Interview

Schülerin trifft Bundestagsabgeordneten

Axel Schäfer sitzt für die SPD im Bundestag.

Axel Schäfer sitzt für die SPD im Bundestag.

Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum.   MC-Reporterin Vivian Kassem sprach mit dem Bochumer Abgeordneten Axel Schäfer (SPD) über Flüchtlingspolitik und Rechtsextremismus.

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Die 14-jährige Schülerin Vivian Kassem von der Goethe-Schule hat den Bochumer SPD-Bundestagsabgeordneten Axel Schäfer interviewt. Sie stellte ihm dabei Fragen über Integration, Rechtsextremismus und Europapolitik.

Vivian Kassem: Guten Tag Herr Schäfer! Ich würde Ihnen gerne einige Fragen zum Thema Flüchtlingspolitik, Rechtsextremismus im Europaparlament und in Europa stellen.

Axel Schäfer: Auf welche Schule gehst du?

Ich gehe auf die Goetheschule.

Ja, die Goetheschule kenne ich gut, diese Schule ist sehr engagiert.

Wie würden Sie das Thema Flüchtlingspolitik benennen? Flüchtlingspolitik oder Zuwanderungspolitik?

Nein, Flüchtlingspolitik inklusive Zuwanderung wäre schon die richtige Bezeichnung.

Wie wichtig finden Sie das Erlernen der deutschen Sprache für die Flüchtlinge?

Ich finde schon, dass es wichtig ist, dass man sich die Sprache des Landes aneignet, in dem man leben will. Deutsch ist nicht so schwer wie Ungarisch, Finnisch oder Türkisch, aber auch etwas schwerer als Englisch. Es ist ja auch der Gewinn an der Sprache, den man niemandem mehr wegnehmen kann, wenn man sie einmal erlernt hat. Und die Sprache ist für die Kommunikation das Fundamentale. Deshalb sollte man auch (als Weltbürger) eine internationale Sprache können, wie Englisch.

„Müssen die Fluchtursachen bekämpfen“

Wie sollen Schulen das organisieren, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen und internationale Klassen bilden wollen? Das muss ja auch relativ kurzfristig vonstattengehen.

Es ist wie immer im übrigen Leben. Es gibt drei Möglichkeiten: Man muss erstens improvisieren, zweitens man muss Strukturen verändern. Das heißt: Wir müssen auch mit mehr Geld und dem, was die Stadt, der Bund und das Land zur Verfügung stellen, Räume, Lehrerstellen und so weiter schaffen. Und drittens müssen wir sehen, dass es nicht mehr so viele Gründe gibt, weshalb sich Menschen auf die Flucht begeben und ihre Heimat verlassen.

Herr Schäfer, wie sehen Sie das, mit der gerechten Aufteilung der Flüchtlinge? Zum Beispiel England pickt sich Flüchtlinge gezielt heraus?

Es ist im höchsten Maße ungerecht, was jetzt von Ländern wie Polen, Großbritannien und Frankreich eingebracht wird. Dies sind faktisch Ausreden. Es kann doch nicht sein, dass Deutschland eine Million Flüchtlinge aufnimmt und andere sagen, zehntausend sind mir schon zu viel. Die Relation stimmt nicht und deshalb brauchen wir eine gesamteuropäische Lösung. Nach dem Motto: Bei über 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern in Europa, wenn man dann eine Million aufnimmt sind das 0,2 Prozent. Das wäre wie in einer Halle, in der 1000 Menschen tanzen und noch zwei hinzu kämen. Und die 1000 würden dann sagen: „Hallo, wir haben keinen Platz mehr!“

„Abstimmungen sind nicht immer vorhersehbar“

Nehmen wir noch einmal das Beispiel Großbritannien. Dort gibt es ja viele Bürger, die dagegen sind, dass Flüchtlinge ins Land kommen.

Wohl wahr.

Müssen sich Politiker immer danach richten, was die Bevölkerung möchte? Denn wenn sie das nicht tun, müssten sie ja befürchten, dass sie das nächste Mal nicht wieder gewählt werden.

Ja, genau das ist das Problem. Aber man kann nicht immer sofort abschätzen, was die Bevölkerung will. Nehmen wir das Beispiel Stuttgarter Bahnhof. Die Politiker wollten den Bahnhof unterirdisch anlegen und modernisieren. Jedoch gab es viel Protest von Seiten der Bevölkerung. Und der Eindruck entstand, dass dieser Plan von der Bevölkerung nicht gewollt ist. Aber eine Abstimmung ergab, das 60 Prozent der Bevölkerung sich für den gleichen Plan wie die Politiker entschieden. Das Gegenbeispiel sind nun die Olympischen Spiele. Dort hatte man den Eindruck, oh Sport ist eine gute Sache, die Spiele waren seit 50 Jahren nicht mehr in Deutschland, könnten wir uns doch wieder darum bewerben. Ja, die Politiker haben das geglaubt. Dann hat es eine Abstimmung gegeben, 48,4 Prozent waren dafür und 51,6 Prozent dagegen. Also, es ist nicht immer vorhersehbar bei Abstimmungen.

„In überspitzter Form führt Nationalismus immer zum Krieg“

Noch eine Frage zum Europaparlament. Dort sitzen schon jetzt rechtsextreme Parlamentarier und meine Befürchtung ist, dass es immer mehr werden könnten. Wie sehen Sie das?

Ich bin davon überzeugt, dass man sich offen mit Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus auseinandersetzen muss. Weil Rechtsextremismus am Ende Europa als Gemeinschaft zerstören würde. Und in überspitzter Form führt Nationalismus immer zum Krieg. Und das ist das Wichtigste, was wir verhindern müssen!

In Frankreich wurde die rechtsextreme Partei unter Marine Le Pen gewählt.

28 Prozent haben sie gewählt, das bedeutet 72 Prozent haben sie nicht gewählt. Man muss schon die Relation wahren. Aber es ist schon zu viel, es ist besorgniserregend und eine schwere Bedrohung.

Was wäre denn dahingehend für Deutschland ein alternatives Konzept? Sollten SPD, die Linken und die Grünen mehr zusammenarbeiten?

Ja. Ich bin sehr dafür.

Und was würden sie noch für wichtig halten, wie man sich rechtsradikalen Einflüssen entgegenstellt?

Da gibt es zwei wichtige Dinge. Wir müssen die realen Probleme von Rechtsextremismus beseitigen. Denn er basiert mit darauf, dass es Menschen sozial schlecht geht, dass sie in schwierigen Verhältnissen leben oder sie sich ungerecht behandelt fühlen und dass es ein Stück an Bildung mangelt. Rechtsextremismus ist auch immer die Mobilisierung von Dummheit! Wir müssen Aufklärung dagegen setzen, wir müssen die Verhältnisse verändern, es muss den Menschen besser gehen, damit sie nicht in irgendwelche Scheinwelten fliehen! Rechtsextremismus ist eine Scheinwelt, der Rechtsextremismus glaubt: Wer gegen andere kämpft, tut genug für sich selbst. Wir meinen, man muss kämpfen, aber mit möglichst vielen zusammen! Nach dem Motto: Es kann uns in Deutschland nur dann gut gehen, wenn es unseren Nachbarn ringsum nicht schlecht geht! Und der Nationalismus glaubt, es kann uns nur gut gehen, wenn uns unsere Nachbarn ringsum nicht interessieren.

„Jeder Mensch ist an den meisten Orten Ausländer“

Mir ist gerade noch eine Frage zum Flüchtlingsthema und Rechtsextremismus eingefallen. Viele Menschen wollen hierher kommen, sich integrieren, arbeiten, eine Familie gründen und Kinder haben. Sie werden jedoch nicht immer positiv aufgenommen. Ist dies wieder so eine rechtsextreme Sache?

Nun muss man aber schon sehen, nicht jeder der sagt, wir haben zu viele Flüchtlinge, ist rechtsextrem. Es ist auch immer eine Frage der Zahl. Wir haben jetzt hier in Bochum eine Zahl von 5000 neuen Mitbürgern (Stand: Ende 2015), die neu gekommen sind. Da wird man sagen, das werden wir hinbekommen. Aber bei einer größeren Zahl wird man sich fragen: Schaffen wir das noch? Das heißt: haben wir noch genug Wohnraum, Schulen, Kitas, Arbeitsplätze, also Infrastruktur? Also das ist schon eine Zahlenfrage. Das heißt: Wir müssen hier für eine Aufnahmekultur, für Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit werben, die hier ja schon in großem Maße stattfindet. Das ist ja hier eine der wichtigsten Erfahrung bei der großen Zahl der Zuwanderer, dass sie hier positiv aufgenommen wurden. Viele Menschen spenden, viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, viele Menschen geben Sprachkurse und machen dieses und jenes, einfach so, nachbarschaftlich. Und das andere ist eben auch, dass man auch gegen Fremdenfeindlichkeit immer darauf aufmerksam macht, jeder Mensch ist irgendwie Ausländer an den meisten Orten der Welt!

Herr Schäfer, sie haben nun alle meine Fragen und die meiner Lehrer, Mitschüler und Freunde beantwortet. Danke für Ihre Geduld und das Sie sich die Zeit dafür genommen haben. Auf Wiedersehen Herr Schäfer!

Auf Wiedersehen, Vivian!

MC-Reporterin Vivian Kassem, Klasse 8a, Goethe-Schule, Bochum

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