Literatur an Rhein und Ruhr

Wie eine kleine Stadt am Niederrhein Weltliteratur macht

Bestseller-Autor Timur Vermes traf in Straelen die Übersetzer seines Hitler-Romans „Er ist wieder da“ im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen.

Bestseller-Autor Timur Vermes traf in Straelen die Übersetzer seines Hitler-Romans „Er ist wieder da“ im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen.

Foto: Jakob Studnar / FFS

Straelen.  Seit 42 Jahren arbeiten in Straelen Übersetzer aus allen Kontinenten. Sie profitieren von der großen Bibliothek – und der niederrheinischen Ruhe.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Grass war hier und Böll, Denis Scheck, der Bücherschreck und zwei Bundespräsidenten dazu. Vor allem aber die leisesten und wichtigsten Menschen der literarischen Welt in der Kleinstadt am Niederrhein und sorgen dafür, dass unsere Bücherwelt kein Bücherland ist. Seit 42 Jahren lebt und atmet ein zusammengewachsenes Geflecht aus fünf Häusern Weltliteratur. Menschen aller Kontinente arbeiteten und arbeiten im Europäischen Übersetzerkolleg. Warum Straelen weiter strahlt und die 30 Zimmer meist voll belegt sind, erklärt Geschäftsführerin Regina Peeters im Gespräch mit Stephan Hermsen.

Frau Peeters, wozu braucht es in Zeiten des Internets und Online-Übersetzern noch dieses Haus?

Darüber habe ich 1300 Seiten Doktorarbeit geschrieben (lacht). Das Internet ist hie und da eine gute Ergänzung. Aber wenn Sie beispielsweise einen Roman übersetzen, der im 19. Jahrhundert spielt und Sie wollen auch nur die Begriffe aus dem 19. Jahrhundert – wie sagen Sie das Google? Sie müssen in vielen Fällen bei einer Übersetzung in die jeweilige Fachsprache hineinkommen. Deswegen haben wir in unserer Bibliothek -- mit 135.000 Büchern die weltweit größte für diesen Zweck – beispielsweise auch Ikea-Kataloge aus 35 Jahren. Sie finden im Internet nicht Begriffe des Katalogs des Jahres 1955.

Gibt es also nicht nur Übersetzungen von einer Sprache in die andere – sondern auch von einer Epoche in eine andere?

Ja, sehr viel. Beispielsweise bei dem Roman „Ein weites Feld“ von Günther Grass gibt es mindestens 30 Gewerke, deren Begriffe der jeweiligen Fachsprache entnommen wurde. Dafür haben wir hier Lexika über Dachziegel und Schindeln. Wir können hier auch rausfinden, wie Matrosen vor 200 oder 300 Jahren gesprochen haben. Wenn Sie einen Vogelnamen wissen wollen, finden Sie bei uns das beste ornithologische Wörterbuch, das es je gegeben hat. Da finden Sie den Namen in drei Minuten, im Internet suchen Sie sich zu Tode. Sie finden bei uns auch Glossare der Gefängnissprache vor 200 Jahren – das finden Sie im Internet niemals. Aber Sie haben insofern recht, dass wir mittlerweile auch manchen jungen Übersetzern zeigen müssen, wie man in einer Bibliothek wie dieser recherchiert. Aber wir zeigen ihnen auch, wie man besser im Internet recherchier

Kataloge von Beate Uhse und den Brockhaus

Macht Google die Übersetzungen ärmer?

Das hat für literarische Übersetzung keine Relevanz. Google spuckt ja vor allem viel Irrelevantesten aus. Wenn Sie nach dem Begriff „netzen“ suchen, bekommen Sie alle möglichen Fischereidinge. Aber nicht das, was Sie für ihr Buch brauchen, wo es um Haarflechttechniken oder Handwerken wie das Häkeln geht. Wir haben hier auch alte Neckermannkataloge aus verschiedenen Ländern und Jahrzehnten aufbewahrt – das ist für uns gewissermaßen der Brockhaus des Alltagslebens. Wir haben aber auch Ausgaben des Brockhaus, die das Eintauchen in eine Epoche erleichtern. Und beispielsweise die Frage beantworten, ob Sie in einem Roman, der 1920 spielt, schon den Begriff „Keks“ verwenden dürfen. Tatsächlich haben wir auch alte Beate-Uhse-Kataloge, weil sich auch in diesem Bereich die Begrifflichkeiten ändern. Wir haben sogar etwas zu SM-Technik.

Da bekommt das Wort Nachschlagewerk ja eine ganz neue Bedeutung

……ja, aber für den Niederrheiner bedeutsamer ist vielleicht ein Lexikon der Fachbegriffe im Bestatterhandwerk.

Im Alter von 42 Jahren geraten Menschen ja schon mal in eine Midlifecrisis. Gilt das für das 1977 gegründete Kolleg auch?

Überhaupt nicht. Es kann nicht besser laufen. Wir haben hier 30 Zimmer und die sind fast immer voll belegt und wir müssen sehen, wie wir alle unterbringen. Hinzu kommt: Das mag hier ein bisschen Oldschool aussehen, aber dahinter steckt ein professionelles Unternehmen, wir kümmern uns auch um Dinge wie Steuererklärung für Ausländer, Gema, Künstlersozialkasse, Kindergeld und alle diese Dinge.

Man stellt sich Übersetzer immer als einsamen Streiter vor. Aber hier kann er sich vernetzen, hier wird er unterstützt und nimmt das immer dankbarer an?

Ja, das hat sich bewährt. Auch die Wertschätzung für die Übersetzung hat sich erhöht. Und wir können weitaus mehr Stipendien vergeben als früher. Wir haben hier Menschen aus aller Herren Länder. Letztens haben wir gemeinsam einen Ausflug nach Düsseldorf gemacht, mit Menschen aus England, Argentinien, Lettland, Brasilien. Als wir dann von der Autobahn herunterfuhren, sagten sie: Jetzt sind wir gleich daheim. Die kennen hier im Ort ihre Kneipe, ihren Bäcker, ihren Bioladen und ihren Tabakhändler. Viele kommen für die Arbeit immer wieder hierher, für die ist das ein zweites Zuhause.

Übersetzer aus Sao Paulo, Tokio und Kairo genießen die Ruhe des Niederrheins

Etwas bösartig formuliert: Weil sie hier in Straelen nichts von der Arbeit ablenkt?

Tatsächlich ist es für viele genau das. Die Leute kommen oft aus großen Metropolen wie Sao Paulo, Tokio, Kairo. Die brauchen diese Ruhe, diese Fokussierung. Die machen auch mal eine Fahrradtour, aber die gehen hier tatsächlich in Klausur und können hier tatsächlich in Ruhe denken und schreiben.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben