Armut

Die vergessenen Verlierer

Wer von Hartz IV lebt, muss oft nicht nur gegen Vorurteile kämpfen, er hat es auch meistens schwer, einen Job zu finden - trotz Unterstützung des Job-Centers.

Wer von Hartz IV lebt, muss oft nicht nur gegen Vorurteile kämpfen, er hat es auch meistens schwer, einen Job zu finden - trotz Unterstützung des Job-Centers.

Foto: WazFotoPool

Wenden.   Menschen, die staatliche Unterstützung bekommen, leben oft am Rande der Gesellschaft. Nadine Mühlhaus hat mit einer Betroffenen gesprochen.

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Wer kennt ihn nicht? „Charly“ (wie er sich nennt), den Leergutsammler aus Gerlingen. Tagtäglich zieht er seine Runden durch unsere beschauliche Gemeinde Wenden. Ein Einzelfall?

Nein. Auch in unserer Gemeinde gibt es zahlreiche soziale Härtefälle. Verarmte Rentner, Menschen, welche von Sozialleistungen oder Hartz IV (ALG2 – Arbeitslosengeld II) ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Gerade zur Gruppe der Hartz IV–Empfänger existieren zahlreiche Klischeebilder. Sie seien arbeitsfaul, resistent gegen jegliche körperliche Betätigung, lägen dem Steuerzahler auf der Tasche, seien unfähig, den Weg ins „normale“ Leben wiederzufinden. Doch wie sieht die Realität aus?

Ich hatte die Gelegenheit, mit einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern (nennen wir sie Andrea), zu 50 Prozent schwerbehindert und somit ein leider typischer ALG2-Fall, zu sprechen.

Wie fühlen Sie sich bei der allgemeinen Stimmung gegenüber ALG2-Empfängern?

Nun, was mich wirklich bestürzt, sind die falschen Informationen. Falsch ist: Nicht alle „Hartzer“, wie man uns so gerne nennt, sind arbeitsscheu und wollen kein normales Leben.

Aber Ihnen und Ihren Kindern geht es doch gut, Sie bekommen doch alle nötige Unterstützung, die Sie zum Leben brauchen? Ihnen werden doch sämtliche Kosten bezahlt?

Und genau das ist eine der Aussagen, die unwahr ist und mir so oft wie ein unterschwelliger Vorwurf entgegengebracht wird. So sind zum Beispiel im Hartz IV Kosten für Strom nicht enthalten. Diese muss ich von der Regelleistung, sprich dem Geld zum Leben, abziehen. Auch die Zahnklammer für meinen Sohn, die er benötigt und die Brille meiner Tochter muss ich von dieser Regelleistung bezahlen.

Warum suchen Sie sich keine Arbeit?

Wie bitte? Alleinerziehend, Bandscheiben kaputt, Hüfte verschlissen und dadurch schwerbehindert, nicht mobil. Wer bitteschön würde mich einstellen? Zu oft habe ich erlebt, dass mich Arbeitgeber nicht einstellen wollten, gerade weil ich von Hartz IV lebe. Sie wissen doch, wir sind alle faul und arbeitsscheu.

Bei diesen Worten von Andrea waren ein Hauch von Ironie und Resignation nicht zu überhören. Weiter fügte sie an:

Nach Hunderten von erfolglosen Bewerbungen in den letzten fünf Jahren habe ich auch nicht mehr die Kraft dazu.

Mir ist durchaus nicht entgangen, dass die Wohnsituation für Sie und Ihre Kinder doch sehr beengt ist. Sie haben sicherlich schon mal darüber nachgedacht, sich eine neue Wohnung zu suchen?

Ehrlich gesagt zu oft ohne Erfolg. Seit einem halben Jahr rufe ich wegen keiner Wohnung mehr an, nachdem meine Kinder und ich bei einer Wohnungsbesichtigung vom Vermieter als „Hartz IV-Pack“ bezeichnet wurden. Das zermürbt sehr. Und nun ist das Gespräch beendet. Ich kann und will nicht mehr darüber reden, denn das Klischee wird sich nie ändern. Wir bleiben halt immer die Schmarotzer!

Die Verbitterung von Andrea war zu spüren. Weitere Recherchen meinerseits haben ergeben, dass alle ihre Aussagen bezüglich der Hartz IV-Leistungen den Tatsachen entsprechen.

Nadine Mühlhaus, Klasse 8b, Konrad-Adenauer Schule, Wenden

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