RAG-Schreibworkshop

Ohne den Bergbau wäre alles anders

Im Rahmen des Schreibworkshops der RAG begab sich unsere Autorin auf eine Spurensuche. Sie wollte herausfinden, was das Ruhrgebiet für sie bedeutet – und erkannte dabei, wie tief sie mit ihrer Heimat verwurzelt ist.

Im Rahmen des Schreibworkshops der RAG begab sich unsere Autorin auf eine Spurensuche. Sie wollte herausfinden, was das Ruhrgebiet für sie bedeutet – und erkannte dabei, wie tief sie mit ihrer Heimat verwurzelt ist.

Foto: Lena Schwieters

Essen.  Was bedeutet es für mich, im Ruhrgebiet zu leben? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, mache ich eine Reise durch meine Heimat.

Ich beginne meine Reise in einer Straße, die man eigentlich gar nicht „Straße“ nennen dürfte. Es ist vielmehr eine Buckelpiste. Mann, schon wieder ein Schlagloch! Ich laufe weiter. Moment mal, hört ihr das auch? Aus einer Kneipe vor mir dringt Musik. Die Sonne scheint, und viele Menschen sitzen draußen an den Tischen und unterhalten sich in vielen unterschiedlichen Sprachen miteinander. Ich finde es richtig toll, wie viele Kulturen sich hier im Ruhrgebiet durch die gemeinsame Arbeit in den Zechen begegnet sind. Ich gehe weiter und erreiche schließlich, nachdem ich eine Unmenge von Ampeln überquert habe, die Stadtmitte. Hier liegt ziemlich viel Müll. Wissen die Menschen nicht, dass es einen Meter weiter Mülleimer gibt? Na ja, sei’s drum. Kommt mit zum Busbahnhof. Auch hier liegt Müll herum. Kopfschüttelnd steige ich in die Straßenbahnlinie 302, die mal wieder Verspätung hat. Ich freue mich darauf, mein Ruhrgebiet einmal aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten. Mir fällt der Name der ersten Haltestelle auf: Buer Bergmannsheil. Ich denke daran, unter welchen Bedingungen die Bergleute früher arbeiten mussten. Kein Wunder, dass sie ein Krankenhaus brauchten. Ich habe sie schon immer dafür bewundert, dass sie die Arbeitsbedingungen mit so viel Humor genommen hatten. Diese extremen Bedingungen haben sie auch zusammengeschweißt und offener gemacht.

Nächste Haltestelle: Berger See. Als ich den See betrachte, realisiere ich, wie schön er ist. Die Bahn kommt mit einem Ruck zum Stehen. Ich stolpere gegen einen Mann. „Ey“, brummt dieser genervt. „Pass doch auf.“ „Verzeihung“, murmele ich. Ich zucke zusammen, als ein Mensch hinter mir sagt: „Seien Sie doch nicht so ruppig zu der jungen Dame. Sie konnte ja nichts dafür.“ „Danke“, sage ich.

Er fragt mich nach dem Grund meiner Reise. „Ich wollte einfach mal herausfinden, was das Ruhrgebiet für mich bedeutet, inwiefern es mich geprägt hat.“ Der Mann nickt. „Da kann ich dir etwas erzählen. Ich komme gerade aus der Schüngelberg-Siedlung. Die alten Bergbauhäuser dort sind wirklich eine Reise wert! Echt wunderschön, typisch Ruhrgebiet, und wenn du etwas über das Ruhrgebiet erfahren willst, auf jeden Fall von Bedeutung.“ Ich nicke, doch zu einer Antwort komme ich nicht. Wir haben die Veltins-Arena, die Heimat des FC Schalke 04, erreicht, und die lauten Fangesänge zeigen mir, dass die Mannschaften gerade einlaufen. Das erinnert mich an einen Artikel, den ich gelesen habe. Ein paar Schalke-Fans hatten eine Prügelei mit einem BVB-Fan. Völlig übertrieben! Ich finde es schade, wie ernst der Fußball von einigen Menschen genommen wird. Na ja, vielleicht liegt es daran, dass er hier eine so besondere Geschichte hat. Eine Art Kleinkrieg zwischen den Zechen, der sich auf den Fußball übertrug. Ein Beispiel dafür, wie wichtig den Menschen hier der Fußball ist, und wie sehr sie sich mit „ihrem“ Verein identifizieren, ist die Schalker Meile, an der die Bahn gerade entlangfährt. Per Lautsprecher der Bahn erhält man Informationen über den FC Schalke 04. Es hängen Bilder an den Häuserwänden und die Farben Blau und Weiß sind überall gegenwärtig. Der nette Mann, der sich an der nächsten Haltestelle von mir verabschiedet, verrät mir noch, dass er großer S04-Fan ist.

Ich beschließe, am Musiktheater auszusteigen. Über die Kopfhörer höre ich Musik. Als ich das Musiktheater betrachte, mache ich mir zum ersten Mal wirklich über die Vielfalt der Musikkultur in meiner Heimat Gedanken. Erst vor kurzem war ich auf einem Konzert der Band „Sondaschule“, die ein tolles Lied geschrieben hat – über das Ruhrgebiet. Hier gibt es von kleinen Kneipenkonzerten bis hin zu mehrtägigen Festivals eigentlich alles. Und zwar für Fans von Schlager über Pop bis hin zu Heavy Metal.

Als endlich die Straßenbahn 107 kommt, steige ich ein und mache es mir auf einem Sitzplatz am Fenster gemütlich. Wieder einmal fällt mir die Vielfalt der Menschen auf.

Die Bahn hält an der Trabrennbahn. Ich muss an Mausi denken und lächle. Mausi ist die Dülmener Wildpferdstute, die ich reite. Die Dülmener Wildpferde stammen von den Emscherbrüchern ab. Auch diese Pferderasse war etwas Besonderes am Ruhrgebiet und wurde damals im Bergbau – unter Tage – eingesetzt. Mir wird langsam bewusst, wie viele versteckte Hinweise auf die Vergangenheit des Ruhrgebietes immer noch überall zu finden sind. Ich beschließe, bei der Zeche Zollverein auszusteigen, um etwas mehr über sie zu erfahren. Mit ihr betrachte ich eigentlich die gesamte Vergangenheit meiner Heimat. Ein riesiges Geschäft, die Kohle- und Stahlindustrie. Ich finde es traurig, dass das Ende 2018 ganz verschwinden wird.

Wie wird es danach weitergehen? Was wird sich für das Ruhrgebiet ändern? Als ich das Gelände des Welterbes Zollverein betrete, muss ich an meinen Vater, der Bergmann war, denken. Ich beginne, leise das Steigerlied zu singen. Ohne dieses Lied, die Kohle und den Bergbau hätte sich das Ruhrgebiet in eine vollkommen andere Richtung entwickelt, das ist mir auf dieser Reise klar geworden. Und mir wird klar, dass auch ich mich dann anders entwickelt hätte. Noch etwas habe ich herausgefunden: Ich liebe dich, Ruhrgebiet! Deine Fehler gehören dazu. Und ganz ehrlich: Wer ist schon perfekt? Danke, dass du meine Heimat bist. Danke auch an euch, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet habt! Ich werde jetzt mal lieber schnell nach Hause zurückkehren, denn dort hinten sehe ich Regenwolken aufziehen. Mann, Ruhrgebiet, arbeite mal an deinem Wetter! Moment, hatte ich nicht gerade noch das Ruhrgebiet geliebt? Ich denke, manchmal ist mir die Schönheit meiner Heimat nicht ganz so bewusst wie auf dieser Reise.

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