Fotoausstellung

Wie das Ruhrgebiet die Zukunft plante – seit 100 Jahren

Der Kurator der Ausstellung Holger Klein - Wiele hat 120 Bilder aus dem Archiv des Regionalverbandes Ruhr für die Ausstellung ausgewählt. Auf dem großen Lichtpositiv hinter ihm sehen wir den Blick aus dem Fenster einer Wohnung in Duisburg-Laar auf die August-Thyssen-Hütte im Jahre 1952.

Der Kurator der Ausstellung Holger Klein - Wiele hat 120 Bilder aus dem Archiv des Regionalverbandes Ruhr für die Ausstellung ausgewählt. Auf dem großen Lichtpositiv hinter ihm sehen wir den Blick aus dem Fenster einer Wohnung in Duisburg-Laar auf die August-Thyssen-Hütte im Jahre 1952.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Im Oberhausener Peter-Behrens-Bau erlauben Landschaftsverband und Regionalverband einen ersten Blick in ihr Bildarchiv. Online gibt es bald mehr.

Manchmal ist ja nichts aktueller als die Zukunft von gestern. Und das genau verhindert den Etikettenschwindel bei der Fotoausstellung „Die Zukunft im Blick“. Denn Kurator Hubert Klein-Wiele nimmt im Peter-Behrens-Bau in Oberhausen ja weniger die Zukunft des Jahres 2020 in den Blick als vielmehr die Zukunft, die die Menschen im Siedlungsverband Ruhrgebiet, dem Vorläufer des heutigen Regionalverbandes Ruhrgebiet (RVR) vor hundert Jahren in den Blick nahmen.

Und schon damals war Fotografie und Grafik das Mittel der Wahl, um die Probleme des Ruhrgebiets vor Augen zu führen – und Lösungsmodelle zu präsentieren. Entstanden ist in Oberhausen eine kleine, feine Schau, die aus dem Konvolut der Bildersammlung des RVR zusammengestellt wurde. Rund 35.000 Bilder hat der RVR vor 20 Jahren dem Landschaftsverband vermacht und jetzt hat man begonnen, den Bilder- und Dokumentenschatz zu heben, zu reinigen, zu digitalisieren und zu inventarisieren. Bis Ende des Jahres sollen immerhin 2000 Fotos und Grafiken aus der Geschichte des Ruhrgebiets online zugänglich und recherchierbar sein, kündige Historiker Holger Klein-Wiele vom LVR-Museum für Industriekultur an. So machen also Regionalverband und Landschaftsband hier gemeinsame Sache.

Ein Appetithappen, der Lust auf tiefere Einblicke macht

Die ersten rund 120 Bilder liefern einen ersten Appetithappen, der Lust auf tiefere Einblicke macht. Dabei gilt: Fast ebenso eindrucksvoll wie die Gebrauchsfotografie sind die Skizzen Karten und Grafiken, die man auf zweierlei Weise interpretieren kann: „Alles kommt wieder“ oder „Manche Probleme hat der RVR noch nach hundert Jahren nicht gelöst.“ Die Ausstellung indes, sie kommt zustande aus Anlass des 100-Jährigen Bestehens des SVR, dessen Nachfolger RVR coronabedingt kaum feiern konnte. Die Oberhausener Schau ist also ein kleines, feines Pendant der Jubiläumsausstellung auf Zollverein in Essen.

So steht man staunend vor einer Modellrechnung von 1928: Die Fahrt ins Grüne über gut 50 Kilometer von Gelsenkirchen-Buer nach Hohensyburg kostet 2,60 Reichsmark. Der Berliner reist hingegen reist schon für 80 Pfennige von Charlottenburg in die Mark Brandenburg. Preisrelationen die sich bis heute kaum verändert haben - für das 1929 projektierten Tramnetz für Essen indes würden Nahverkehrsfreunde heute sicherlich mit Freuden das Doppelte fürs Ticket 2000 zahlen.

Und wo wir gerade bei den Bahnen sind: 1938 bereits wurde ein Ruhrschnellverkehr projektiert. In 77 Minuten sollte es mit dem RRX der Weimarer Republik damals von Dortmund nach Köln gehen. Zum Vergleich: Der Regionalexpress braucht selbst heute noch zehn Minuten mehr. Wenn er denn dereinst mal wieder fährt. In den Plänen von 1928 war auch eine direkte Strecke Essen-Oberhausen unter Umgehung von Mülheim geplant.

Lufttaxis flatterten offenbar auch damals schon in den Köpfen herum

Auch nach dem „Modal Splitt“ der Chemiewerke in Hüls indes würde man sich heute bei den Klimaschützern sehnen: Die meisten Arbeitnehmer kamen zu Fuß oder mit dem Rad, manche auch mit dem werkseigenen Autobus. Handkoloriert und schön grafisch aufgearbeitet als handkoloriertes Dia schon 1951 und jetzt in Oberhausen raumfüllend gezeigt. Konsequenz damals wie heute: Forderungen nach dem vehementen Ausbau des Radwegenetzes. Hinzugefügt sei, dass man selbstredend für jede größere Stadt einen Flughafen forderte vor knapp hundert Jahren. So etwas ähnliches wie der Lufttaxidienst flatterte auch damals offenbar schon in den Köpfen herum.

Aber Schluss mit dem Genörgel über die Verkehrsplanung – und mit dem Blick ins Grafiken-Kabinett. Man darf auch Eintauchen in Bilderwelten zwischen Halden und Fördertürmen, in den fünf Themenfeldern „Wohnlage“, „Planwerk“, „Verkehrsader“, „Grünzone“ und „Spielwiese“. Wir blicken auf Werbekampagnen, bei denen Models ins Bergwerk einfuhren, wir sehen strahlende Blagen mit Fußball und verhärmte Menschen in halbdunklen Zimmern mit Blick auf Förderturm oder Halde.

Das Wort „Gemengelage“ fürs ungeplante Durcheinander des Ruhrgebiets ist das Schlagwort. Und SVR und Nachfolger versuchten, das ganze ein wenig zu ordnen. Durch neue Verkehrswege, durch Raumplanung, durch Freizeitareale. Das alles wird in der Gebrauchsfotografie der Ausstellung eindrucksvoll dokumentiert. Und wie die Begriffe schon andeuten, wird der Himmel über der Ruhr im Laufe des Durchgangs (wegen Corona bitte brav im Uhrzeigersinn!) langsam blauer. Auch, wenn „Rauchschäden“ seinerzeit vor allem die grünen Lungen trafen – in denen krüppelige Eichen mühevoll gegen Smog und Gift anzuwachsen versuchten.

Manchmal meint man, Szenenbilder eines Schimanski-Tatorts vor sich zu haben

Von heruntergekommenen Kotten im Modder über Modellsiedlungen wie die Heimaterde in Mülheim und die Häuser am Wambachsee in Duisburg reichen die Blicke in und aus dem Fenster, wo sich oft genug die Halde türmt oder zumindest der nächste Förderturm zu sehen ist. Manche Dokumente von einst erinnern an die hohe Kunst der Streetfotografie - und manchmal guckt man ganz genau hin, weil man denkt: das muss doch ein Szenenbild aus einem Schimanski-Tatort sein.

Da die „Spielwiese“ Grünzonen, Revierparks und Ausflugsziele zeigt und mit Bildern bis weit in die 80er Jahre bestückt ist, wird die Ausstellung zumindest für Menschen über 50 charmante „Weißt-du-noch“-Gefühle auslösen, beim Blick in den Westfalenpark beispielsweise, wo hinten eine rot-braun-graue Wolke aus der Phoenixhütte für einen zweifelhaften Farbeffekt sorgt. Und das liegt nicht nur am Agfacolor-Film...

„Die Zukunft im Blick“, ist im LVR-Industriemuseum Peter-Behrens-Bau bis zum 30.05.2021 zu sehen, danach auf der Zeche Zollern in Dortmund, geöffnet di-so 11-17 Uhr, Eintritt 5 Euro, der gleichnamige Katalog, 224 Seiten, kostet 19,90 Euro und ist im Aschendorff-Verlag erschienen. www.diezukunftimblick.lvr.de

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