Soziale Netzwerke

Züchtet Social Media eine Generation digitaler Narzissten?

Stereotypes Posieren für die digitalen Freunde: Likes und Follower bestimmen zunehmend den Alltag, warnen Forscher.

Foto: iStock/m-gucci / iStock

Stereotypes Posieren für die digitalen Freunde: Likes und Follower bestimmen zunehmend den Alltag, warnen Forscher. Foto: iStock/m-gucci / iStock

Bochum  Selfies, Körperkult und die Sucht nach Likes: In sozialen Netzwerken glauben immer mehr Menschen, sich perfekt inszenieren zu müssen.

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Was wird den Millennials nicht alles nachgesagt. Selbstbewusst sollen sie sein, diese Menschen, die auch als Generation Y bezeichnet werden und je nach Definition etwa zwischen 1980 und 1999 geboren wurden. Trotzdem sind sie angeblich ständig auf der Suche: nach einem Lebenssinn, einem erfüllenden Beruf, der perfekten Balance zwischen Arbeit und Privatem. Sie gelten als anspruchsvoll und versiert im Umgang mit Technologien.

Aber nun das: Laut einer aktuellen Studie des Internet-Dienstleisters Syzygy sollen Millennials vor allem eines sein: besonders narzisstisch. Also selbstverliebter und selbstbezogener als vorherige Generationen. Schuld daran haben den Autoren zufolge neue Technologien wie Smartphones, Social Media und On-Demand-Apps (Uber, Lieferando, Netflix). Was also hat es damit auf sich? Sind junge Erwachsene heute wirklich narzisstischer, geht es ihnen nur noch um sich selbst? Und was hat die Digitalisierung damit zu tun?

Anspruch an den eigenen Selbstwert wächst stetig

Dr. Bert Theodor te Wildt arbeitet als Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Bochumer LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin, leitet die Onlinesuchtambulanz OASIS für junge Erwachsene und ist Gründungsmitglied des Fachverbands Medienabhängigkeit. Das Thema Selbstwert habe in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. „Das muss allerdings nicht zwingend heißen, dass die Gesellschaft insgesamt narzisstischer wird.“ Dennoch bereite ihm die Entwicklung Sorgen, weil er beobachte, wie der Anspruch an den eigenen Selbstwert und an das, was man dafür tun muss, bei vielen jungen Menschen stetig wachse und zu Stress führe.

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Eine treibende Kraft dieser Entwicklung sei die Digitalisierung, sagt te Wildt: Die erste Generation der Digital Natives, wie die Millennials auch genannt werden, ist mit den digitalen Möglichkeiten groß geworden. Ihr Sein hatte immer schon auch eine digitale Ebene, die heute mehr Raum denn je beansprucht. Es finde eine „Verlagerung des Seins auf die digitale Ebene“ statt.

Der Körper wird so für manchen zur bespielbaren Oberfläche

Wo es aber normal ist, Denken und Tun, sportliche, berufliche, private Aktivitäten der öffentlichen Aufmerksamkeit eines Hunderte Menschen umfassenden digitalen Freundeskreises darzubieten, liefert sich der Einzelne dem Wohlwollen der Menge aus. Und sieht sich nunmehr gezwungen, seine Außendarstellung aufmerksam zu gestalten. Tut er das nicht, droht Spott oder schlimmer noch: Ignoranz. Seine Anhänger sparen sich ihr „Like“ oder kündigen direkt Abo oder Freundschaft auf – denn auch sie prüfen schließlich genau, ob sie nicht einem Langweiler Beifall spenden und sich damit selbst uninteressant machen. Das andere Extrem: Ein Sturm der Entrüstung, ein Shitstorm, bricht über den herein, der allzu negativ auffällt.

Eine komplexe und oft unverständliche Dynamik für diejenigen, die außen vor sind, Normalität für diejenigen, die mittendrin sind. Für letztere gilt die Zahl der „Follower“ und „Likes“ oft als Gradmesser für Erfolg und Bedeutsamkeit. „Die Währung des digitalen Zeitalters sind Aufmerksamkeit und persönliche Bewertungen“, so te Wildt. Und so gewinnt das digitale Leben mitunter sogar die Macht, in den realen Alltag und die reale Freizeitgestaltung hineinzuwirken. „Viele junge Leute prüfen ihre Aktivitäten daraufhin, ob sie für eine Außendarstellung in sozialen Medien verwertbar sind“, erklärt te Wildt. „Diese Denkweise wirkt sich stark auf ihr Handeln aus.“ Der Körper wird so für manchen zur bespielbaren Oberfläche: Junge Männer stilisieren sich dabei eher zu Helden, Frauen fallen in antiquierte weibliche Rollenmuster zurück, die Inszenierungen geraten oft sehr stereotyp, vom Posieren bis hin zum einstudierten, zigfach kopierten Schmollmundlächeln.

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„Was ist noch authentisch? Was ist gefühlt, echt, lebendig?“

Klassische Schönheitsmerkmale müssten aber nicht unbedingt die Hauptrolle spielen, so te Wildt. Je nach Zielgruppe kann es auch um eine bedrohliche, gewaltbetonte Selbstdarstellung gehen, um Anstachelung zum Cybermobbing, um Demonstration von Macht und Coolness. Damit verbunden sein können im Extremfall auch andere Probleme: Essstörungen, Sportsucht oder übermäßige Selbstmodifikation mit Tattoos, Piercings und Schönheitschirurgie. „Irgendwann ist nicht mehr klar: Was ist noch authentisch? Was ist gefühlt, echt, lebendig?“, sagt te Wildt. „Mancher wird süchtig nach der ständigen Aufmerksamkeit, der ständigen Bestätigung seiner Person: Wenn er online keine Aufmerksamkeit bekommt, spürt er sich nicht, wenn er online keine Wertschätzung erfährt, erlebt er sich selbst nicht als positiv, wenn er nicht online ist, existiert er nicht. Likes und Follower werden so zum digitalen Suchtmittel, vergleichbar mit Alkohol.“

Norwegische Forscher beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Phänomen Facebook. „Wir haben es mittlerweile mit einer Unterform der Internetsucht zu tun, die sich auf soziale Netzwerke konzentriert“, betont die Psychologin und Projektleiterin Cecilie Schou Andreassen. Diese Sucht trete eher bei jüngeren als bei älteren Nutzern auf. „Wir haben auch festgestellt, dass Menschen, die sozial ängstlich und unsicher sind, Facebook intensiver nutzen als jene mit stärkerem Selbstbewusstsein.“ Ersteren falle es leichter über die Distanz sozialer Medien als face-to-face zu kommunizieren.

Wer sich auf Dauer im Netz verfängt, wird frustriert

Menschen, die Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben, brauchen besonders viel Zuspruch, um sich geschätzt zu fühlen, mehr noch, wenn sie die reale Welt im Allgemeinen als kränkend empfinden und nur eine geringe Frustrationstoleranz besitzen. Im Netz können sie die Facetten ihrer Persönlichkeit betonen, die auf Zuspruch stoßen, oder können solche Facetten kreieren.

Natürlich sei es verführerisch, sich auf diese Weise Zuspruch zu holen, sagt te Wildt – „gleichzeitig vernachlässigt man darüber aber das, was in der realen Welt Wertschätzung, oder noch besser Zuneigung, einbringen könnte“. Wer sich darin verfängt, könne auf Dauer nur frustriert daraus hervorkommen, weil sein reales Leben verarmt. Der narzisstische Konflikt führe so nicht selten in die Depression.

Doch wann wird aus einer besonders aktiven Nutzung sozialer Netzwerke eine krankhafte Fixierung auf das Online-Leben? „Aus suchtmedizinischer Perspektive verläuft die Grenze dort, wo ein Lebensbereich beginnt, Schaden zu nehmen“, erklärt te Wildt. Wenn jemand ständig mit dem eigenen Selbstbild beschäftigt ist, könne das zu Konzentrationsproblemen führen, zu Konflikten mit Freunden und Familie bis hin zu einer Vernachlässigung aller realen Beziehungen.

Auch Kinder und Jugendliche sind betroffen

Das betrifft gar nicht nur die Millennials, sondern auch Kinder und Jugendliche. „Eltern sollten genau hinschauen, was ihre Kinder im Internet alles veranstalten, um gut dazustehen“, sagt te Wildt. Wenn Hobbys und Unternehmungen schwinden, aus denen die Kinder bisher positiven Selbstwert gezogen haben, sollten Eltern alarmiert sein. „Zählt nur noch die virtuelle Belohnung, besteht die Gefahr, dass sich jemand im Netz verliert.“

Junge Menschen müssen zu sich selbst, zu ihren Potenzialen und zu einem erfüllten Erwachsenenleben finden, und dieser Weg lässt sich nicht vollständig in der digitalen Welt gehen. Auch in der wirklichen Welt brauche man Durchhaltevermögen, sagt te Wildt: „Bestimmte Entwicklungsaufgaben lassen sich nur offline lösen.“

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