„Das ist jedes Mal ein Stich ins Herz. Wie lange sollen wir das denn noch runterschlucken?“ Sakine M. (49) ist den Tränen nahe, wenn sie über den Vorfall Anfang März spricht. Vor allem wegen ihrer Tochter (11): „Sie hat seitdem einfach Angst“, sagt die alleinerziehende Mutter. An einem Donnerstag gegen 19.30 Uhr sei es gewesen. Sie habe einen Brief bei der Sparkasse an der Möllerbrücke einwerfen wollen. Wie immer im Kreuzviertel sei kein Parkplatz frei gewesen. M. kennt das Problem, seit sie vor 13 Jahren aus Körne herzog. „Ich bin einmal um den Block gefahren, aber da war nichts“, sagt sie. Ihre Tochter saß hinten im Auto.

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Sakine M. hielt vor der Sparkasse auf der Straße. Erlaubt ist das zwar nicht. Aber kurz den Brief einwerfen und weiterfahren – das sollte kein Drama sein. Eigentlich. Das sahen zwei Männer offenbar anders: Einer der Männer habe sie sofort mit „Sie können hier nicht parken. Weg da!“ angeblafft, schildert M. Aber aus der unfreundlichen Ansprache sei sehr schnell mehr geworden.

Die Dortmunder Polizei bestätigt den Vorfall. „Ein Scheibenwischer wurde abgebrochen und der Lack beschädigt“, sagt Polizeisprecher Joshua Pollmeier. Eine Anzeige sei gestellt, allerdings nur wegen Sachbeschädigung. Die Ermittlungen laufen. Zu den Beleidigungen gebe der Bericht im Polizeisystem nichts her, sagt er. Sakine M. meint sogar, ihre Schilderung der Bedrohungen und Beleidigungen sei von den Beamten „nicht schriftlich vermerkt“ worden.

Rassistische Attacke im Kreuzviertel: „Scheiß Ausländer. Sie sind so egoistisch.“

Aber Sakine M. wird konkret: „Ich habe dem Mann gesagt, dass es mir leid tut und ich sofort wegfahre. Aber das hat den gar nicht interessiert. ‚Scheiß Ausländer. Sie sind so egoistisch. Das machen Sie hier doch immer‘, hat er gesagt.“ Sie habe versucht, ihn zu beruhigen und die Situation zu entschärfen. Aber nichts half – der Mann blieb aggressiv. Als sie sich umdrehte, sah sie einen zweiten Mann. „Der hat mein Auto fotografiert“, sagt M. Spätestens da bekam sie es mit der Angst zu tun. „Meine Tochter saß ja im Auto. Die hat das alles gesehen, hat das Geschrei gehört und geweint.“

Sakine M. ging zum Auto, um ihre Tochter zu trösten. Sie wollte einfach nur weg. Aber einer der Männer habe keine Ruhe gelassen: „Er hat gegen die Scheibe geboxt, wo meine Tochter saß. Da hat sie noch mehr geweint und hatte Angst, dass er uns was tut“, erzählt Sakine M. Beim Gedanken daran steigen der toughen Geschäftsfrau die Tränen in die Augen. Der Mann habe ihren Autolack zerkratzt, den hinteren Scheibenwischer abgeknickt und sei gegangen. Ihr Handy habe im Kofferraum gelegen, „aber ich wollte nicht aussteigen und wir sind gefahren.“ Zuerst in ihren Laden, um ihre Tochter fest in den Arm zu nehmen und etwas Wasser auf den Schock zu trinken – dann direkt zur Polizei.

„Mama, das liegt an meinen Haaren, meiner Sprache, meinen Augen“

„Ich dachte immer, ich fühle mich hier sicher“, sagt Sakine M. „Aber das ist nicht mehr so. Vor allem seit der Sache nicht mehr. Ich bin ängstlich geworden und gucke auf der Straße oft hinter mich.“ Rassistische Anfeindungen gebe es immer wieder. Auch ihre Tochter leide darunter: „In der Schule passiert auch öfter was.“ Sprüche, Tafelbilder, Haare ziehen – „aber die Schule macht nichts“, sagt die alleinerziehende Mutter vorwurfsvoll. „Meine Tochter hat letztens gesagt: Mama, das liegt an meinen Haaren, an meiner Sprache, an meinen Augen. Ich will blonde Haare haben.“ Wie Heimat fühle sich das für beide nicht mehr an. Das Kreuzviertel nicht, Deutschland nicht.

Sakine M. sucht Zeugen nach einer Attacke im Dortmunder Kreuzviertel.
Wer hat etwas gesehen? Sakine M. sucht Zeugen zu dem Vorfall an der Sparkasse im Kreuzviertel. © Funke Medien NRW | Katrin Figge

Dabei habe sie nur in Sicherheit leben wollen, als sie mit 26 Jahren mit ihrer Schwester aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Dortmund kam. Als Aleviten hätten sie und ihre Familie fast täglich Schikane erlebt. Ein Religionskrieg sei das gewesen, sagt sie. „In Deutschland habe ich meinen türkischen Pass ganz schnell abgegeben. Ich wollte nur den deutschen.“ Dabei hätte sie die doppelte Staatsbürgerschaft behalten dürfen. Jetzt machen sich Angst und Enttäuschung breit. „Dabei habe ich immer gerne in Deutschland gelebt“, sagt sie. „Dortmund ist toll. Ich habe mich hier selbstständig gemacht, ich arbeite oft zwölf Stunden am Tag, ich zahle hier Steuern. Was haben wir falsch gemacht?“

Gespräch im Oberbürgermeister-Amt: „Wir müssen gehört werden“

Mindestens zwei Zeugen müsse es für die Attacke an der Möllerbrücke geben, sagt M. – eine Frau mit kurzen dunklen Haaren, die an der Brücke stand, und einen Volt-Fahrer. „Der hat mir Hilfe angeboten, aber die Männer waren schon weg.“ Auf die Zettel, die sie rund um die Möllerbrücke aufgehängt hat, habe es noch keine Reaktion gegeben. Auch die Volt-Zentrale habe ihr den Mann nicht vermitteln wollen.

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Der Vorfall im Kreuzviertel war für Sakine M. der Kipp-Punkt. „Wir können das nicht immer weiter runterschlucken, die Augen zumachen und hoffen, dass es vorbei geht“, sagt sie. Sie habe viele Briefe geschrieben, auch an die Politik. Ein kleiner Erfolg: Anfang Mai habe sie ein Gespräch im Oberbürgermeister-Amt im Rathaus. „Wir müssen doch gehört werden.“