jugendliche aufnehmen. Eine sogenannte Überbelegung müsste bei der Heimaufsicht des Landesjugendamtes extra beantragt werden. Dieses wird nur in Ausnahmefällen – z. B. wenn Geschwisterkinder nicht getrennt werden sollen – genehmigt.

Was sind die typischen Probleme im Kinderheim?
Delcuve: Es geht meistens um die Einhaltung von Regeln, Zuverlässigkeit, den Schulbesuch und Konflikte untereinander, leider aber auch um Drogen- oder Alkoholkonsum. Und die Arbeit mit dem Elternhaus beziehungsweise den Familien, die unsere Kinder und Jugendlichen sich wünschen, die aber nicht oder größtenteils nicht vorhanden sind. Unsere Bewohner wünschen sich eine „heile Familienwelt“, die ihnen aber meist verloren gegangen ist.


Was war das schlimmste was jemals vorgefallen ist?
Delcuve: Da habe ich jetzt nicht unbedingt eine Antwort. Es gab und gibt immer besondere Einzelschicksale von Mädchen, die Missbrauch oder massive Gewalt erlebt haben. In der Zeit ihres Hierseins konnten wir ihnen einen sicheren Ort bieten, aber wenn sie dann später ihr eigenes Leben gestalten wollten, konnten sie es häufig nicht. Manche, die hier einigermaßen stabil und auch fröhlich ihren Alltag meisterten, landeten als Erwachsene in der Psychiatrie und konnten sich nicht mehr erholen. Oder Jungen, die den Verlockungen des schnellen Geldes erlagen und in die Kriminalität oder Drogensucht abrutschten. Es ist für uns Pädagogen immer schlimm, wenn es uns nicht gelingt, diese Entwicklungen aufzuhalten oder abzufedern.


Ist jemals ein Kind „weggerannt“?
Delcuve: Ja schon oft. Sie „rennen“ aber nicht weg, sondern kommen einfach nicht in die Einrichtung zurück. Wir müssen dann Vermisstenanzeigen stellen mit der Angabe, wo sie sich vermutlich aufhalten könnten. Die meisten Jugendlichen drücken damit ihre Gefühle aus, Konflikte nicht aushalten zu können oder die Regeln der Einrichtung nicht einhalten zu können.


Gibt es oft Streit unter den Kindern?
Delcuve: Ja klar, genauso wie es in Familien mit mehreren Geschwisterkindern zu Eifersüchteleien oder Neid kommt. Oder wenn man sich beklaut beziehungsweise geliehene Sachen kaputt zurückgegeben werden. Und manchmal stimmt einfach die Chemie zwischen zwei Bewoh-nern nicht und es brodelt ein ständiger Streit. Die Pädagogen leisten hier Schwerstarbeit, weil sie den Anspruch haben, dass solche Konflikte vernünftig gelöst werden und nicht in ständigen Prügeleien oder (sorry) Zickenalarm enden.


Und wie wird es mit der Kinderzimmeraufteilung geregelt, werden viele Kinder in ein Zimmer untergebracht?
Delcuve: Wir haben sechs Doppel- und sechs Einzelzimmer. Das heißt, dass maximal zwei Mädchen oder Jungen in einem Zimmer leben. In der Regel ist es natürlich möglich, dass berücksichtigt wird, wenn sich zwei Mädchen oder Jungen wünschen ein Zimmer gemeinsam zu bewohnen. Sobald ein Einzelzimmer frei wird, können unsere Bewohner einen Antrag stellen. Die Pädagogen der Einrichtung entscheiden darüber, wer dieses dann erhält.


Was wünschen Sie sich für die Kinder oder für das Kinderheim?
Delcuve: Also für unsere Mädchen und Jungen wünsche ich, wünschen wir uns alle, dass es gelingt, sie zu gesellschaftsfähigen Bürgern zu erziehen. Das soll nicht heißen, dass alle ihr Abi machen müssen, sondern dass jeder nach seinen Fähigkeiten eine optimale Förderung erhält und ein selbstbestimmtes Leben einigermaßen zufrieden führen kann. Es ist sehr erfreulich, dass wir Kontakt zu ehemaligen Bewohner/innen halten, denen es so geht und deren Rückmeldungen zu ihrer Zeit im Ev. Kinderheim sehr positiv ausfallen. Für das Ev. Kinderheim wünsche ich mir, dass es immer diese engagierten und zuverlässigen Pädagog/Innen hat. Ohne deren Einsatz und Freude an der Arbeit ist eine Einrichtung der stationären Jugendhilfe nichts wert.


Lejla-Lena Brinker & Katarina Prgomet, 8b, Gymnasium am Neandertal, Erkrath

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