Interview

Warum Matratzen für die Stiftung Warentest ein Phänomen sind

Hubertus Primus ist seit 2012 Vorstand der Stiftung, zuvor war er zwölf Jahre Chefredakteur des Test-Magazins

Hubertus Primus ist seit 2012 Vorstand der Stiftung, zuvor war er zwölf Jahre Chefredakteur des Test-Magazins

Foto: David Heerde

Berlin  Der Staat investiert Millionen in die Stiftung Warentest – aber nicht mehr lange, sagt Stiftungsvorstand Hubertus Primus im Interview.

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E-Bike, Olivenöl, Laptop oder Girokonto – knapp 30.000 Produkte prüfte die Stiftung Warentest 2016. Das zeigt der Jahresbericht, der am Freitag veröffentllicht wird. Über sieben Millionen Euro kosteten die Tests. Damit die Organisation unabhängig arbeiten kann, schießt der Staat jährlich Millionenbeträge zu. Das soll sich bald ändern, sagte Stiftungsvorstand Hubertus Primus im Interview. Und die erste Frage stellte er gleich selbst.

Hubertus Primus: Was glauben Sie, was unser erfolgreichstes Thema ist?

Das Vergleichsportal für Smartphones?

Primus: Das läuft gut. Aber das Thema, das seit Jahren am allerbesten läuft, sind Matratzen. Das ist auch für uns ein Phänomen. Wenn alle Themen so gut laufen würden, bräuchten wir keine staatliche Unterstützung mehr. Fast jeden Tag liegen Matratzen auf der Downloadliste ganz vorne.

Wie wichtig ist das Onlinegeschäft mit den Verbrauchern?

Primus: Mit Einzeldownloads und Flatrates, die Leser für die Onlineinhalte buchen können, haben wir 2016 knapp vier Millionen Euro erwirtschaftet. Eine Steigerung um knapp neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wir steuern darauf zu, dass die gewonnenen Onlineabos langfristig die ausgleichen, die bei den gedruckten Heften verloren gehen.

Sind da staatliche Zuschüsse aus Steuergeldern überhaupt noch gerechtfertigt?

Primus: Mittelfristig soll die Stiftung völlig unabhängig arbeiten, auch von staatlichen Zuwendungen. Im Dezember 2016 haben wir zehn Millionen Euro Stiftungskapital erhalten, das Kapital wird 2017 um weitere 90 Millionen auf insgesamt 175 Millionen Euro aufgestockt. Dafür wurde die jährliche Zuwendung von bisher 5 Millionen im Jahr auf 3,9 Millionen für 2017 gesenkt und wird sich in den nächsten Jahren immer weiter reduzieren. Das Stiftungskapital wird angelegt und die Erlöse daraus sollen die jährlichen Zuwendungen ersetzen. Wann es so weit sein wird, hängt auch von der Marktlage ab, ich rechne mit fünf bis sechs Jahren. Nun haben wir eine Niedrigzinsphase, das ist ein Problem.

Was ändert sich für Sie?

Primus: Wir haben bisher unabhängig gearbeitet und werden das auch weiterhin tun.

Im Kuratorium der Stiftung Warentest sitzen auch Wirtschaftsvertreter, die frühzeitig über Untersuchungsvorhaben Bescheid wissen und diesen sogar widersprechen können. Wie unabhängig sind Sie davon?

Primus: Das Kuratorium kann Untersuchungsvorhaben widersprechen, das ist bisher aber noch nie passiert. Das Kuratorium besteht aus drei Gruppen, den Neutralen, das sind zum Beispiel Wissenschaftler, der Verbraucherschaft und den Vertretern der Wirtschaft. Die wichtigste Aufgabe aller drei Gruppen ist es, Experten zu benennen, die mit uns die Prüfprogramme für Untersuchungsvorhaben diskutieren. Sie dürfen nur beraten, entscheiden tun wir.

Kann der Leser nachvollziehen, dass Tests ohne Beeinflussung ablaufen?

Primus: Wir legen genau offen was wir tun. Jeder Leser kann genau nachvollziehen, nach welcher Norm und wie wir geprüft haben. Bei vielen Testergebnissen, die man im Internet findet, stehen Empfehlungen, bei denen man nicht weiß, ob und welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen. Bei uns herrscht da absolute Transparenz.

Im Rahmen eines Logo-Lizenzsystems können Anbieter sich das Recht kaufen, für einen begrenzten Zeitraum mit dem Qualitätsurteil der Stiftung zu werben. Wie viele Einnahmen erzielen Sie dadurch?

Primus: Wir haben 2016 insgesamt 631 Lizenzverträge abgeschlossen, das sind Einnahmen von rund vier Millionen Euro und etwa sieben Prozent an den Gesamterträgen. Die Lizenz kostet für ein Jahr 7000 Euro, für zwei Jahre 10.000 Euro. Wird das Logo auch für Werbung in Fernsehen und Kino verwendet, kostet die Lizenz für ein Jahr 15.000 und für zwei Jahre 25.000 Euro.

Das ist viel Geld.

Primus: Als wir das System 2013 eingeführt haben, haben die Anbieter zunächst gejammert. Der wirtschaftliche Erfolg der Logo-Werbung scheint aber über der Lizenzgebühr zu liegen, sonst würden nicht so viele Verträge abgeschlossen.

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Versuchen Anbieter zu tricksen?

Primus: Im letzten Jahr gab es 300 Abmahnungen. An jedem Logo ist eine Lizenznummer, die kann jeder Verbraucher auf der Seite des Deutschen Instituts für Gütesicherung und Kennzeichnung (Ral.de), dem wir Lizenzierung und Missbrauchskontrolle übertragen haben, eingeben und bekommt dann sofort angezeigt, ob es sich um ein echtes Logo handelt.

Suchen Anbieter seit dem Streit mit Ritter Sport im Jahr 2014 häufiger die Konfrontation mit der Stiftung?

Primus: Am Anfang hatte man das Gefühl, jetzt kommen die Anbieter in Massen und greifen die Stiftung an. Unsere Argumente bei Ritter Sport waren berechtigt, aber aufgrund einer falschen Formulierung haben wir uns damals eine Niederlage eingefangen. Es ging dabei um einen Aromastoff, den wir kritisiert hatten. Aber in der Regel sind unsere Ergebnisse gerichtsfest und man hat mit Angriffen keinen Erfolg. Das hat sich schnell wieder beruhigt.

Vertrauen Ihnen die Verbraucher wieder?

Primus: Laut Umfragen sind wir die glaubwürdigste Verbraucherorganisation, da sind wir ganz vorne. Aber wir nehmen es mit Demut. Der Fall Ritter Sport war ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass man immer weiter an den Strukturen arbeiten muss und sich nicht ausruhen kann.

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Wo ist die Test-Konkurrenz im Vorteil?

Primus: Generell spielt im Internet der Service-Charakter eine große Rolle. Auf anderen Vergleichsportalen können Nutzer von ihrem Ergebnis beispielsweise gleich zum Anbieter weiterklicken. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir etwas Vergleichbares anbieten können. Wenn ein Nutzer zum Beispiel auf unserer Seite Daten eingibt, um einen mit „gut“ bewerteten Versicherungsanbieter zu finden, könnte es die Möglichkeit geben, dass er diese Daten nicht noch einmal eingeben muss, sondern beim Anbieter direkt abschließen kann. Was wir natürlich nicht machen, ist bei Warentests auf verschiedene Shops zu verweisen oder Provision einzunehmen.

Wie sieht der Test der Zukunft aus?

Primus: Das Internet der Dinge wird unser ganzes Testvorgehen revolutionieren. Denn der Zeitpunkt, wo die Hardware eine große Rolle gespielt hat, ist eigentlich vorbei. Die Musik spielt in der Software und der Vernetzung. Umso wichtiger wird auch das Thema Datenschutz. Und je vielseitiger die Geräte werden, umso mehr stellen sich die Menschen die Frage, welches Gerät brauche ich eigentlich? Dieses Problem müssen wir für sie lösen, ein reiner Produktvergleich reicht nicht mehr. Da sind wir dran.

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