Interview

Warum Doro Pesch schon mehrmals um ihr Leben fürchtete

| Lesedauer: 10 Minuten
Doro Pesch ist aktuell sowohl musikalisch als auch anderweitig aktiv.

Doro Pesch ist aktuell sowohl musikalisch als auch anderweitig aktiv.

Foto: Jochen Rolfes / Seaside Touring

Essen.  Doro moderiert eine neue Hörspielreihe, die Verbrechen dokumentiert. Doch die Metal-Ikone rannte selbst schon um ihr Leben, wie sie uns verriet.

Seit fast 40 Jahren ist Doro Pesch als Musikerin aktiv. Aktuell werkelt die gebürtige Düsseldorferin an Songs für eine Ukraine-Benefiz-Album und der Organisation des „Most Wanted“ -Charity-Festivals, bei dem sie am 2. April in Neumünster den Headliner-Slot bestreiten wird. Zuvor ließ sich die heute abwechselnd in New York und Florida lebende Metal-Ikone noch für ein anderes Projekt begeistern. Sie moderiert die neue WDR-Hörspielreihe „Dunkle Seelen“, die sich wahren vergangenen Geschichten aus den Bereichen Drogen, Kriminalität und Krieg widmet. Die Themenbandbreite reicht von Charles Manson über Pablo Escobar bis hin zum Columbine-Amoklauf. Die 57-Jährige hat aber auch schon selbst genügend brisante Situationen überstanden, wie sie im Gespräch mit Patrick Friedland verriet.

Sie sind zurzeit in einer neuen Hörspielreihe zu hören. Wie kam es dazu?

Die Produzentin Isabelle Platthaus hatte mich kontaktiert. Dann haben wir uns getroffen, ich bekam die Hörspiele gesendet und da sind sehr interessante Sachen dabei. An die meisten kann ich mich selbst noch erinnern, gerade die Geschichte um Charles Manson hat mich damals sehr schockiert. Jetzt wollte ich aber mal Hintergründe zu diesen Geschichten erfahren, in die Tiefe gehen. Und das Projekt half mir auch, die eigenen Sinne zu schärfen, wo Gewalt droht. In New York gibt es zum Beispiel öfter mal Situationen, in denen man sofort die Straßenseite wechseln sollte.

Gab es Mitspracherecht, was die Auswahl der Geschichten angeht?

Nee, das war schon alles fertig. Ein Kriegsthema war mir zu heftig, da konnte ich nicht mit umgehen. Das haben wir dann rausgelassen.

In den Intros der Folgen fällt der Satz „Das kann manchmal ganz schön verstörend sein“. Welche Geschichte ist für Sie die verstörendste?

Generell die Wandlung von Harmlosen zum Schlimmen. Ich habe Musiker immer so kennengelernt, dass man im Herzen was Gutes tun und die Welt verbessern will. Charles Manson war ja wohl ein sehr talentierter Musiker. Dass der Teenager zum Morden anstiftet und derart manipuliert, hat mich sehr geschockt. Und der Columbine-Amoklauf. Dass zwei Teenager zu so etwas in der Lage sind.

„Wer eine schwere Kindheit hatte, hat ein großes Potenzial dafür, später sehr böse zu werden“

Auch sagen Sie den Satz: „Ich frage mich, warum Menschen böse Taten begehen.“ Haben sie die Antwort gefunden?

Die Geschichten sind sehr verschieden. Aber was mir auffiel: Wer eine ganz schwere Kindheit hatte, hat ein sehr großes Potenzial dafür, später sehr böse zu werden. Ich glaube, wir müssen viel mehr Acht auf die Menschen um uns herum geben und uns um sie kümmern. Seitdem ich die Reihe eingesprochen habe, spreche ich es zum Beispiel sofort innerhalb meiner Band an, wenn mir auffällt, dass jemand vielleicht etwas auf dem Herzen hat.

Schauen Sie sonst gerne Krimis oder Crime-Dokus?

Ich bin ja ein Nachtmensch, komme oft erst nachts aus dem Studio, mache dann zum Abschalten nochmal kurz den Fernseher an – und bleibe tatsächlich öfter dabei hängen. Viele Geschichten haben mich schon sehr geschockt. Vor allem, weil sie oft ganz nahe an Orten geschahen, an denen ich teilweise nur Tage oder Wochen vorher live spielte.

Haben Sie selber in Ihrer Zeit als Musikerin schlimme Erfahrungen gemacht?

Oh ja, einige. Besonders gefährlich war es einmal in Nevada. Da sollten wir mit Warlock in der Wüste in einem Club spielen. Ich war im Hotel, Crew und Tourmanager am Club. Nachdem ich meine Sachen auspackte, rief mich der Manager an: „Doro, du kannst heute nicht spielen. Das ist hier lebensgefährlich.“ Ich dachte, er übertreibt und wollte unbedingt die Show spielen. Er ließ sich aber nicht überstimmen und dann einfallen, dass ich krank wäre, als Grund für die Absage.

„Da standen plötzlich zehn Typen mit Baseballschlägern ...“

Wie ging’s aus?

Ich bekam einen Anruf von der Hotelrezeption, dass der Veranstalter mit zehn Typen und Baseballschlägern vor der Tür steht und „die kranke Sängerin sprechen wollen“. Wir gerieten in Panik, Crew und Band ließen alles stehen und liegen, sind durchs Fenster über Nottreppen rausgeklettert, in den Bus gerannt und gefahren. Die sind uns aber stundenlang hinterhergefahren, mit so einem klassischen Redneck-Pick-up-Truck. In der Wüste, wo nichts und niemand ist. Nach fünf Stunden hatten die aufgegeben, wahrscheinlich ist der Sprit ausgegangen. Wir wären da sonst wohl nicht mehr lebend rausgekommen. Kurz danach habe ich angefangen, Kampfsport zu machen. Das hätte bei den Baseballschlägern zwar nichts genützt, aber ich wollte mich generell sicherer fühlen.

In der Episode um Drogenbaron Pablo Escobar sagen sie: „Kolumbien ist ein sehr gefährliches Land“. Haben Sie da auch schlechte Erfahrungen gemacht?

In Kolumbien waren wir einmal beim Soundcheck, ich wollte kurz raus, Essen holen. Und dann standen da nur Menschen in Armeeuniform mit Maschinengewehren und patrouillierten. Plötzlich hatte ich keinen Hunger mehr. Brasilien war auch oft hart. In die Favelas sollte man sich nur mit Begleitung trauen. Wir waren erst so naiv und dachten „Och, hier können wir ja coole Fotos machen“. Das haben wir dann lieber schnell sein gelassen. Generell kann man in Amerika viele böse Überraschungen erleben, in New York habe ich das ebenfalls oft mitbekommen, einmal waren sogar meine Eltern betroffen.

Was ist passiert?

Ich hatte sie zu mir eingeladen, die hatten sich immer Sorgen gemacht, also wollte ich zeigen, wie cool New York ist. Mitten in der Nacht weckte mich meine Mutter, dass Einbrecher im Haus rumgelaufen und über die Feuertreppe geflüchtet wären. Später wollte ich sie mit dem Taxi rumfahren und dachte, das wäre sicher. Das Taxi fing aber plötzlich an zu brennen. Wir mussten raus, ausgerechnet in der schlimmsten Gegend der Stadt. Da war eine Gang hinter uns her und meine Mutter fragt noch, ob das Jugendliche sind, die zur Arbeit gehen. Ich rief dann nur noch: „Rennt um euer Leben!“, das hat zum Glück geklappt. Ja, gerade in den 80ern war New York hart, aber eben auch superspannend. Und ich liebe eben Abenteuer …(lacht)

Leben Sie immer noch da?

Ich habe eine kleine Wohnung und ein Studio in New York und eine Wohnung in Florida. Da bin ich gerade im Winter oft, denn die sind in New York brutal. Da frieren schnell die Leitungen zu und es gibt oft keinen Strom. Während der Deutschland-Reisen lebe ich in Düsseldorf bei meiner Mutter, auch hier haben wir Studios zur Verfügung.

Mal zur Live-Musik: Sie spielten seit dem Ausbruch der Pandemie sowohl Autokino-, als auch Strandkorb-, als auch normale Konzerte. Wie blicken Sie mit etwas Abstand darauf zurück?

Ich fand es super. Es war toll, dass sich Leute bemüht haben, so was wie Autokino- oder Strandkorbkonzerte auf die Beine zu stellen. Alle, die da waren, hatten irre Spaß, weil sie sich nach sowas sehnten. Ich habe auch zehnmal mehr Gas gegeben als sonst, damit es richtig rockt. Zudem konnten wir die Band am Leben halten. Wer keine Auftritte hatte, musste ja oft andere Jobs annehmen. Ich hoffe nur, wir kriegen für die nächste Tour wieder einen Tourbus. Wir sind zuletzt mit Pick-ups gefahren, das war super anstrengend. Fast kein Schlaf, ich habe mich gefühlt wie in den Anfängen mit Warlock.

„So ein schönes Geschenk hatte ich noch nie bekommen“

Letzte Frage: Sie besitzen eine Patronenhülse mit Asche des verstorbenen Motörhead-Frontmanns Lemmy Kilmister. Wie kam das?

Eines Tages rief mich meine Mama an, dass ein Päckchen aus Los Angeles ankam, vom Club Whisky a Go Go. Ich dachte, ich habe da beim letzten Gig sicher was vergessen, habe schon oft da gespielt. In dem Paket war allerdings ein Brief und eine kleine Patronenhülse, „Lemmy“ drauf eingraviert. Dann las ich den Brief und bin erstmal hinten rüber gekippt. Lemmy wollte, dass seine engsten Freunde seine Asche erhalten. Das ist so rührend und traurig zugleich, so ein schönes Geschenk hatte ich nie zuvor bekommen. Wir waren seit den frühen 80ern eng befreundet. Ihn hätte ich nachts um drei anrufen können, wenn ich einen Rat gebraucht hätte.

>>> INFOS: Doro live in Duisburg + „Dunkle Seelen“

Konzerte: 29.5. Steinhof Huckingen. Karten für ca. 38 € und weitere Infos unter steinhof-duisburg.de. Zudem wird Doro auch im Rahmen des Duisburger Stadtfest (21.-24.7.) auf der Bühne stehen, das genaue Datum steht noch nicht fest.

Die Hörspielreihe „Dunkle Seelen“ finden Interessierte unter anderem auf
wdr.de/radio/hoerspiel.

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