Journalismus

Schreibt der Roboter in Zukunft den Zeitungsbericht?

Hände auf einer Computer-Tastatur – ein Modell, das von Roboterjournalismus abgelöst werden kann?

Hände auf einer Computer-Tastatur – ein Modell, das von Roboterjournalismus abgelöst werden kann?

Foto: imago stock&people / imago/Eibner Europa

Hamburg  In einigen Bereichen des Journalismus kommen bereits Computer als Texter zum Einsatz. Können Roboter wirklich einen Redakteur ersetzen?

In der Regionalliga-Partie Wuppertaler SV gegen die Zweitvertretung von Borussia Dortmund waren gerade mal elf Minuten gespielt, als sich der Himmel verfinsterte. Kurz darauf ging über dem Wuppertaler Stadion am Zoo ein Gewitter nieder. Der Schiedsrichter tat das einzig Sinnvolle: Er unterbrach das Spiel. Und weil das Gewitter ausgesprochen heftig war, pfiff er es auch nicht mehr an. Hagel und Starkregen hatten die Spielfläche in eine Schlammwüste verwandelt.

Wer sich allerdings später im Internet über den Ausgang der Begegnung informieren wollte, erfuhr von dem Spielabbruch nichts.

Auf Welt.de hieß es beispielsweise: „Der Wuppertaler SV trennte sich an diesem Mittwoch von der Zweitvertretung von Borussia Dortmund mit 0:0. … Die Ausgeglichenheit der beiden Mannschaften zeigte sich letztlich im Endergebnis.“ Die Falschmeldung war nicht das Werk eines überforderten Sportredakteurs. Welt.de bezog den Spielbericht von dem Hamburger Unternehmen Sportplatz Media, das seit 2015 maschinell erstellte Spielberichte auf Basis der Software Retresco des gleichnamigen Berliner Start-ups anbietet.

Roboterjournalismus in den USA verbreiteter als in Deutschland

Von Algorithmen erstellte Texte, im Fachjargon auch Roboterjournalismus genannt, werden in Deutschland von immer mehr Medien genutzt. Dass dies nur bei spektakulären Fehlern wie dem Spielbericht aus Wuppertal auffällt, hat vor allem zwei Gründe: Nur wenige Medien mögen sich vor allem aus Image-Gründen dazu bekennen, maschinell generierte Texte anzubieten. Und verglichen mit der Entwicklung in den USA stehen deutsche Redaktionen bei diesem Thema noch ganz am Anfang.

Die amerikanische Nachrichtenagentur AP hingegen arbeitet schon seit 2013 mit maschinell generierten Texten. Heute werden bereits mehr als 3700 Quartalsberichte von AP automatisch erstellt. Dank Roboterjournalismus deckt die Agentur heute zwölfmal mehr Unternehmen ab als früher.

Vergleichsweise zögerlich ist die Deutsche Presse-Agentur (dpa) auf diesem Feld unterwegs. Ihr Wirtschaftsdienst dpa-AFX verzichtet komplett auf maschinell erstellte Texte, weil die Kunden „die Einordnung und Gewichtung unserer Redakteure“ schätzten, wie dessen Chefredakteur Bernd Zeberl sagt. Als dpa Mitte Mai meldete, den agentureigenen Veranstaltungskalender künftig von einer Software namens Tex erstellen lassen zu wollen, schien das eine Kulturrevolution zu sein. Doch ein Unternehmenssprecher sagt auf Anfrage, dass das Projekt noch in der Findungsphase sei. Es sei auch „völlig offen“, ob jemals alle Veranstaltungshinweise komplett maschinell erfasst werden.

Roboterjournalismus in vielen Ressorts einsetzbar

Dabei eignen sich alle Ressorts, in denen Statistiken eine große Rolle spielen, wie etwa Finanzen, Verkehr, Wetter und Sport für Roboterjournalismus. Um die nackten Zahlen herum baut die Software idealerweise einen gut lesbaren Text. So lässt sich das „Handelsblatt“ bei seiner Finanzberichterstattung durch Software des Dortmunder Start-ups Textomatic bei Aktienanalysen unterstützen. Und die Stuttgarter Firma AX Semantics, neben Retres­co und Textomatic der dritte große deutsche Anbieter für Roboterjournalismus-Software, analysiert für Tag 24, das Boulevardportal der Kölner DuMont Mediengruppe, gar Pressemitteilungen der Polizei.

AX Semantics hat auch 2017 für die „Stuttgarter Zeitung“ die Software entwickelt, die Basis ist für die Feinstaubberichte rund um die schwäbische Metropole. Vorbild war offenbar der „Feinstaub-Monitor“ von Morgenpost.de, der 2014 entstand, mittlerweile aber eingestellt wurde, da die Stadt Berlin die benötigten Daten nicht mehr in der erforderlichen Form zur Verfügung stellt.

Jobs hat der Roboterjournalismus bisher wohl keine gekostet. Das liegt auch daran, dass sich die Algorithmen, wie etwa bei detaillierten Feinstaubberichten für ganz bestimmte Regionen, komplett neue Themenfelder erschlossen haben. Spielberichte noch für die unterste Fußballkreisklasse hat es früher ebenfalls nicht gegeben. Zudem benötigen maschinell erstellte Texte, zumindest derzeit noch, einen Menschen, der sie abnimmt. Denn die wenigsten sind qualitativ da, wo sie sein sollten. Und das liegt nicht nur an den Algorithmen.

Funke experimentiert ebenfalls mit neuer Technologie

Womit wir wieder bei jenem Spielabbruch in Wuppertal wären, aus dem der automatisch erstellte Spielbericht ein 0:0 machte. Nach Angaben von Sportplatz Media war der Faktor Mensch Ursache des Fehlers. Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe der Schiedsrichter das Spielergebnis in den DFB-Unterlagen nicht richtig eingegeben, die Grundlage jedes Spielberichts sind.

Insbesondere in unterklassigen Ligen gibt es deshalb immer wieder Ärger, etwa wenn ein Unparteiischer die falschen Torschützen einträgt. Stilistisch versucht der DFB aber, Kollege Roboter unter die Arme zu greifen. In Thüringen fragte der Verband für seine automatisierten Spielberichte Synonyme der Vereinsnamen ab.

Die Funke-Gruppe, zu der unsere Redaktion erscheint, veröffentlichte im „Feinstaub-Monitor“ und im Portal „Reviersport“ automatisierte Texte. „Wir sind offen und experimentieren wie andere auch in einigen Bereichen mit Roboterjournalismus“, sagt Carsten Erdmann, Chefredakteur Digital der Funke Zen­tralredaktion. „Wir werden diese Texte immer als solche kenntlich machen.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben