RAG-Schreibworkshop

Verstrickte Heimatgedanken

Bunte Gedanken unter freiem Himmel: Früher sah Johanna die Verbindung zwischem ihr und dem Ruhrgebiet nicht. Heute nimmt sie das Band als dicken, reißfesten Faden wahr.

Bunte Gedanken unter freiem Himmel: Früher sah Johanna die Verbindung zwischem ihr und dem Ruhrgebiet nicht. Heute nimmt sie das Band als dicken, reißfesten Faden wahr.

Foto: Johanna Schwermer

Essen.  Was hält das Ruhrgebiet und mich zusammen? Das hat sich RAG-Schreibworkshop-Teilnehmerin Johanna gefragt.

Ich sitze im Sessel in meinem Zimmer und schaue aus dem Fenster. Draußen regnet es. Dieses Bild bietet sich mir schon die ganze Woche: ein total grauer Himmel, der keinen Gedanken daran verschwendet, auch nur einen einzigen Sonnenstrahl durchzulassen. Dieses Wetter macht mir einfach schlechte Laune. Es macht mich müde und träge. Es nimmt mir meine ganze Motivation.

Also habe ich mir einen heißen Kakao gemacht, gemütliche Sachen angezogen, eine kuschelige Decke geschnappt und angefangen zu stricken. Ich wollte mal was Neues ausprobieren, und irgendwie muss ich meine Zeit ja nutzen. Doch schnell merke ich, dass Stricken nicht meine neue Lieblingsbeschäftigung ist.

Also wickle ich den Strick kurzerhand wieder auf und werfe nebenbei einen erneuten Blick aus dem Fenster. Er bleibt an dem großen Hügel, der sich mir genau gegenüber in der Ferne darbietet, hängen. Die Schurenbachhalde. Sie ist mir so vertraut, da ich sie zum einem jeden Tag sehe, und wir zum anderen dort jedes Jahr Silvester feiern und manchmal spazieren gehen. Komisch, dass ich trotzdem kaum etwas über sie weiß. Wodurch ist sie überhaupt entstanden? Ich befreie mich aus meiner Decke, um mein Handy zu holen und etwas über die Halde herauszufinden. Den Strick umschließe ich beim Lesen mit der Hand.

„Die Halden entstanden im Ruhrgebiet vor allem als Bergehalden des Ruhrbergbaus“, erfahre ich bei meiner Recherche auf Wikipedia. Und sieh einer an: In der Liste mit den unterschiedlichen Halden finde ich tatsächlich auch die Schurenbachhalde wieder, mit der Bramme als Kunstwerk oben auf der Spitze.

Wie dick und stabil ist unser Verbindungsfaden?

Mein Blick richtet sich automatisch wieder nach draußen, als ich von einem grellen Licht geblendet werde. Da hat es doch tatsächlich ein Sonnenstrahl geschafft, die dichte Wolkendecke zu durchbrechen. Meine Laune wird gleich besser und ich merke, wie mein Körper und mein Geist langsam wieder wach werden.

Ich ziehe den Strickfaden durch meine Finger. Er ist total robust und dick. Trotzdem angenehm und weich auf der Haut. Ich blicke abwechselnd auf die Schurenbachhalde und den Strickfaden in meiner Hand. Plötzlich frage ich mich, was für eine Beziehung das Ruhrgebiet und ich überhaupt haben. Was verbindet uns und hält uns zusammen? Wie dick und stabil ist unser Verbindungsfaden? Wie war er mal? Wie ist er jetzt? Wie wird er wohl mal sein?

Wäre ich das früher gefragt worden, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es gar keine Beziehung zwischen uns gäbe. Gar keinen Faden. Doch wenn ich zurückblicke, muss ich feststellen, dass es nicht stimmt. Denn schon als ich noch kleiner war, habe ich gerne in der Natur des Ruhrgebiets gespielt und mich an ihrer Schönheit erfreut. Es war von Anfang an meine Heimat. Mein Zuhause. Ich bin hier aufgewachsen. Ich habe das Ruhrgebiet schon früher geschätzt und gemocht. Mit all seinen Ecken und Kanten. Mir war es nur nicht bewusst. Der Faden zwischen uns war also eher unsichtbar, dünn und instabil. Doch er war da und begann mit meiner Versetzung in die achte Klasse immer sichtbarer und robuster zu werden. Damals musste ich meinen Differenzierungskurs wählen. Letztendlich fiel meine Entscheidung auf „Geschichte-Sozialwissenschaften“, und ich war total gespannt, was mich in diesem Fach erwarten würde. In der gesamten achten Klasse haben wir uns mit der Geschichte des Ruhrgebiets beschäftigt. Noch nie zuvor habe ich mich so intensiv damit auseinandergesetzt, und ich denke, ab diesem Zeitpunkt wurde der Faden nicht nur sichtbar. Viel mehr noch: Er wurde dick und reißfest. Denn mir wurde das erste Mal bewusst, dass es doch eine Beziehung und Verbindung zwischen uns gibt. Dazu noch eine ziemlich feste und persönliche.

„Die Menschen hier im Ruhrgebiet sind anders.“

Ab da lernte ich das Ruhrgebiet schätzen. Ich nahm es viel bewusster war. Ich entdeckte immer wieder etwas, das das Ruhrgebiet ausmachte. Das Ruhrpott-Deutsch, das mir hier immer wieder aufs Neue begegnet. Auch in meinen Sprachgebrauch fließt es mit ein. Seien es auch nur kleine Wörtchen, wie „dat“ oder „wat“. Irgendwie ist das ein Teil von mir. Und nicht nur von mir. Wenn man darauf achtet, spricht es hier so gut wie jeder.

Und ihr könnt mich für verrückt erklären, wenn ich sage: „Die Menschen hier im Ruhrgebiet sind anders.“ Vor allem, da doch immer so viel Wert darauf gelegt wird, dass alle Menschen gleich sind. Aber es stimmt! Die Menschen hier im Ruhrgebiet haben eine bestimmte Mentalität. Sie sind offen, direkt und ehrlich, aber auch entspannt und hilfsbereit.

Auch die Landschaft hier ist andersartig. Sie ist total vielfältig mit ihren Denkmälern, alten Zechengebäuden, aber auch Grünflächen, Flüssen und, nicht zu vergessen, Halden. Sofort fällt mein Blick wieder auf die Schurenbachhalde. Inzwischen ist sie in ein angenehm warmes Sonnenlicht getaucht. Nur noch ein paar dunkle Wolken sind am Himmel zu sehen.

Ich umschließe den Faden noch fester und denke an die letzte Geschichte meines Opas zurück. Denn das ist ein weiterer Punkt, den ich so am Ruhrgebiet liebe: die ganzen Geschichten! Mein Opa war früher selbst Bergmann und erzählt immer wieder von damals. Ich höre ihm gerne zu und erfahre neue Sachen, die ich noch nicht wusste.

Wer wird sich erinnern?

Ich schaue auf den Faden in meiner Hand. Robust und dick, doch trotzdem weich und angenehm auf der Haut. Genauso ist der Verbindungsfaden zwischen dem Ruhrgebiet und mir. Doch wie wird er in der Zukunft sein? Wird es immer etwas geben, das mich hier hält? Es gibt die ganzen schönen und tollen Seiten am Ruhrgebiet. Die Seiten, die ich so liebe. Meine Familie und meine Freunde wohnen hier. Es ist meine Heimat und war schon immer mein Zuhause.

Aber es gibt auch die schlechten und unschönen Seiten des Ruhrgebiets. Denn trotz der schönen Gegenden hat es auch welche, die das komplette Gegenteil sind! Gegenden, die total vermüllt, verwahrlost und heruntergekommen sind. Orte, die verlassen und vergessen sind, die man am liebsten meiden möchte. Hinzu kommen die Straßen, Plätze und Gebäude, die einfach nicht mehr wertgeschätzt werden und total trist und eintönig sind. Das kann dieses unvorhersehbare Wetter erst recht nicht wieder gut machen! Von wegen, nur der April macht was er will …

Doch es gibt noch einen Punkt, der mich wesentlich mehr beschäftigt als das ständig wechselnde Wetter: Wird sich eines Tages überhaupt noch jemand an das Ruhrgebiet erinnern? Vor allem, wenn 2018 auch die letzte Zeche schließt? Endet damit die Geschichte des Ruhrgebiets? Vielleicht werde ich später gar nicht selbst für die Stabilität unseres Verbindungsfadens zuständig sein. Vielleicht wird er einfach durchtrennt und verschwindet von einem auf den anderen Tag, als ob es ihn nie gegeben hätte. Unabhängig davon, ob ich das will oder nicht.

Es ist gut, dass ich jetzt noch nicht weiß, wie es mal sein wird. Denn ich weiß, wie es jetzt ist. Ein letztes Mal betrachte ich den Strickfaden in meiner Hand, bevor ich ihn in meine Erinnerungsschachtel lege. Der Himmel ist klar und blau.

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