Kino

„Vom Ende einer Geschichte“: Historiker des eigenen Lebens

Eine Jugendliebe, Jahrzehnte später: Charlotte Rampling

Eine Jugendliebe, Jahrzehnte später: Charlotte Rampling

Foto: CBS Films

Leuchtend melancholisch: Regisseur Ritesh Batra verfilmt Julian Barnes’ Roman „Vom Ende einer Geschichte“.

Tony Webster, pensionierter Historiker, führt ein ruhiges Leben: Seine Exfrau Margaret trifft er entspannt zum Lunch, die alsbald allein erziehende Tochter Susie begleitet er zum Geburtsvorbereitungskurs. Britisches Mittelstandsglück also, ein gediegener Fünfuhrtee der Seele. Bis Tony ein Brief erreicht: Er hat ein Tagebuch geerbt. Nur befindet sich dieses Tagebuch augenblicklich bei Tonys Jugendliebe Veronica Ford. Und die rückt es nicht heraus.

Mit erstauntem, eulenhaft verschleiertem Brillenglasblick taumelt Tony (Jim Broadbent) durch die ersten Filmminuten, bis die Wut über Veronicas Sturheit ihn aus der Lethargie reißt. In langen Gesprächen mit Exfrau Margaret (Harriet Walter) erinnert Tony sich – aber woran genau? Wie war das damals, als die Jungs seiner Clique die Uhren falsch herum trugen und darüber diskutierten, ob Geschichte nur aus „den Lügen der Sieger“ bestehe? Oder: „den Selbsttäuschungen der Besiegten“?

Die Welt, die Regisseur Ritesh Batra uns in Rückblenden nahebringt, leuchtet in nostalgischem Glanz; dieses Leuchten aber hat zugleich etwas Diffuses, scheint manches im Schatten zu lassen. Tony verliebt sich in ein Mädchen namens Veronica, so schön wie schwierig, er besucht sie auf dem Landsitz ihrer Familie – doch sie trennt sich von ihm, um sich wenig später seinem besten Freund Adrian zuzuwenden. Hatte Veronicas Mutter recht, die Tony vor der eigenen Tochter warnte? Aber warum hat Adrian, der glücklich Erwählte, sich umgebracht?

„Vom Ende einer Geschichte“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Julian Barnes; der britische Schriftsteller hatte 2001 für das Buch – endlich! – den Booker Prize erhalten. So schwierig der Transfer von einer Kunstform in die andere stets ist: Der Film fängt die melancholische Grundierung des Buches trefflich ein, streut Zweifel an den richtigen Stellen, begibt sich in Erzählschleifen immer wieder zu den entscheidenden Momenten zurück. Wenn am Ende Tony mitten auf einer Londoner Brücke die leibhaftige Veronica (in Gestalt der großartigen Charlotte Rampling) trifft, dann ist sie so harsch und kühl wie einst. Sie gibt ihm zwar nicht das Tagebuch, Adrians Tagebuch, wie sich herausstellt, aber einen Brief. Tony selbst hat ihn einst geschrieben. Aber das Geschriebene vor langer Zeit glücklich verdrängt.

Was prägt unser Leben?

Wie sicher sind wir unserer eigenen Vergangenheit? Worauf beruht unser Bild von uns selbst? Was prägt unser Leben? Tony stellt sich der eigenen Schuld, seine Wut weicht einer reuevollen Reinigung. Das Bild aber, das haften bleibt, gehört Charlotte Rampling, die im Trenchcoat und flachen Schuhen eine Vorstadtstraße entlangeilt, ungebeugt und würdevoll. Ihre Veronica ist am Ende dieser Geschichte eine Betrogene, Besiegte, die es nie nötig hatte, sich durch Selbsttäuschung zu trösten.

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