Lebensfreude

Karneval in der Karibik – Alaaf und Helau auf Curaçao

Karneval auf Curaçao.

Karneval auf Curaçao.

Foto: Curacao Tourist Board

Willemstad  Karnevalfans erleben auch in der Karibik ein Riesenspektakel. Und das ausgerechnet auf der sonst so gemütlichen ABC-Insel Curaçao.

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Emerson Cordilia ist gestresst. Der schlaksige Glatzkopf kommt über eine Stunde zu spät zum verabredeten Termin ins Holiday Beach Hotel am Stadtrand von Willemstad. „Sorry“, sagt der Chefdesigner der Karnevalsgruppe Vise Versa, der im eigentlichen Leben als ­Sales-Manager eines Hotels arbeitet. „Der Feierabendverkehr war die Hölle.“

Feierabend ist ein Wort, das Emerson in den vergangenen Wochen und Monaten schon lange nicht mehr in den Mund genommen hat. „Die Vorbereitungen waren ziemlich heftig“, sagt der kreative Kopf von Vise Versa, als er die Tür zu den seit Wochen angemieteten Hotelräumen aufschließt: „This is, ­where the magic happens“, sagt er. Willkommen in der Zauberwelt des Curaçao-Karnevals.

Karneval gilt als Lebenseinstellung

In Köln und im ganzen Rheinland heißt es bekanntermaßen zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch im Frühjahr „Leeve un leeve losse“ – leben und leben lassen. Auch Rio de Janeiro als inof­fizielle Welthauptstadt des Karnevals ist kein Geheimtipp.

Doch dass ausgerechnet auf der gemütlichen ABC-Insel Curaçao jährlich eines der größten und längsten Karnevalsspektakel der gesamten Karibik gefeiert wird, das hat sich in der weltweiten Jecken-Gemeinde noch immer nicht so richtig herumgesprochen. Alaaf und Helau auf Curaçao.

„Für uns ist Karneval nicht nur eine mehrtägige Party“, sagt Emerson Cor­dilia, als er am Vorabend der ersten Karnevalsparade des Jahres, der Childrens Carnival Parade, durch die Kostüm­räume im Holiday Beach Hotel führt. „Karneval ist eine Lebenseinstellung.“

Das Wetter an den meisten Tagen: 28 Grad, leichte Brise

Emersons Gruppe Vise Versa ist mit ihren 850 Mitgliedern nicht die größte Karnevalsgruppe, aber eine der traditionsreichsten von Curaçao. Auch im vergangenen Jahr habe Vise Versa bei den begehrten Karnevalsauszeichnungen kräftig abgesahnt: bestes Kostüm, beste Eröffnungsparade, bester geschmückter Truck. Nur im Gesamtklassement reichte es nicht für ganz oben: Vise Versa wurde „nur“ Zweiter.

„Das wollen wir nun ändern“, sagt Emerson, während er das diesjährige Gruppenthema erklärt und die Verkleidungen zeigt, die 550 Dollar pro Stück kosten und jede für sich ein Einzelstück sind: Die Kostüme sind nach einer Art Hawaii-Honolulu-Thema angelegt. Ein Bastrock, Hüte in Ananas-Optik, die Schuhe mit Muscheln verziert. „Wir haben unsere eigene Paradiesinsel kreiert“, sagt Emerson.

Die Durchschnittstemperatur beträgft hier 28 Grad

Eine Paradiesinsel ist Curaçao natürlich auch ohne Karneval. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt herrliche 28 Grad. Selten wird es viel heißer, selten wird es viel kälter. Die kräftigen Winde machen es der eigenen Landwirtschaft zwar schwer, sorgen aber dafür, dass die immer zahlreicheren Touristen nur selten ins Schwitzen kommen. Müsste man die größte der drei ABC-Inseln, zu denen auch noch Aruba und Bonaire gehören, in nur einem Wort erklären, dann würde nicht nur Emerson einfach „Dushi“ sagen.

„Dushi“ ist für die meisten der gerade mal 160.000 Einwohner mindestens genauso wichtig wie der Karneval. Frei übersetzt könnte man „dushi“ mit „toll“, „super“ oder auch „Liebling“ umschreiben. Es ist mit Sicherheit das am häufigsten verwendete Papiamento-Wort der Insel, was sinnbildlich für das ganze Leben in dem autonomen Land innerhalb des Königreichs der Niederlande ist.

Papiamento ist ein kreolischer Sprachmix aus Holländisch, Spanisch, Portugiesisch und Englisch. Die „FAZ“ bezeichnete es treffend als „Echokammer der unzähligen Nationen und Kulturen, die Curaçao über die Jahrhunderte geprägt haben“.

175 Euro kostet ein Schau-Platz am Straßenrand

All dies spiegelt sich natürlich auch im Insel-Alltag, in der wunderbar abwechslungsreichen Architektur und vor allem im jährlichen Karneval wider. Einen ersten Vorgeschmack auf das bunte Treiben können Besucher bei der Kinder- oder der Teenager-Parade bekommen. Immerhin 18 Highschools nehmen auch dieses Jahr bei den Um­zügen der Schulkinder teil, die fast genauso laut, farbenfroh und ausgelassen sind wie die 15 Kilometer langen Hauptparaden Gran Marcha und Marcha di Despedida.

Um 21 Uhr geht der erste ganz normale Wahnsinn los. 175 Euro kostet ein Platz am Straßenrand, auf dem die Karnevalfans dann ihre eigene kleine Tribüne herrichten können, von der aus meist die ganze Familie und der engere Freundeskreis das Geschehen auf der Piste verfolgen (und selbstverständlich auch selbst mitfeiern, mittanzen und mittrinken). Man kann sich aber auch einen Umsonst-Platz irgendwo am Rand der Strecke suchen.

Es wird gewackelt, geschunkelt, ins Publikum gegrüßt und defiliert, was das Zeug hält. Und nach anderthalb Stunden ist der erste Appetithappen des diesjährigen Karnevals schon wieder vorbei. Wer einen besseren Einblick in das organisierte Chaos des Curaçao-Karnevals bekommen will, der sollte versuchen, einen Besuch „behind the scenes“ bei einer der bekannteren Gruppen vor den großen Paraden zu organisieren.

Es geht nur um Spaß-haben

Sonnabendnachmittag, der Tag vor der Gran Marcha: In einer riesigen ­Lagerhalle im Industriegebiet Briewengat wird geschraubt, genäht, gewerkelt. 15 mit Goldglitzer dekorierte Trucks stehen in der Halle. Und irgendwo dazwischen steht Quincy Santiago mit zwei Handys und telefoniert. Gleich habe er ein paar Minuten Zeit, sagt der 42 Jahre alte Cheforganisator von Es­treno di Pikete, der größten Karnevalsgruppe von Curaçao.

Quincy legt auf, doch das andere Mobiltelefon klingelt schon wieder. „Gleich“, sagt der Familienpapa noch einmal. Es dauert noch ein paar weitere Gleichs, ehe sich San­tiago ein paar Minuten Zeit nimmt.

1300 Mitglieder hat seine Gruppe. „Wir wollen eigentlich nur Spaß haben“, sagt Santiago, der natürlich kolossal untertreibt. Mehr als 100 Freiwillige arbeiten am letzten Feinschliff, es gibt 40 verschiedene Organisationsgruppen, sechs Manager kümmern sich um letzte Absprachen. Im vergangenen Jahr wurde Estreno di Pikete Karnevalsgruppe des Jahres, und alles andere als die Titelverteidigung wäre eine Enttäuschung. „Hat irgendwer einen Snack?“, fragt Santiago plötzlich mitten im Gespräch. „Ich habe seit 24 Stunden nichts mehr gegessen.“

Auf Curaçao wohnen und nichts essen – das ist in etwa so wie am Strand leben, aber Sand und Meer nicht mögen. Seit einigen Jahren schon gilt die Karibikinsel nicht nur als Karnevalshochburg sondern auch als Geheimtipp für Gourmets und Feinschmecker. Ein absolutes Muss ist beispielsweise das Bio-Landgut Hofi Cas Cora mit dem Farm-to-Table-Konzept im hofeigenen Restaurant The Eatery. Wenn man Glück oder Pech hat – je nach Sicht­weise – sitzt man hier am Nebentisch von Regierungschef Eugene Rhuggenaath und seiner Familie. Definitiv Glück braucht man allerdings, um noch eine letzte Portion Sweet Potato Moussaka von den Betreibern Femi und Joshua zu bekommen.

Den blauen Likör mit gleichem Namen trinken nur Touristen

Frisch gestärkt sollten Besucher auch ins Finale des Karnevals gehen. Insgesamt 24 Gruppen kämpfen um den Titel der besten Karnevalsgruppe des Jahres. Um 13.45 Uhr kommt Estreno di Pikete vorbei. Das Motto dieses Jahres lautet Pegasus. Die griechischen Kos­tüme sind atemberaubend, extrem freizügig – und dummerweise auch ziemlich nass. Ausgerechnet jetzt wird die Parade nämlich von einem waschechten Tropenregen begleitet.

Doch auf Regen folgt bekanntlich Sonnenschein – in der Karibik eher ­früher als später. Um 16.30 Uhr ist die letzte Karnevalsgruppe des Tages durch. Der allerletzte Truck des Tages ist der orangene von der Müllabfuhr.

Hardcore-Karnevalisten können sich am Tag zwischen der großen Pa­rade und der Abschlussparade auch noch die Kinderparade ansehen. Allen anderen sei eine Karnevalspause wärmstens empfohlen. Ein bisschen entspannen am Strand? Ein konserva­tiver Stadtbummel durch das kunterbunte Willemstad? Oder vielleicht eine Walking-Tour durch das Künstlerviertel Otrobanda mit Bloggerin Gaby von Sand & Stilettos?

Kleiner Tipp: Wer den Abend vor der Lichterparade Marcha Despedida in Luke’s Cocktailbar ausklingen lassen will, der sollte auf keinen Fall einen Blue Curaçao bestellen.

Niemand trinkt hier Blue Curaçao außer Touristen

Den unappetitlichen Likör-Drink, der in der ganzen Welt bekannt ist, trinkt auf der namensgebenden Insel niemand. Außer vielleicht ein paar Kreuzfahrttouristen. Von denen wimmelt es natürlich auch beim letzten Höhepunkt der Karnevalssaison: der Abschlussparade. Ein letztes Mal tanzen, singen, trinken und das eigene Kostüm, das eigene Thema und die eigene Gruppe präsentieren. Es dauert bis weit nach Mitternacht, ehe der Karneval in diesem Jahr vorbei ist.

„Jetzt machen wir eine Woche Pause“, sagt der erschöpfte Emerson. „Und dann planen wir auch schon den nächsten Karneval.“ Von der Belohnung für all seine Mühen wird der Chefdesigner erst einen guten Monat später erfahren: Vise Versa wurde tatsächlich Curaçaos Karnevalsgruppe des Jahres. Und Estreno di Pikete? „Nächstes Jahr“, sagt Quincy Santiago. Ganz sicher. Alles wird dushi.

Tipps & Informationen

Anreise Die schnellste Verbindung aus Europa ist mit KLM über Amsterdam.

Unterkunft zum Beispiel im Lions Dive Beach Resort, Doppelzimmer ab 168 Euro, Bapor Kibra, Tel. 00599/9/ 434 88 88, oder im Kura Hulanda Village & Spa, Doppelzimmer ab 92 Euro, Langestraat 8, Willemstad, Tel. 00599/9/434 77 00, http://www.kurahulanda.com

Stadtführung Sand & Stilettos, https://sand-and-stilettos.com, ab 70 Euro für eine individuelle Tour.

Karneval 2019 Die Paraden werden in der ersten Februarhälfte stattfinden, Näheres auf www.curacao.com

(Diese Reise wurde unterstützt vom Curaçao Tourist Board Europe.)

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