E-Sport

Aus Spaß am Zocken einen Job gemacht: So wird man Pro-Gamer

E-Sportler Elias Nerlich (21) spielt professionell FIFA bei Hertha BSC.

E-Sportler Elias Nerlich (21) spielt professionell FIFA bei Hertha BSC.

Foto: Massimo Rodari

Berlin  E-Sport wird immer populärer und damit professioneller. „Pro-Gamer“ ist heute ein richtiger Beruf. Drei junge Spieler berichten.

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Hauptberuflich Computerspielen? Reine Zeitverschwendung, sagen die einen, während die anderen von einer Karriere als E-Sportler träumen. E-Sport? Das ist professionelles Spielen verschiedener Videospiele auf nationalen und internationalen Wettbewerben und wird auch in Deutschland immer beliebter.

Nach Angaben des Verbands der deutschen Games-Branche (GAME) haben sich etwa 19 Prozent der Deutschen schon einmal ein E-Sport-Match angesehen. Wichtigste Zielgruppe sind die 16- bis 24-Jährigen.

Es gibt rund 500 deutsche Profis

Den Sprung in die professionelle Gaming-Szene schaffen allerdings die wenigsten. Der eSport-Bund Deutschland (ESBD) geht von einer mittleren dreistelligen Anzahl an E-Sport-Profis aus, die einen relevanten Teil ihres Lebensunterhalts als Gamer bestreiten können.

Die meisten sind in sogenannten Pro-Teams organisiert. Davon gibt es laut ESBD gut 30 in Deutschland. Genaue Zahlen sind noch nicht verfügbar. Die Branche ist so jung, dass sich auch ihr Verband erst Ende 2017 gegründet hat.

Doch wie wird man nun Profi-Spieler? „Den Gedanken sollte man schnell wieder aus dem Kopf löschen. Das baut nur Druck auf, und man verliert den Spaß am Spiel“, erklärt Timo Richter. Er ist einer der Glücklichen, die mit der Zocker-Leidenschaft seit einigen Jahren ihr Geld verdienen können.

Der 23-Jährige aus der Nähe von Stuttgart ist seit 2017 Kapitän des Berliner Teams Sprout und zählt zu den besten Counter-Strike-Spielern im Land. Das Spiel – in deutschen Medien oft als „Ballerspiel“ gebrandmarkt – hat er schon als Schüler intensiv gespielt.

Bei Counter-Strike geht es in erster Linie um Taktik. Deswegen sei es mit Schach vergleichbar, so Richter.

Zwei Teams arbeiten gegeneinander

Vor Beginn eines Matches entscheidet sich der Spieler, ob er sich einer fünfköpfigen Terroristengruppe oder einem Polizei-Sonderkommando anschließt. Beide Teams müssen bestimmte Zielvorgaben erfüllen, etwa das Platzieren einer Bombe, was die gegnerische Gruppe vereiteln soll.

„Als Spieler musst du deinen Gegner lesen können, um zu wissen was er als Nächstes macht. Und da gibt es ganz schön viele Möglichkeiten“, sagt der Team-Kapitän, der über ein Headset während des Spiels mit seinen Kollegen verbunden ist und die taktische Ausrichtung vorgibt.

Agenturen werden auf gute Spieler aufmerksam

Angehenden E-Sportlern rät Richter, sich zunächst online mit anderen Gamern zu messen. Im Internet gibt es verschiedene Plattformen, wo Zocker Mitspieler finden, um sich zu Matches zu verabreden.

Erreicht ein Spieler dort über die Jahre ein gewisses Niveau, werden Agenturen oder E-Sport-Mannschaften hellhörig. So wie auch bei Timo Richter: „Nach ein paar Jahren kamen die ersten Angebote von kleineren Teams, die mir auch Geld angeboten haben.“

Vergleichbar mit einem Büro-Alltag

Seit 2015 kann er von seinem Gehalt als Profi gut leben. Dafür muss er aber auch viel leisten. Um das Niveau konstant hoch zu halten, trainiert der Kapitän mit seinen Kollegen fast täglich: „Man kann das schon mit einem normalen Büro-Alltag vergleichen. Wir trainieren mindestens acht Stunden am Tag und sind bei jedem Match zu 200 Prozent fokussiert.“

Stumm und aufrecht sitzt Elias Nerlich vor einem Computer. Seine Augen fliegen über den Bildschirm, nehmen im Sekundentakt einen anderen Punkt am Monitor ins Visier. Nur das ­Klicken der Computermaus durchbricht die Stille des Trainingsraums in der E-Sport-Akademie von Hertha BSC.

Das Trikot des Bundesligisten sitzt eng an seinem trainierten Oberkörper. Optisch ist der 21-Jährige das Anti-Klischee eines Computer-Nerds.

Statt Studium hauptberuflich E-Sportler

Seit August 2018 ist Nerlich Team-Kapitän der E-Sport-Akademie, seitdem arbeitet der Abiturient hauptberuflich als E-Sportler und spielt für Hertha BSC das Konsolen-Fußballspiel FIFA.

Sein Weg in die E-Profi-Karriere begann mit einem realen Sportunfall, bei dem er sich das Wadenbein brach. Das war drei Tage, bevor FIFA 2017 rauskam, erinnert er sich. „Der Arzt sagte, dass es das erst mal für eineinhalb Jahre mit dem Fußball war.

Die nächsten fünf Wochen musste ich zu Hause bleiben.“ Um seine Fußballsucht trotzdem zu stillen, begann Nerlich intensiv FIFA zu spielen. „Tag und Nacht“, sagt er.

Einzug in die Weltrangliste

Nerlich, in der Szene als „EliasN97“ bekannt, merkte schnell, dass er besser ist als die anderen, dass er ein Talent für das Spiel hat. Nach wenigen Monaten kursiert sein Name auf den Top-plätzen der Weltrangliste: „Das habe ich erst mal nicht ernst genommen“, sagt der 21-Jährige. „Erst später habe ich mich schlau gemacht und geschaut, ob man damit Geld verdienen kann.“

Nach der Qualifikation für den Champions Cup, bei dem die besten 64 Spieler der Welt gegeneinander antreten, kam eine Partner-Agentur von Hertha BSC auf Nerlich zu: „Die sagten, dass sie sich eine Zusammenarbeit mit mir gut vorstellen können – auch weil ich gebürtiger Berliner bin und hier lebe“, berichtet der Profi.

Fitnesstraining, auf die Ernährung achten

Auch „EliasN97“ hat eine 40-Stunden-Woche, doch die sieht anders aus, als man sich das vielleicht vorstellen mag: „Es ist nicht so, dass man die ganze Zeit hier hockt und zockt. Ich stehe früh auf, achte auf meine Ernährung und gehe nach dem Frühstück zum Fitnesstraining.“

In der E-Sport-Akademie von Hertha BSC trainiert er dann mit anderen Profis. Besonders intensiv, wenn gerade ein wichtiges Turnier ansteht: „Wenn es ruhiger ist, wird auch mal ein Video geschnitten“, sagt Nerlich. In den Beiträgen gehe es meistens um Tipps und Tricks, die das Spiel betreffen. Auch im E-Sport sei es wichtig, im engen Austausch mit den Fans zu stehen.

Hand-Augen-Koordination ganz wichtig

Welche Fähigkeiten einem die Profi-Laufbahn ermöglichen, lasse sich schwer erklären, findet Elias Nerlich. Wichtig sei eine gute Hand-Augen-Koordination und natürlich Ehrgeiz.

Doch der FIFA-Profi warnt den Gamer-Nachwuchs, sich nicht „verrückt zu machen“: „Bei jedem Sportler gibt es eine bestimmte Sprint-Geschwindigkeit, die vorher feststeht. Die kannst du nicht überschreiten. Du kannst also die ganze Zeit um dein Leben sprinten, du wirst irgendwann nicht mehr schneller.“ Wenn das Maximum an Geschwindigkeit erreicht ist, „kommt das Talent“.

Major mit einer Million Dollar Preisgeld

Tizian Feldbusch hat wenig Zeit. Er und sein Team BIG (Berlin International Gaming) trainieren gerade für das Major – so etwas wie die Champions League beim Counter-Strike. Es geht um eine Millionen Dollar Preisgeld.

Obwohl Feldbusch erst 22 Jahre alt ist, gehört er zu den erfahreneren Spielern. „Mit 16 stand ich zum ersten Mal in einem Finale bei einer deutschen Meisterschaft“, berichtet er. Zocker ist er aber schon viel länger.

Mit seinem Bruder saß Feldbusch schon mit neun Jahren am PC. So entwickelte sich seine Leidenschaft zum Spiel. „Das ist bei jedem Gamer ähnlich“, sagt er. „Meistens wird man von Freunden oder Verwandten an das Spiel geführt.“

Profi-Vertrag ist wichtiger Karriereschritt

Dass sein Hobby so schnell zum Beruf wurde, wundert Tizian Feldbusch heute noch. „Die ganze E-Sport-Branche wurde in den letzten Jahren komplett auf den Kopf gestellt. Und plötzlich werden da Millionen investiert.“ Spätestens mit dem Profi-Vertrag von BIG war ihm klar, dass er als E-Sportler Karriere machen werde.

Die meisten Spieler können ihr Niveau halten, bis sie etwa 35 Jahre alt sind. Dann lässt die Reaktionsfähigkeit nach, die bei den meisten Spielen immens wichtig ist. Das weiß auch Tizian Feldbusch.

Später als Analyst, Coach oder Manager arbeiten

Der Branche will er aber treu bleiben, auch wenn seine aktive Karriere irgendwann zu Ende geht. „Ich weiß, dass mein Platz immer im E-Sport sein wird – selbst, wenn ich nicht spiele“, sagt Feldbusch. Als Analyst, der die Spielweise der Gegner bewertet, oder als Coach, der die nächste Spieler-Generation schult, werde er sicherlich einen Platz finden.

„Oder ich gründe selbst eine Organisation und unterstütze die Spieler als Manager, weil ich weiß, was die Profis brauchen.“

Rauer Ton in den Sozialen Medien

Für das Major muss Team BIG auf Topniveau spielen. Der Druck spornt an, kann aber auch belasten: „Wenn du Spiele verlierst, wirst du häufig über Social Media angeschrieben, bedroht und beleidigt.“

Das sei im Profi-Gewerbe nun mal so. Gleichzeitig sind es aber auch die Fans, die Tizian Feldbusch immer wieder bestätigen, dass er den richtigen Berufsweg eingeschlagen hat: „Wenn ich in Köln in einer ausverkauften Arena spiele und 10.000 Leute meinen Namen schreien, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.“

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