Berufsportrait

Innenarchitektur: Ohne „Gespür für Räume“ geht gar nichts

Javier Martin ist Professor für Innenarchitektur an der Hochschule BAU International Berlin.

Javier Martin ist Professor für Innenarchitektur an der Hochschule BAU International Berlin.

Foto: Massimo Rodari

Berlin  Innenarchitektinnen und -architekten sind Kreative, Controller und Kommunikationsexperten. Und sie kennen sich mit Stromleitungen aus.

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Auch Jahrzehnte nach der Wende hält der Bauboom in Berlin an. Das sind ideale Aussichten für junge Innenarchitekten, findet Professor Javier Martin, Studiengangsleiter Innenarchitektur an der BAU International Berlin. „Diese starke Bautätigkeit bietet unseren Absolventen vielfältige Möglichkeiten zum Berufseinstieg.“

Ihr Handwerk lernen die Studierenden in sechs Semestern. Am Ende des Studiums steht der Abschluss Bachelor of Arts, noch nicht der offizielle Titel „Innenarchitekt“. Die Arbeitgeber stört das nicht, seine Absolventen sind laut Professor Martin gefragt. „Wir decken im Studium den gesamten Designprozess ab, von Theorie und Geschichte des Designs über Visualisierung bis zu technischen Aspekten wie Lichtdesign oder dem Umgang mit Heizung und Stromleitungen“, erklärt der 34-jährige Spanier.

48 Nationalitäten an der BAU

Die internationale Ausrichtung ist das Markenzeichen der privaten Hochschule. 48 Nationalitäten studieren und lehren an der BAU – vollständig auf Englisch. Im Studiengang Innenarchitektur kommt etwa eine Hälfte der Studierenden aus Deutschland, die andere Hälfte vorwiegend aus Europa. Aber einige seien auch aus den USA, Kanada oder dem Mittleren Osten, erklärt Javier Martin.

Entsprechend international sei auch die Lehre ausgerichtet: „Wir haben beim Unterricht nicht nur Deutschland im Blick, sondern wollen für den internationalen Markt ausbilden und schauen, wie Innenarchitektur in anderen Ländern funktioniert und was für Lösungsansätze es dort gibt.“

Es geht um Formen und Oberflächen

Mitbringen sollten Studierende vor allem die Lust am Lernen, betont Martin. „Es ist toll, wenn jemand gut zeichnen kann, aber es geht vor allem darum, Talente zu entdecken oder weiter auszubauen und ein Gespür für Räume zu entwickeln.“ Es gehe um Formen und Oberflächen und was sich daraus machen lässt. Denn Innenarchitektur sei ein Prozess, erklärt der Studiengangsleiter: Am Anfang stehe das Konzept, abgestimmt mit dem Kunden. „Dann folgen die verschiedenen Schritte von der abstrakten Form bis zur konkreten Oberfläche, der Materialienauswahl und der Lichtgestaltung. Alles zusammen erzeugt eine ganz bestimmte Stimmung.“

Je nach Projekt sei dabei auch ein Spannungsverhältnis von Harmonie und Aufregung gefragt. „Etwa in Ausstellungsräumen, die einerseits anregen, andererseits aber zum Verweilen bei den Exponaten einladen sollen“, erklärt Martin.

Innenarchitektin statt Ärztin

Die Freude an diesem kreativen Prozess, an der Gestaltung von Räumen und Stimmungen, treibt auch Lisa Forster an. Zunächst hatte die 28-Jährige ein Medizinstudium begonnen, jedoch schnell festgestellt, dass ihre Leidenschaft nicht in den Naturwissenschaften, sondern im Kreativen liegt.

Heute studiert sie glücklich im vierten Semester Innenarchitektur an der BAU International. Das Studium erfordere Durchhaltevermögen und Frusttoleranz, betont sie. „Etwa wenn ich bei einem Projekt relativ spät feststelle, ich bin auf einem falschen Weg, die Idee funktioniert so nicht.“ Dann heiße es „Alles auf Anfang“, nur diesmal mit mehr Zeitdruck.

In jedem Erlebnis steckt mögliche Inspiration

Auch bei den Studienprojekten an der BAU muss der Abgabetermin eingehalten werden, ganz wie im echten Berufsleben. Umgekehrt wirke das echte Leben permanent ins Studium hinein, erzählt Forster. „Im Grunde steckt in jedem Erlebnis eine mögliche Inspiration: eine spannende Fassade mit ungewöhnlicher Textur, der leuchtende Gelbton der Blätter im Herbst, all das saugt man auf, und es fließt irgendwann als Idee in ein Projekt ein.“

Elena Conrad schätzt an ihrem Beruf besonders die wechselnden Projekte und die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams, bestehend etwa aus Architekten, Innenarchitekten und Designern. „Teamarbeit bestimmt wirklich unseren Alltag“, sagt sie. Die Innenarchitektin hat zunächst ihren Bachelorabschluss gemacht und nach einem guten Jahr Berufserfahrung ein Masterstudium absolviert. „In der Praxisphase dazwischen habe ich gemerkt, dass mich die Spezialisierung durch den Master nicht einengt, denn in unserem Berufsfeld verschwimmen die Grenzen der einzelnen Fachbereiche.“

Schnittstelle von Innenarchitektur und Design

Seit 2016 arbeitet Conrad bei Kinzo. Das Berliner Unternehmen, gegründet 2005 von Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs und Chris Middleton, ist an der Schnittstelle von Innenarchitektur und Design angesiedelt. Der Fokus liege auf Innenarchitektur-Konzepten für Büros, Hotels und Gastronomie, erzählt die 29-Jährige. Hospitality Design heißt Letzteres im Fachjargon.

Neben fachlichem Wissen ist Kommunikationsgeschick in ihrem Metier eine wichtige Kompetenz. Denn Innenarchitekten gehen mit ganz unterschiedlichen Menschen um: von Geschäftsführern großer, internationaler Unternehmen über Fachplaner bis hin zu den ausführenden Handwerkern. Zudem sei Empathie, Lust auf Kreativität und Experimentierfreude gefragt. „Gute Innenarchitekten verstehen es zu visualisieren und durch Modelle oder Prototypen ihre Idee lebendig und greifbar werden zu lassen.“

Wird aus einer Idee ein Projekt, wird aus dem Kreativen allerdings fast schon ein Controller, sagt Innenarchitektin Wencke Katharina Schoger. „Ist unser Ergebnis noch tragfähig? Sind wir unserer Vision treu? Sind wir im Budget? Und haben wir alle Zusammenhänge berücksichtigt?“ Solche Fragen gehören zum Alltag eines Innenarchitekten, während ein Projekt realisiert werde, erklärt Schoger. Sie hat zusammen mit Johannes Reuter vor zwölf Jahren „Reuter Schoger Architekten Innenarchitekten“ gegründet.

Kunden sind Privatleute, Kirchen, Kliniken, Hotels

Zu ihren Kunden gehören Geschäfts- und Privatkunden, Kirchen, Kliniken und Hotels. Damit ein Projekt möglichst genau dem Kundenbedürfnis entspricht, sei „ein großes, geduldiges Ohr“ ebenso entscheidend wie visionäre Kraft und Verantwortlichkeit. Und manchmal auch Humor, Logik und Irrationalität, ergänzt die Innenarchitektin.

Um ein hervorragendes Ergebnis zu erzielen, ist oftmals Querdenken gefragt. Tatsächlich wird gerade diese Eigenschaft immer wichtiger, wenn etwa angesichts der zunehmenden Wohnungsknappheit begrenzter Raum optimal gestaltet werden soll. „Gebauter Raum wird immer teurer“, sagt Wencke Katharina Schoger. „Durch intelligente und platzsparende Strukturierung kann kleiner Raum interessant, liebenswert und bezahlbar werden.“

Anspruchsvolle Projekte in Hotels

Ein Spezialgebiet der Innenarchitektur ist das Hospitality Design. Ein faszinierendes Feld, findet Schoger: „Hotelprojekte vereinen fast alle überhaupt möglichen Projektthemen: Wohnen, Gastronomie, Verkaufsflächen, Sport und Wellness.“ So werde in Hotels ein vollständiges Zuhause auf Zeit verkauft, das jedoch zugleich den besonderen Anforderungen der Reisenden entsprechen müsse.

„Die Sehnsucht der Gäste nach Geborgenheit und Heimat ist auf Reisen immer verbunden mit der Sehnsucht nach Neuem und Unbekanntem.“ Das soll sich im Design ausdrücken, und das kann ganz unterschiedlich ausfallen: von minimalistisch und funktional über verspielt und kuschlig bis hin zu cool und innovativ. Innenarchitektin Schoger ist es bei ihren Projekten vor allem wichtig, „einen Ort seine individuelle Geschichte auf seine Weise erzählen zu lassen“.

Tatsächlich können Räume eine Menge mitteilen, ist Wencke Katharina Schoger überzeugt. Und wie sie gestaltet sind, habe auch einen großen Einfluss darauf, wie man sich in ihnen fühlt: „Räume können uns unterstützen und aktivieren, uns gesprächig machen oder verstummen lassen, uns öffnen oder verschließen und uns gesundheitlich unterstützen oder krank machen.“

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