Freizeit

Trödeln für Einsteiger

Bei gutem Wetter kommen Tausende Besucher

Bei gutem Wetter kommen Tausende Besucher

Foto: Jürgen Theobald (theo)

An Rhein und Ruhr.   Zehntausende gehen sonntags auf die Trödelmärkte im Ruhrgebiet, um Keller oder Dachböden auszumisten. Das sollten sie dabei beachten.

Der Dachboden hat – statisch gesehen – längst die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Im Keller sind aus breiten Gängen schmale Gassen geworden und in die Garage passt schon lange kein Auto mehr. Anders gesagt: Das Haus ist voll. „Wir müssen“, sagen Tausende von Menschen in diesem Land, „mal trödeln gehen.“ Wir haben es getan – auf einem der geschätzt 40.000 offiziellen Trödelmärkte, die es jedes Jahr in Deutschland gibt und über die etwa 25 Millionen Besucher schlendern.

„Kommen Sie nicht zu spät“, hat der Veranstalter gesagt, als ich unseren Platz für den Sonntag reserviert habe. Offiziell geht es um 11 Uhr los, wir kommen um 8 Uhr. Da haben wir schon Mühe, per Auto unseren mit Kreide markierten Platz zu erreichen „Ihr seid spät dran”, sagt Monika, an diesem Tag unsere Nachbarin zur Linken. Wir kennen uns nicht, aber auf dem Trödel ist Duzen normal. Überall und im Ruhrgebiet sowieso.

Bei den Preisen realistisch bleiben

Zu spät? „Na ja“, sagt Hans, geschätzt Ende 50, etwas füllig an Statur, mit hohen Geheimratsecken und vom Stand gegenüber. Seit mehr als 20 Jahren ist er Hobby-Trödler und weiß: „Die besten Geschäfte machst du vor elf Uhr.“ Offiziell ist das sonntags zwar verboten und jeder kennt einen, der einen kennt, der schon mal vom Ordnungsamt beim Frühverkauf erwischt worden ist und Strafe zahlen musste. Aber die meisten Anbieter gehen dieses Risiko ein. Während ich noch leise fluchend die Tapeziertische zusammenbaue, klimpern um mich herum schon die ersten Münzen. Neugierig schauen Interessenten in die noch unausgepackten Kisten. „Habt ihr Orden?“ Ich bedaure. „Suche Porzellanpuppen“, sagt eine Frau. „Hier werden sie keine finden“, antworte ich.

Neuware verboten. Darauf haben wir geachtet. Und so stehen sie nun friedlich nebeneinander, die Zinnbecher von Opa, das bezaubernde Tee-Service meiner Frau aus den 80er­ Jahren, die alte mechanische Kaffeemühle und die hässliche Vase, die uns unsere damaligen Nachbarn vor vielen Jahren zur Hochzeit geschenkt haben. Das bunte Potpourri an Bier- und Sprudelgläsern habe ich dagegen schon wieder eingepackt, weil Monika gesagt hat: „Vergiss es, so was will keiner haben.“ Auch gut. Bleibt wenigstens noch Platz für die alte Wanduhr. „War mal teuer“, sage ich. Monika lacht. „Das interessiert auf dem Trödel niemanden.“ Vermeintlich wertvolle Sachen, rät sie, sollte man über das Internet verkaufen. Oder bei einem seriösen Antiquitätenhändler. Und dann hat sie noch einen Tipp, bevor es losgeht. „Bleib realistisch bei deinen Preisen und dreh den Leuten keinen Schrott an.“

Kinderbkleidung wird zum Renner

Kurz vor elf. Jetzt noch schnell die Kiste mit den Schallplatten und den alten Videospielen vor den Stand gestellt und einen Platz für den Vogelkäfig finden – dann können sie kommen, die Kunden.

Das tun sie auch, bleiben aber meist an den Kleiderständen meiner Frau stehen. Vor allem, weil dort Kinderbekleidung hängt. Denn, so die übereinstimmende Meinung der Kundschaft, die ist „im Laden ja viel zu teuer“. Vor allem „wenn man bedenkt, wie schnell die Kinder da rausgewachsen sind“. „Dann sind sie zu klein, aber eigentlich ist da nix dran“, klagt eine Frau, während sie zwei Hosen und drei Hemden in ihre Tasche stopft, die einst mein Sohn getragen hat.

„Läuft“, sagt meine Frau und zählt vor meinen Augen provokativ ihre Einnahmen. Ich werfe ihr „Schleuderpreise“ vor, sie zuckt mit den Schultern: „Besser als alles wieder mitzunehmen. Die Sachen werden ja nicht besser.“

Männer kaufen anders als Frauen

Mittagszeit. Während die Händler um mich herum Butterbrote auspacken und Thermoskannen leeren, brummt der Stand endlich auch auf meiner Seite. Aber Männer kaufen anders als Frauen. Maulfaul irgendwie. Was Szenen wie die folgende eher zur Regel als zur Ausnahme macht.

„Kostet?“, fragt ein Kunde und hebt ein altes Tischfeuerzeug vom Stand.

„Zwölf.“

Von diesem Punkt an variiert das Geschehen. Manche lassen den Gegenstand ihres Interesses fallen, als stünde er unter Strom und verlassen wortlos den Stand. Andere zeigen erste Anzeichen beginnenden Realitätsverlustes und machen ein Gegenangebot:

„Geb dir zwei.“

In solchen Fällen, sagen Trödel-Veteranen wie Hans, gibt’s keine Basis für einen vernünftigen Abschluss und deshalb nur eine Antwort: „Leg wieder hin.“

Irgendwann findet sich für alles ein Käufer . . .

Ideal ist es, wenn der Kunde bedächtig den Kopf wiegt, sieben Euro bietet und man sich schließlich bei neun einigt. Denn feilschen muss sein. Sonst bekommt auch der Verkäufer manchmal ein ungutes Gefühl. „Warum“, frage ich mich etwa am frühen Nachmittag, „hat die grauhaarige Dame ohne zu zögern ihre Geldbörse aus der Tasche gekramt, als ich für meine alte Nachttischlampe zwölf Euro verlangt habe?“ Wahrscheinlich habe ich gerade ein kleines Vermögen verschenkt. „Denk nicht darüber nach“, sagt meine Frau. „Weg ist weg.“

Manches aber bleibt und ich bin nicht böse darüber. Wieso habe ich mich von meiner Frau überhaupt überreden lassen, meine Sammlung von Sportzeitschriften aus den 80er Jahren mitzunehmen? Und das grüne T-Shirt dahinten – keine zehn Jahre alt – kann ich eigentlich auch noch tragen. Beim Sport oder so. Wenn ich noch mal gehe, so viel steht fest, suche ich alleine aus, was in die Trödelkisten kommt.

„Deinen Stundenlohn darfst du dir nicht ausrechnen“

Zur Kuchen- und Kaffeezeit haben sich Kleiderständer und Tapeziertisch gleichermaßen geleert. Manche beginnen einzupacken, erste Bilanzen werden gezogen. „Gut“, sagt Hans, „aber das letzte Mal war besser.“ Monika nickt. „Wenn ich den ganzen Tag zu Hause auf dem Sofa gesessen hätte, hätte ich gar nichts verdient. Deinen Stundenlohn darfst du dir natürlich nicht ausrechnen.“

Meine Frau schließt ihre Standseite, streift über den Platz und kommt erst nach einer dreiviertel Stunde wieder – mit einer Jacke für den Sohn, zwei Blusen für die Töchter, einem neuen alten Körbchen für den Hund. „Alles Schnäppchen“, versichert sie. Genau wie der riesige Weidenkorb, den ich bitte gleich noch einen Gang weiter abholen soll.

Wofür? „Mal sehen“, sagt sie. „Aber nachdem wir so viel Zeugs verkauft haben, ist ja jetzt wieder ein bisschen Platz im Haus.“

Wir packen ein. Die Zinnbecher-Sammlung ist noch da, LPs haben sich ganz gut verkauft. Bei den Büchern gingen nur die Krimis und Harry Potter. „Kann beim nächsten Mal alles ganz anders sein“, sagt Hans und weiß: „Irgendwann findet sich für alles ein Käufer.“

Information

Sie wollen ausmisten und auf den Trödel gehen? Folgendes sollten Sie beachten.

Trödelmärkte gibt es fast jeden Tag – gerade im Ruhrgebiet. Der größte

Andrang herrscht natürlich am Wochenende, wobei der Sonntag meist besser besucht ist als der Samstag. Örtliche Termine finden sie in den Lokalteilen ihrer Zeitung. Einen bundesweiten Überblick über die größeren Märkte gibt die monatlich erscheinende Zeitschrift „Trödler“.

Trödeln ist nicht immer ganz billig. Für einen Drei-Meter-Stand (Tapeziertisch-Länge) fallen meist zwischen 30 und 40 Euro an. Wer nicht so viel zahlen möchte: Trödelstände in Kindergärten oder Vereinsheimen gibt es schon mal ab fünf Euro. Die Besucherzahlen sind dort allerdings auch überschaubar.

Die Platzvergabe erfolgt vielfach einen Tag vorher. Am besten den Veranstalter anrufen und nachfragen. Trödel ist nicht gleich Trödel. Vor allem im Ruhrgebiet gibt es viele Märkte, auf denen mehr neue als gebrauchte Ware gehandelt wird. Für Einsteiger sind sie nur bedingt geeignet.

Beginner sollten nur bei „Schönwettergarantie“ trödeln. Schon ein kurzer Schauer kann Bücher oder Schallplatten unwiderruflich ruinieren. Wer öfter geht, sollte einen Pavillon oder Planen mitnehmen.

Besorgen Sie sich beim Lebensmittelhändler ihres Vertrauens leere Bananenkisten für den Transport. Sie sind extrem stabil und lassen sich perfekt stapeln. Vor dem Gebrauch ein paar Tage auslüften lassen.

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