Naturschutz

Warum die Deutschen jetzt alle Insekten zählen sollen

Aktuell ruft der Nabu zum Isektenzählen auf.

Aktuell ruft der Nabu zum Isektenzählen auf.

Foto: Bodo Schackow / dpa

Berlin  Der Umweltverband Nabu ruft zum Insektenzählen auf. Doch bringt es wirklich etwas, wenn Laien Insekten im Garten suchen und zählen?

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An einem Ort eine Stunde lang Insekten beobachten, auf dem Balkon, im Garten, auf der Wiese oder im Wald: Dazu ruft der Umweltverband Nabu Deutschland auf – noch bis zum 9. Juni sowie in der Zeit vom 2. bis 11. August. Die Ergebnisse der Beobachtungen können Bürger dem Verband online oder mit der kostenlosen App Insektenwelt melden.

Im Interview erklärt Bürgerforscherin Anett Richter, warum naturkundliche Mitmachaktionen so wichtig sind und wie das Zählen auch Laien gelingt.

Frau Richter, kann jeder Insektenforscher werden?

Anett Richter: Auf alle Fälle, es ist egal, ob Sie jung oder alt sind – Insekten beobachten und zählen kann jeder. Sie müssen nur gerne draußen sein. Dann suchen Sie sich an einem möglichst sonnigen und windstillen Tag einen schönen Platz, von dem aus Sie einen guten Blick in die Natur oder den eigenen Garten haben. Und dann notieren Sie die Exemplare, die Sie innerhalb einer Stunde im Umkreis von zehn Metern entdecken. Sie können dafür auch in Blumentöpfen, an Bäumen oder unter Steinen nachgucken.

Aber in Deutschland gibt es 33.000 Insektenarten – wer kann diese schon alle unterscheiden?

Richter: Das ist gar nicht nötig. Sie können natürlich alles zählen, was krabbelt und sechs Beine hat. Sie dürfen sich aber auf leicht zu erkennende und noch häufig vorkommende Arten konzentrieren, im Juni etwa auf den Admiral.

Was für ein Schmetterling ist das?

Richter: Die Flügel sind dunkelbraun, an den Rändern hat er orange und weiße Zeichnungen. Der ist auffällig, sitzt gerne auf violetten Blüten. Im Internet unter www.insektensommer.de kann man ihn sich im Vorfeld angucken. Da sehen die Menschen dann auch das Tagpfauenauge, den Asiatischen Marienkäfer, die Hainschwebfliege, die Steinhummel, die Lederwanze, die Blutzikade oder die Gemeine Florfliege – bei denen vertut man sich eigentlich nicht.

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Und wenn doch – wie werden Fehler aufgedeckt?

Richter: Selbst wenn sich jemand mal verzählt, statt der fünf umherfliegenden nur vier Admirale notiert, dann ist das nicht schlimm. Das geht in der Vielzahl der Daten unter. Außerdem geht es um das große Bild. Insekten bestäuben Obstbäume und Gemüsepflanzen, sie zersetzen Aas, Kot oder Totholz. Und die Mücke und viele andere sind wichtige Nahrungsquelle etwa für Vögel. Aber sie schwinden.

Was soll die Aktion bringen?

Richter: Die Frage ist zunächst, wo bestimmte Arten besonders oft auftauchen, es ihnen also gut geht. In der Stadt? Im Umland? Daraus lassen sich dann auch Empfehlungen ableiten. Reicht es beispielsweise, wenn Gärten ökologischer gestaltet werden, oder was muss sich politisch ändern, damit es Insekten besser geht?

Ist es nicht Aufgabe von Wissenschaftlern, das herauszufinden?

Richter: Wenn viele Bürgerinnen und Bürger mitmachen, kommt ein großer Datenschatz zusammen. Den können Wissenschaftler nicht alleine schaffen. Dafür sind sie zu wenige. Aber sie können sich dann zum Beispiel um die ganz exakten Zahlen an bestimmten Orten kümmern.

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Insekten zählen, Vögel beobachten, Mücken fangen – dazu wurden die Bürger zuletzt aufgerufen. Was sollen sie eigentlich noch alles machen?

Richter: Das Beobachten und Mitteilen von Fundorten gibt es ja schon sehr lange. Unser Wissen zum Vorkommen von Insekten in Deutschland ist zu mehr als 80 Prozent von Ehrenamtlichen geschaffen worden. Das sind allerdings oft Experten. Neu ist nur, dass jetzt auch Laien aufgerufen werden mitzuhelfen. Das ist toll. Und wichtig. Man forscht an der großen Frage mit, wie dramatisch das Artensterben ist – und wo es auch aufgehalten werden kann, es also Erfolge gibt. Der eigene Beitrag findet sich am Ende auch im Internet wieder. Denn die gesammelten Daten werden ausgewertet und auch in Karten eingetragen, die sich im Netz abrufen lassen.

Wer hat die naturkundliche Mitmachaktion erfunden?

Richter: Die Idee kommt aus Nordamerika. Der Vogelkundler Frank Chapman rief im Jahr 1900 erstmals zu einem „Christmas Bird Count“ auf. Bis dahin wetteiferten Jagdgesellschaften zu Weihnachten, wer die meisten Vögel und anderen Tiere erlegt. Chapman schlug vor, statt mit dem Gewehr mit Fernglas und Notizblock loszuziehen.

Was nehme ich mit zur Beobachtung?

Richter: Sie brauchen nicht viel. Wer will, packt ein Bestimmungsbuch und eine Lupe ein. Am besten drucken Sie sich die Zählhilfe bei den Basisinformationen unter www.insektensommer.de aus. Sie können sich auch die Nabu-App Insektenwelt runterladen. Und vielleicht nehmen Sie auch Ihre Familie mit oder Nachbarn, Freunde und machen ein kleines Event daraus. Insekten zählen macht Spaß, man lernt die Natur anders kennen und schätzen.

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