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Bildungsexperte Dräger: "Das Abitur wird zum Normalfall“

Leistung zählt: Die Zahl der Schüler, die ein Abitur als Schulabschluss anstreben, steigt seit Jahren. Der Trend hat Folgen für das Schulsystem.

Leistung zählt: Die Zahl der Schüler, die ein Abitur als Schulabschluss anstreben, steigt seit Jahren. Der Trend hat Folgen für das Schulsystem.

Foto: Imago Stock & People

Essen.   Lehrer müssen sich auf die Individualität der Schüler einstellen, meint Bildungsexperte Jörg Dräger. Ein zweigliedriges Schulsystem ist sinnvoll.

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Tausende Eltern von Viertklässlern stellen sich derzeit die Frage, welche Schulform die richtige ist für ihr Kind. Dabei wird sich voraussichtlich ein Trend der vergangenen Jahre fortsetzen: Eltern wählen vermehrt eine Schulform, die bis zum Abitur führt, sagt der Bildungsexperte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, im Gespräch mit Christopher Onkelbach. Daher sei auf lange Sicht ein zweigliedriges Schulsystem sinnvoll.

Wie erklärt sich der Drang zum höchsten Schulabschluss?

Jörg Dräger: Das ist eine Abstimmung mit den Füßen, sie unterläuft jeden Versuch der politischen Steuerung. Die Eltern wissen, dass immer mehr Ausbildungsplätze an Abiturienten gehen und viele Berufe ein Studium erfordern. Zugleich setzt sich das Sterben der Hauptschulen fort, auch die Realschulen sind auf dem Rückzug. Dagegen steigt die Zahl der Gesamtschulen, und die Gymnasien haben einen stabilen Zulauf.

Was bedeutet diese Entwicklung für die weiterführenden Schulen?

Den Schulen bleibt nichts anderes übrig, als sich auf diese Realität einzustellen. Das Abitur wird zum Normalfall. Früher gingen etwa sechs Prozent eines Jahrgangs auf ein Gymnasium, das war eine leistungsstarke und weitgehend homogene Schülerschaft. Heute sind es etwa 60 Prozent. Das bedeutet, dass die Schülerschaft deutlich vielfältiger und unterschiedlicher ist als früher.

Sind die Schulen auf diese Vielfalt eingestellt?

Die Herausforderungen für Schulen und Lehrer sind enorm. Der Leistungsabstand in einer Klasse beträgt nicht selten mehrere Jahre. Hinzu kommen die Inklusion und die Anforderungen durch die Zuwanderung. Manche Kinder werden sehr gefördert, lernen zu Hause ein Instrument und machen Sprachurlaub. Andere sind erst seit kurzer Zeit in Deutschland, haben Sprachschwierigkeiten und Fluchterfahrungen. Mit dieser großen Bandbreite umzugehen, bedeutet vor allem für Gymnasien eine große Umstellung. Die Unterschiedlichkeit der Schüler darf aber nicht als Problem wahrgenommen werden, sondern als Normalität. Das erfordert eine ganz neue Pädagogik.

Wie meinen Sie das?

Das heißt, dass jeder Schüler individuell gefördert werden muss, gemäß seiner jeweiligen Stärken und Schwächen. Anders kann Schule der heutigen Vielfalt in den Klassenzimmern nicht mehr gerecht werden, egal ob in der Gesamtschule oder auf dem Gymnasium. Wenn Lehrer versuchen, Wissen im Gleichschritt zu vermitteln, werden sie scheitern. Viele Grundschulen haben bereits gute Erfahrungen gemacht mit individuellen Lernplänen für Kinder, die Standards setzen, aber auch unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten ermöglichen. Das lässt sich auch auf Gymnasien übertragen. Und es erhöht die Chancen auf einen Bildungserfolg der Kinder.

In NRW kocht erneut die Debatte um das Turbo-Abi hoch. Plädieren Sie für eine Rückkehr zu G 9?

Ich halte die Debatte nicht für zielführend. Das Hin und Her ist für die Bildungsqualität nicht gut, daher sollte man die Entscheidung auch nicht jeder einzelnen Schule überlassen, ob sie in acht oder neun Jahren zum Abitur führt. Statt Strukturdebatten zu führen, sollten wir die Lehrer besser in Ruhe guten Unterricht machen lassen. Eine Rückkehr zu G 9 würde großen Aufwand und viel Geld kosten. Das sollte man lieber in eine bessere Ausstattung der Ganztagsbetreuung investieren. Der gebundene Ganztag ist pädagogisch am sinnvollsten, aber bisher selten umgesetzt.

Wenn der Trend zum Abitur so stark ist, brauchen wir dann so viele Schulformen?

Bundesweit gibt es über 100 verschiedene weiterführende Schultypen. Eine solche Fülle verwirrt die Eltern. Eine Reduzierung wäre der richtige Weg, auch in NRW. Auf lange Sicht wäre ein zweigliedriges Schulsystem sinnvoll. Ein gymnasialer Zweig, der regelhaft direkt zum Abitur führt. Der andere Zweig ermöglicht auch weitere Schulabschlüsse, bietet technische und kaufmännische Fächer an und zielt eher auf eine Berufsausbildung, kann aber auch bis zum Abitur führen. Das wäre mit der Gesamtschule in NRW vergleichbar.

Was ist für Sie eine „gute Schule“?

Es wird zunehmend zweitrangig, ob über der Eingangstür Gymnasium, Realschule oder Gesamtschule steht. Es kommt darauf an, wie eine Schule mit der Herausforderung der Vielfalt umgeht. Gibt es spezielle Förderangebote? Funktioniert Inklusion? Werden die Lehrer fortgebildet? Gibt es individuelle Lernmodelle? Eine Schule, die von sich behauptet, dies spiele alles keine große Rolle, ist womöglich keine gute Schule. Eltern sollten daher bei der Wahl mehr darauf achten, wie erfolgreich eine Schule mit der real existierenden Vielfalt umgeht.

Der Bildungsexperte Jörg Dräger (49) studierte Physik und Betriebswirtschaftslehre in Hamburg, erwarb anschließend einen Doktor-Titel in Theoretischer Physik an der Cornell University in New York. Von 2001 bis 2008 war er parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Hamburg. Seit 2008 ist Dräger Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung und dort verantwortlich für den Bereich Bildung und Integration.

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